Praktiker im Anzug: Der neue Kapitän für den kantonalen Gewerbeverband kann Brände löschen
Es ist ein grosses Schiff, das im «Kronenhof» den Kapitän wechselt. Noch wirkt die See ruhig – zumindest im «Paradies Schaffhausen». Doch rundherum toben die Stürme. Krieg in der Ukraine, Eskalation im Nahen Osten, ein unberechenbares Amerika. Das Gewerbe muss zusammenstehen.
Ein fester Händedruck hier und dort und ein Schulterklopfen. Der Saal im «Kronenhof» in Schaffhausen füllt sich. Am Donnerstagabend trifft sich das Who’s who des Gewerbes zur Delegiertenversammlung. Die Stuhlreihen sind dicht gestellt, man rückt zusammen.
Genau das habe Schaffhausen in der Krise stark gemacht, sagt der abtretende Kapitän Marcel Fringer. «Es ist ein Vorteil, dass wir hier so nahe zusammen sind.» Während der Pandemie habe er mehrfach direkt mit dem Regierungsrat telefoniert. Lösungen seien schnell gefunden worden. «Ein Kollege aus Zürich hat mir gesagt: Dort wartest du Monate auf einen Termin», erklärt er später gegenüber den SN.
Stärke durch Nähe
Fringer muss wissen, wovon er spricht. Neun Jahre lang stand er an der Spitze des Kantonalen Gewerbeverbands. Jahre, in denen sich zeigte, wie viel Einfluss ein gut vernetztes Gewerbe hat, gerade in Krisenzeiten. «Wir haben angepackt, Druck gemacht und gemeinsam Lösungen gesucht», sagt er rückblickend. Die Pandemie habe Existenzen bedroht, aber auch Kräfte gebündelt. «Stärke zeigt sich nicht, wenn es gut läuft, sondern wenn es schwierig wird.» Diese Stärke basiere in der Region auf kurzen Wegen, persönlichen Beziehungen und direktem Draht zur Politik.
Der neue Kapitän
Nun übernimmt Luca Jaquet dieses Netzwerk des Gewerbes. Der 36-Jährige wurde an der Versammlung einstimmig zum neuen Präsidenten gewählt. Ein Jahr lang hat er sich bereits im Co-Präsidium neben Fringer an die Aufgabe herangetastet.
Dass er einmal das Präsidium übernehmen würde, war nicht selbstverständlich. «Ohne dich hätte ich das Amt gar nicht gewollt», sagt er zu Fringer. «Du konntest mich überzeugen.»
Jaquet steht im Anzug auf der Bühne. Doch er will nicht darauf reduziert werden, obwohl er gesteht, dass er den edlen Stoff mag. «Sieht so ein Gewerbler aus?», fragt er. «Ich bin mehr als ein Mann im Anzug», macht er deutlich. Er präsentiert Fotos, die ihn beim Bergsteigen und in Feuerwehruniform zeigen.
Tatsächlich ist Jaquet ein Praktiker mit Führungserfahrung. Er vereint mehrere Funktionen etwa als Präsident des Feuerwehrverbands und der Schaffhauser Garagisten. Vor über zwölf Jahren hat er den Familienbetrieb übernommen. Seither führt er als Inhaber die Steiggarage in Beringen und engagiert sich parallel im Milizsystem.
«Er ist ehrgeizig, direkt und ein herzensguter Mensch», sagt sein Werkstattchef Christian Hächler gegenüber den SN am Telefon. «Wenn er etwas anpackt, will er es richtig machen.»
Übergabe mit Symbolkraft
Der Moment der Machtübergabe an der Delegiertenversammlung ist bewusst inszeniert. «Ich übergebe dir das Schiff», sagt Fringer und setzt Jaquet die Kapitänsmütze auf.
Zuvor hat er sich verabschiedet, mit einem «Herz voller Stolz, Erinnerungen und Wehmut». Auf der Leinwand flimmert ein KI-generiertes Bild von ihm, während er selbst Bilanz zieht. Für 2025 weist er einen Verlust von 29’800 Franken aus, rund 1000 Franken besser als budgetiert. Das Kapital beläuft sich auf rund 185’400 Franken. Rechnung und Revisionsbericht wurden einstimmig genehmigt.
Fringer ist dankbar und will den Menschen im Saal auch künftig verbunden bleiben. «Wenn es ganz fest brennt, wisst ihr ja, wo ich wohne», sagt Fringer in Richtung Jaquet, der nun alleine an der Spitze des Verbands steht.
Netzwerk der Macht
Beim Abschied wird deutlich, wie Fringer durch sein Netzwerken einen Ruf aufgebaut hat. Das zeigt sich in den Reaktionen aus dem Publikum. René Bättig, Geschäftsführer von Rolf Meier Reisen, kommt auf die Bühne und kämpft mit den Tränen. Die Reisebranche sei in der Pandemie massiv unter Druck geraten. «Er hat uns unterstützt, nachgefragt, Türen geöffnet», sagt Bättig über Fringer.
Der scheidende Präsident wird zum Ehrenmitglied ernannt. «Das bedeutet mir sehr viel», sagt er. Dann folgt der Spruch: «Wenn du Ehrenmitglied wirst, wirst du alt», sagt Fringer mit einem Augenzwinkern. Er wolle sich nun vermehrt um seine Firma kümmern und freue sich auf mehr Freizeit. Kapitän bleibt er trotzdem, nur auf einem anderen Schiff. Eines seiner Hobbys ist Segeln.
Die nächste Krise kommt bestimmt
Für Jaquet beginnt die eigentliche Aufgabe erst. Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell stabile Verhältnisse kippen können. An diesem Abend muss er bereits ein negatives Budget fürs Jahr 2026 genehmigen lassen. Mit minus 13’730 Franken rechnet er. Widerstand seitens der Delegierten gibt es nicht, das Budget wird ohne Wenn und Aber genehmigt.
Die nächsten Herausforderungen zeichnen sich bereits ab. Global, politisch, wirtschaftlich türmen sich Wolken am Horizont auf. Noch ist es ruhig in Schaffhausen. Vielleicht bleibt es so, aber es kann schnell ein anderer Wind wehen. Dann wird sich zeigen, ob der neue Präsident das Schiff ebenso sicher durch die Wellen steuern kann wie sein Vorgänger. Mit seinen 36 Jahren ist Jaquet zwar noch jung, aber er hat bereits Führungserfahrung, verfügt über ein starkes Netzwerk und als Feuerwehrmann ist er erprobt, ruhig, aber entschieden zu handeln, wenn es brennt.