Auf einmal war die Handyrechnung mehr als doppelt so hoch – das können Sie tun gegen nicht abonnierte Dienste
Handyrechnungen können wegen sogenannten Zusatzdiensten schnell in die Höhe schiessen. Doch was soll man tun, wenn man gar nichts abonniert hat?
Die Digitalisierung beschleunigt viele Prozesse, gerade auch im Bereich der Bankgeschäfte. So kennen heute viele Bankkunden die Vorteile von eBill, das zweifelsohne sehr viel Zeit einspart, wenn Rechnungen beglichen werden müssen. Schnell freigegeben mit nur einem Klick, muss man sich keine Gedanken mehr machen – aber genau das sollte man eben doch. Es liegt nämlich immer noch in der Verantwortung des Bankkunden, die freizugebenden Rechnungen zu prüfen.
Augen auf bei der Rechnungsfreigabe
Bei Handyrechnungen gilt es, besonders aufmerksam zu sein: Es gibt Netzanbieter, die auf detaillierte Rechnungen verzichten und die einzelnen Verbindungen nicht auflisten. Viele bieten zu günstigen Preisen europaweit ein- und abgehende Gesprächsverbindungen sowie unbegrenztes Datenvolumen an. Jeden Monat gibt der Kunde den gleichen Betrag der Handyrechnung frei. Was nicht inkludiert im Abopreis enthalten ist, sind beispielsweise Telefonnummern von Kundendiensten, die Extrakosten verursachen.
Im Oktober 2025 wählte ich, die hier schreibende Redaktorin, eine solche Nummer. Der Grund: Ich hatte für meine Enkelkinder spezielle Adventskalender bestellt. Als das Paket eintraf, stellte ich eine nicht vollständige Lieferung fest und wählte die zahlungspflichtige Nummer des Kundendienstes. Bei der Handyrechnung Ende Monat wunderte ich mich daher nicht, dass der übliche Rechnungsbetrag für mein Abo überschritten wurde – und bezahlte die nicht detailliert zugestellte Rechnung mit einem Klick per eBill. Auch im Monat darauf, als die Rechnung noch höher ausfiel, bezahlte ich den mittlerweile über doppelt so hohen Betrag, wie sonst. Im nächsten Monat wurde erneut anstelle der normalen Aborechnung von 49.90 Franken ein Betrag von über 100 Franken vom Telefonanbieter in Rechnung gestellt.
Ein Abo wider Willen
Erst jetzt wurde mir klar, dass hier etwas nicht stimmen kann. Als ich mich an den Kundendienst des Netzbetreibers Yallo wandte, bekam ich die Auskunft, dass ich einen zahlungspflichtigen Dienst abonniert hätte. Ich verlangte nun vom Netzbetreiber die detaillierten Rechnungen für die Monate Oktober, November, Dezember und Januar – und staunte nicht schlecht: Jeden Freitag um die gleiche Uhrzeit wurde eine SMS-Nachricht mit 15 Franken verrechnet – doch wofür, blieb genauso offen wie die Frage, wo diese SMS-Nachrichten angekommen sein sollen. Im gesamten Zeitraum hatte ich nämlich gar nie eine Nachricht erhalten.
Der Netzanbieter Yallo wusch seine Hände in Unschuld – und fragte, ob ich nicht versehentlich etwas abonniert hätte. Was der Dienst beinhalten sollte, das konnte mir Yallo aber nicht sagen. Der Netzanbieter machte mich nur darauf aufmerksam, dass ich mich an den Anbieter dieser Sonderdienste, die Firma Echovox in Genf, wenden solle. Doch auch dort blieb ich erfolglos: Was der Dienst, den ich scheinbar abonniert habe, beinhaltet, konnte mir niemand sagen.
Schon eine kurze Google-Recherche schafft etwas mehr Klarheit: Zur Firma selbst gibt es zwar nur wenig zu lesen, dafür umso mehr über betrügerische Machenschaften in deren Zusammenhang. Mit einer E-Mail wandte ich mich an Echovox und schilderte, dass ich nichts wissentlich abonniert habe sowie die Tatsache, nie eine SMS-Nachricht mit dem Hinweis auf einen fälligen Betrag erhalten zu haben. Auch forderte ich den Betrag der Kosten von über 200 Franken zurück und machte klar, dass sonst weitere Schritte eingeleitet würden. Die Antwort: Man wolle mir grosszügig entgegenkommen und die Hälfte der Summe zurückerstatten.
Die SMS landen unbemerkt im Spam
Mittlerweile machte ich mich bei meinem neuen Netzanbieter Salt kundig, wie ich dieses vermeintliche Abo wieder loswerde. Der Berater am Telefon von Salt sperrte erst die Handynummer für alle Zusatzdienste und wies mich an, eine SMS an eine dreistellige Nummer zu schicken mit dem Inhalt: «Stop all». Dabei ging der Spamordner des SMS-Dienstes auf dem Handy auf und legte die nie erhaltenen SMS-Nachrichten mit den Hinweisen auf eine Aboverlängerung um eine weitere Woche und die jeweiligen Zahlungsforderungen um 15 Franken frei. Dass es beim SMS-Dienst auch einen Spamordner gibt, war mir neu.
Mit der Hälfte der Summe wollte ich mich nicht zufriedengeben und konnte in einer weiteren E-Mail an die Genfer Firma darlegen, dass ich zum angeblichen Zeitpunkt des Aboabschlusses in einem Interview war, das ich mit dem Handy aufzeichnete und es somit über einen längeren Zeitraum gar nicht betätigen konnte. Keine 24 Stunden später kam die Antwort: «Wir erstatten den gesamten geforderten Betrag an Sie zurück.»
Recherchen im Internet zeigen, dass die Firma bereits schon mehrfach in Medienberichten erwähnt wurde, beispielsweise in Recherchen der Handelszeitung oder K-Tipp.
Der Mobilfunkmarkt und seine Schattenökonomie
Die Reklamationszentrale Schweiz kennt diese Methode nur allzu gut, wie Reto Puma, der Geschäftsführer von Reklamationszentrale Schweiz, bestätigt: «Der Wandel des schweizerischen Mobilfunkmarktes hin zu einer universellen Zahlungsplattform hat eine Schattenökonomie begünstigt, die unter dem Begriff der ‹Abofallen› funktioniert. Dabei spielen komplexen Strukturen der Mehrwertdienste, die Rollen von Plattformbetreibern und die Effektivität der staatlichen Aufsicht zusammen.»
Eine «Abofallen-Polizei» existiere nicht, sondern ein Geflecht aus spezialisierten Behörden, so Puma. Zum einen sei dies das Bundesamt für Kommunikation (Bakom), das als primäre administrative Instanz für Fernmeldedienste agiere: «Es verwaltet die Zuteilung von Kurznummern, führt das Inhaberverzeichnis und setzt Rahmenbedingungen für Preisbekanntgaben fest. Bei systematischen Verstössen kann es Kurznummern entziehen, was bei reinen Infrastrukturbetreibern wie Echovox jedoch rechtlich schwierig ist.»
Auch das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) spielt eine Rolle. Es setzt das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb durch: «Es fokussiert auf irreführende Geschäftspraktiken. Das Seco kann bei kollektiver Gefährdung klagen, jedoch keine individuellen Schadensersatzansprüche geltend machen.»
Eine weitere Behörde ist die Ombudscom: «Sie fungiert als neutrale Schlichtungsinstanz für konkrete Streitfälle zwischen Konsumenten und Anbietern. Sie ist das wichtigste Instrument zur aussergerichtlichen Klärung, besitzt jedoch keine klassische Sanktionsgewalt und handelt in der Regel im Sinne der beklagten Firmen mit Vermittlungsbemühungen.»
Weiter gehört das Bundesamt für Cybersicherheit mit dem nationalen Cybersecurity-Center, die verantwortlich für Cybersicherheit und Bedrohungsanalyse ist, dazu: «Sie warnt die Bevölkerung vor aktuellen Trends.» Schliesslich auch der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte: «Er überwacht den Datenschutz gemäss Datenschutzgesetz.»
Die Diffusion der Verantwortlichkeit
«Trotz massiver öffentlicher Kritik und hoher Reklamationsraten bestehen diese Geschäftsmodelle oft über Jahre hinweg weiter», so Puma. Dies habe strukturelle und juristische Gründe. Die Diffusion der Verantwortlichkeit sei einer der Gründe: «Unternehmen wie Echovox operieren oft als technische Aggregatoren oder Intermediäre und stellen lediglich die Schnittstelle zwischen Mobilfunkbetreibern und den meist im Ausland ansässigen Contentanbietern bereit.» Dadurch würden reklamierende Kunden oft im Kreis zwischen Provider, Aggregator und Inhaltsanbieter verwiesen.
Ein weiterer Grund seien juristische Grauzonen im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb: «Anbieter implementieren oft die gesetzlich vorgeschriebene ‹Button-Lösung›, verstecken jedoch wesentliche Kosteninformationen in unübersichtlichen AGB oder durch unauffällige grafische Gestaltung.» Da formal oft ein «Klick» erfolge, würden die Firmen mit einem gültigen Vertragsschluss argumentieren.
Auch die schwierige Rechtsdurchsetzung sieht Puma als Grund an: «Strafverfahren, wie beispielsweise gegen die Obligo AG, mussten in der Vergangenheit oft eingestellt werden, da der Nachweis unlauterer Absichten oder systematischer Täuschung im Sinne des Gesetzes komplex ist.»
Die Inkassosymbiose sei ebenfalls ein Grund für den Fortbestand dieser Geschäftsmodelle: «Forderungen werden massenhaft an Inkassounternehmen wie Riverty, Infoscore, Inkassodata oder Inkassolution abgetreten.» Diese würden automatisierte Mahnverfahren nutzen, um psychologischen Druck auszuüben. «Viele Konsumenten bezahlen unberechtigte Beträge aus Angst vor einer Betreibung. Neuerdings ist zudem bekannt, dass auch Anwaltskanzleien aus Deutschland verstärkt in diesen Prozess involviert sind», so der Geschäftsführer von Reklamationszentrale Schweiz.
Über 2000 Meldungen im Jahr 2025
Die statistischen Daten von Reklamationszentrale Schweiz zeigen folgendes Bild in Jahr 2025:
Obligo AG (bekannt für Seniorenfallen und aggressives Inkasso): 961 Meldungen und 11’090 Seitenaufrufe der Landingpage.
JustAnswer (5-Franken-Testangebote wandeln sich unbemerkt in teure Abos um): 689 Meldungen, 7803 Seitenaufrufe der Landingpage.
Paycon/Echovox /Mpay (Fokus auf Premium-SMS und irreführende Gewinnspiele): 429 Meldungen, 6598 Seitenaufrufe der Landingpage.
«Zukünftige Trends und die Rolle der KI-Prognosen für 2026 zeigen eine weitere Verschärfung des Problems», so Puma – zum einen die Evolution des Inkassos: «Mahnbriefe werden gezielt vordatiert, um Zahlungsfristen künstlich zu verkürzen und Dringlichkeit zu suggerieren»; zum anderen die «5-Franken-Falle»: «Kleinstbeträge lösen kaum Warnschwellen aus, führen im Kleingedruckten aber zu teuren Dauerabonnements.»
Technische Intransparenz, rechtliche Grauzone und Einschüchterung
Der Geschäftsführer von Reklamationszentrale Schweiz zieht folgendes Fazit: «Das Phänomen basiert auf einem Zusammenspiel von technischer Intransparenz, rechtlicher Grauzone und psychologischer Einschüchterung.» Gleichzeitig entstehe eine Art Symbiose zwischen Plattformbetreiber (Aboanbieter), Mobilfunkanbieter und Inkassofirmen. «Es bleibt eine regulatorische Herausforderung, die Haftung der Mobilfunkprovider und Plattformbetreiber zu verschärfen, um den ökonomischen Anreiz für dieses System nachhaltig zu eliminieren.»