«Überleben will gelernt sein»

Elena Stojkova | 
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Karin Hofmann gibt mit ihrem Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» Einblicke in das Leben und Arbeiten von ­humanitär tätigen Menschen. Bild: Selwyn Hoffmann

13 Jahre lang war Karin Hofmann in Kriegsgebieten unterwegs. Sie erzählt von ihrer Sucht nach humanitärer Tätigkeit, von überwältigenden Emotionen, von Menschlichkeit im Krieg.

Wie verarbeitet man, was man jahrelang im Krieg gesehen hat? Der ehemaligen Delegierten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Karin Hofmann, half das Aufschreiben ihrer Erlebnisse. Dieses Jahr ist ihr Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» erschienen, aus welchem sie auch an der Schaffhauser Buchwoche gelesen hat.

Frau Hofmann, für das IKRK (Interna­tio­nales Komitee vom Rotem Kreuz) haben Sie 13 Jahre lang Einsätze in Kriegs­gebieten geleistet. Wie kam es dazu?

Karin Hofmann: Den Wunsch, humanitäre Arbeit zu leisten, hatte ich schon sehr früh. Ich war 20, als ich das erste Mal Unterlagen vom IKRK bestellt habe. Ursprünglich habe ich eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Der Job ist spannend, aber das Spital war mir zu eng. Ich wollte in ferne Länder reisen, Sprachen lernen, aber auch meine Grenzen ausloten. Das Mindestalter für IKRK-Einsätze ist 25. Weil ich dachte, das würde mich auf die Arbeit gut vorbereiten, habe ich in dieser Zeit Soziale Arbeit studiert.

In Ihrem Vorwort reden Sie von einer Sucht nach der humanitären Tätigkeit. Was hat Sie süchtig gemacht?

Die Sinnhaftigkeit dieser Aufgabe. Wenn ich das Leben des Gegenübers, das in einem Kriegsgebiet leben muss, zum Besseren wenden konnte, gab mir das Energie für die weitere Tätigkeit. Dieses Gefühl, für jemanden etwas verändern zu können, hat Suchtcharakter. Es ist keine Sucht nach Adrenalin – wenn ich ein Adrenalinjunkie gewesen wäre, hätte ich auch Bungee-Jumping machen können. Es ist die Sucht nach den menschlichen Situationen in einem furchtbaren Umfeld.

Wie wird man auf diese Arbeit vorbereitet?

Beim Aufnahmeverfahren in Genf wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, im Krieg zu arbeiten. Das konnte ich mir nicht vorstellen: Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Bern aufgewachsen. Es war friedlich, abgesehen von ein paar wenigen Auseinandersetzungen mit meinem Bruder (lacht) . Vom IKRK wurde man in einem einmonatigen Kurs vorbereitet. Aber was Krieg wirklich heisst und was er mit einem macht, das weiss man nicht, bevor man es nicht erlebt hat.

Das heisst, der erste Einsatz ist immer eine Überraschung?

Ja, der erste Einsatz war einschneidend. Meine Kollegen vom IKRK und ich kamen in Israel an, als es mehr oder weniger friedlich zuging. Von einem Tag auf den anderen ist die Intifada ausgebrochen. Die Leute sind am einen Tag noch friedlich durch die Strassen gegangen, und am nächsten Tag hatte es Panzer auf den Strassen, Soldaten haben geschossen. Die Sorglosigkeit ist von einer auf die andere Minute weg, und die Spirale der Gewalt dreht sich. Aus dieser herauszukommen, ist schwierig. Am Anfang standen wir da, schauten uns um, wunderten uns. Man begreift die Gefahr nicht sofort, auch Überleben will gelernt sein.

Wie sah Ihr Arbeitsalltag während der Einsätze aus?

Die meiste Zeit beim IKRK habe ich Gefangene besucht. Die Aufgabe bestand darin, die Gefangenen zu registrieren, mit ihnen zu sprechen, um sich so ein Bild über die Haftbedingungen zu machen und danach den Gefängnisdirektoren mitzuteilen, was geändert werden muss. Das Ziel war immer, die Haftbedingungen und die Behandlung der Gefangenen zu verbessern. Dies gelang zum Glück oft, manchmal war es aber auch schwierig und brauchte Zeit und Ausdauer. Es waren immer sehr intensive Tage, und die Arbeit hört nie auf. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich täglich zwei-, dreimal gelebt habe, weil so viel passierte. In den Kriegsgebieten gibt es keinen Alltagstrott. Man muss immer auf das reagieren, was am dringendsten ist. Wo geht es darum, Leben zu retten, Leiden zu verhindern? Wie kann man die Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung niedrig halten?

Wie sind Sie mit der Gewalt und den ­Grausamkeiten umgegangen?

Der Mensch kann sich an sehr vieles adaptieren. Aber man muss sich auch aktiv darum bemühen, gesund zu bleiben. Mir hat es geholfen, meine Erlebnisse auf Papier zu bringen. So konnte ich sie von der emotionalen auf die Sach­ebene bringen. Die meisten Geschichten meines Buches sind während der Einsätze entstanden. Aber auch gegen die Erschöpfung und die Müdigkeit musste ich etwas tun. Dann habe ich das Yoga entdeckt. Im Kriegsalltag muss man die Auszeiten bewusst und achtsam leben. Man weiss vorher nicht, wie man unter enormer Belastung reagiert. Im Kriegsgebiet ist nochmals eine ganz andere Karin hervorgekommen. Man lernt sich selbst neu kennen. Es kommen Gefühle an die Oberfläche, die man im normalen Alltag viel besser im Griff hat. Ich erinnere mich, dass ich mich beim ersten Einsatz fragte, woher die ganze Wut in mir kommt, die neue Emotionalität. Man muss Ausgleiche finden.

Diese 13 Jahre haben Sie also sehr ­verändert. Hat sich auch Ihr Blick auf die Welt und auf den Krieg verändert?

Sicher. Es hat mich auch vorher nicht kaltgelassen, wenn ich Nachrichten geschaut oder gelesen habe. Aber zu wissen und zu spüren, was Krieg für einzelne Menschen heisst, das ist intensiver. Ich habe mich oft gefragt, ob der Mensch grundsätzlich gut ist oder nicht, weil ich sah, wozu er fähig ist, wenn plötzlich nicht mehr sanktioniert wird, wenn er etwas Furchtbares macht. Daran habe ich lange herumstudiert.

Haben Sie sich in diesen 13 Jahren ­irgendwo zu Hause gefühlt?

Ich denke schon. Ich hatte immer eine starke Beziehung zu Bern, das war mir wichtig. Ich ging immer wieder zurück, um lange Pausen zu machen, bis ich das Gefühl hatte, zu Hause zu sein. Aber oft freute ich mich auch, in die Einsatzgebiete zurückzukehren. Es war für mich jeweils ein temporäres Zuhause.

Welches Erlebnis hat Sie besonders ­berührt oder geprägt?

Da gibt es viele. Aber natürlich sind einige Momente herausgestochen. So einer war die Repatriierung von irakischen Kriegsgefangenen aus dem Iran. Fast tausend Kriegsgefangene wurden 20 Jahre nach dem Iran-Irak-Krieg entlassen. Es war enorm prägend, zu sehen, was 20 Jahre Gefangenschaft ohne Kontakt zur Aussenwelt mit Menschen macht. Sie hatten alle den gleichen leeren Blick, waren abwesend, wie ferngesteuert. Ihre Familien haben hinter der Grenze mit Schildern auf sie gewartet. Das lässt niemanden unberührt.

Das Buch war also auch eine Art der Verarbeitung Ihrer Erlebnisse. Wie kam es zum Buch?

Vor etwa drei Jahren sagte eine Freundin zu mir, sie wisse noch immer nicht genau, was ich in all diesen Jahren gemacht hätte. Wenn ich jeweils von den Einsätzen zurückkam und gefragt wurde, wie es war, wusste ich nicht, wo ich anfangen sollte. Wie soll man diese Erlebnisse in Worte fassen? Ausserdem hat das IKRK eine strenge Diskretionsklausel. Es entsteht eine gewisse Sprachlosigkeit. Für meine Freunde und Verwandten habe ich meine fragmentarischen Aufzeichnungen der Erlebnisse trotzdem geordnet und überarbeitet. Sie fanden es spannend, und so schickte ich dem Lokwort Verlag eine Leseprobe. Das IKRK gab das Okay für die Publikation, und nun kann das Buch einem breiten Publikum einen Einblick in das Leben und Arbeiten von humanitär Tätigen geben. Ich habe versucht, etwas anderes zu zeigen als das, man täglich in den Nachrichten sieht.

Was wollten Sie zeigen?

Ich wollte zeigen, dass es auch schöne, berührende und manchmal sogar lustige Momente im Krieg geben kann – trotz allem. Es gibt aber auch vieles, was man nicht in Worte fassen kann, das steht auch nicht im Buch. In erster Linie wollte ich die Menschen porträtieren, die dort leben müssen, und zeigen, was es heisst, im Krieg zu leben. Wir konnten hinein und hinaus, sie nicht. Diese Menschen sind die wahren Helden, denn sie müssen mit ihren Kindern, ihrer Familie, ihren Freunden in einem Kriegsgebiet überleben. Krieg hat verheerende Auswirkungen. Es ist unsere Aufgabe, die Folgen von Krieg zu mindern.

Wie war es, mit dieser Arbeit aufzuhören?

Aufgehört habe ich, als ich meine Tochter bekommen habe – sie ist inzwischen sechs Jahre alt. Es ist ein langer und schwieriger Prozess, sich zu resozialisieren, wieder ganz in dieser Welt anzukommen. Ich bin aber auch froh, dass ich diese Spannung nicht mehr in meinem Leben habe. Ich will nicht zurück, aber ich vermisse die Momente, die ich mit dem IKRK erlebt habe. Ich vermisse es, Menschlichkeit in den Kriegsalltag bringen zu können. Ich bin sehr dankbar für das Leben, das wir in der Schweiz führen können. Einen Teil der Sinnhaftigkeit, die ich beim IKRK so geschätzt habe, finde ich aber auch in meinem jetzigen Beruf wieder: beim WOhnenbern, einem Verein, der Wohnraum für Obdachlose bietet. Man muss nicht weit reisen, um jemandem Menschlichkeit entgegenzubringen, der nicht auf der Sonnenseite des Lebens steht.

Karin Hofmann war auch bei den Kollegen des SHf zu Gast. Hier können Sie den Beitrag nochmal anschauen.

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