Unter der rosa Wolldecke

Autor
Maria Gerhard

In Singen sorgten die Amigos, Deutschlands bekanntestes Schlagerduo, in der Stadthalle für ein ausverkauftes Konzert. Die SN waren Backstage bei Karl-Heinz und Bernd Ulrich.

Rosarot ist die Welt, in die man eintaucht, lässt man sich auf einen Abend mit den Amigos ein, Deutschlands erfolgreichstem Schlagerduo. Das beginnt schon beim Fanshop: Lauter Teddybären sitzen da aufgereiht und warten auf die Fans, die an diesem Freitagabend langsam das Foyer der Stadthalle Singen füllen. Die T-Shirts der Bären sind bedruckt mit dem Konterfei der Brüder Karl-Heinz und Bernd Ulrich, in rosa Hawaiihemden. Das Foto der Amigos ist allgegenwärtig. Es prangt auf den Büchern, den CDs, auf den Kissen und sogar einer Wolldecke. «Dann kann man mit ihnen kuscheln», sagt eine ältere Dame, scheinbar mehr im Scherz. Sie testet die Decke trotzdem auf ihre Qualität.

Die Amigos sind derzeit auf ihrer Gold-Tournee 2018. Der Erfolg der Brüder war nicht geplant, aber 2007 haben der Fernfahrer Karl-Heinz und der Bierbrauer Bernd ihre Berufe aufgegeben und sich ganz der Herzschmerzindustrie verschrieben. Und die dankte es ihnen mit diversen Gold- und Platin-Schallplatten. Derzeit sind die Brüder wieder in der Kategorie Volkstümliche Musik für den Echo nominiert. Und wer an dieser Stelle noch Zweifel hat, dass sie echte Stars sind: In ihrer Heimatstadt Hungen in Mittelhessen ist eine Strasse und ein Gasthaus – das «Amigo Mio» – nach ihnen benannt.

Solche Chartstürmer sollte man kennenlernen, wenn sich einmal die Gelegenheit bietet. Statt in eine private Garderobe geht es in eine Art Lagerhalle. Und da ist der Rücken von Karl-Heinz Ulrich, dem Älteren der beiden Brüder. Er sitzt an einem Tisch und raucht. Nein, er macht sich nicht die Mühe aufzustehen, als der Besuch kommt. Also quetscht man sich an seinem Rücken vorbei auf einen Plastikstuhl. Zwei müde Augen schauen herüber. Der 70-Jährige hat zwei Plastikbecher vor sich stehen. Der eine ist mit Kaffee gefüllt, der andere mit Wasser. In Letzterem wurden bereits mehrere Zigarettenstummel ertränkt. 700 Fans werden heute erwartet. Na, Lampenfieber? «Nee, da ist gar nix mehr», sagt er. «Wir warten einfach, bis es so weit ist.» Ständig auf Tour, ist das nicht anstrengend? «Ach was, mühsam sind vielleicht die vielen Tausend Kilometer, die wir fahren müssen. Ich fahre alles selber, schliesslich war ich lange Fernfahrer.» Auch heute Nacht, nach den letzten Autogrammen und Fan-Fotos, geht es wieder 420 Kilometer zurück in die Heimat. «Solang mir das Spass macht, geht das alles», sagt Karl-Heinz.

Auf dem Boden geblieben

Er war bereits 58 Jahre alt, als der Durchbruch kam. Noch heute scheint er manchmal überrascht davon zu sein: «Das ist schon gewaltig, was in den letzten zehn Jahren mit uns passiert ist. Manchmal liegst du im Bett und denkst: Das kann doch eigentlich gar nicht sein.»

Ihre Popularität erklären sich die Amigos mit ihrer Bodenständigkeit. Und auch der Tonmeister, der bereits mit Andrea Berg und Helene Fischer gearbeitet hat, wird nicht müde zu betonen: «Die Amigos sind einmalig authentisch.» Und dabei würden sie sich auch nicht scheuen, ernstere Themen anzusprechen. Da singen sie etwa über Kindermissbrauch. Die Inspiration dazu holen sie sich vor der Haustür. «Im Nachbardorf wurde damals ein Mädchen namens Julia entführt und missbraucht», sagt Bernd, der inzwischen hinzugekommen ist. Das Lied «Der Schattenmann» entstand. Seitdem sind sie auch Botschafter der Hilfsorganisation Weisser Ring.

Überhaupt, wer ihre Hilfe brauche, bekomme sie. So besuchen sie Kinderhospize und unterstützen die «Tafel». Oder sie rufen mal schnell beim Bürgermeister ihrer Heimatstadt an, in Sachen Spielplatz: «Was ist denn da los, die müssten schon längst mal eine Sandgrube haben.» Tatsächlich nimmt man es den Schlagerstars auch ab, dass ihnen diese Themen wichtig sind. Wäre da nur nicht diese ständige Liiiebee…

Für die Brüder wird es langsam Zeit, sich fertig zu machen. Der Saal ist voll besetzt. Das Publikum, das jenseits der 50 ist, sitzt auf Stühlen. Auf der Bühne zeigt eine Leinwand Fotos von Karl-Heinz und Bernd, von Ruinen und dem blauen Meer. Plötzlich funkelt dort in Goldlettern das Wort «Amigos». Wie beim Vorspann des Films «Star Wars» läuft ein Text nach hinten in einen Sternenhimmel hinein. Damit auch noch Uniformierte zur Kenntnis nehmen: «Mit Liebe im Herzen und dem Mut, seine Träume zu leben, ist alles möglich. Über 100 Platin und Goldauszeichnungen durften die Brüder entgegennehmen…» Dann treten Karl-Heinz und Bernd auf. Das Publikum klatscht und johlt, Fotos werden geknipst. Die Brüder legen los: «Und die Liiiebee zu dir war geboren…» Auf der Leinwand wird ein pochendes rotes Herz eingeblendet, ein Schweinwerfer projiziert Kreise an die Decke. Zwischendrin erheitert Bernd die Menge mit Scherzen wie: «Wir sind in Singen zum Singen.»

Am Ende bedanken sich die Männer unter Applaus bei ihrem Publikum und gehen ab. Und auch die 700 Frauen und Männer machen sich auf den Weg zum Ausgang. Auf der Leinwand werden jetzt wieder Fotos von Karl-Heinz und Bernd, Ruinen und dem blauen Meer eingeblendet. Ein letzter Blick über die Schulter. Bernd auf der Leinwand grinst gerade, den Daumen hat er aufmunternd nach oben gestreckt.

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