Die Neuen im Thaynger «Knorri-Areal»: Ein Besuch bei den heimlichen Küchenhelfern
In Kloten kaum beachtet, ist die Convenience-Manufaktur Gastronomics mit 35 Mitarbeitenden in den Thaynger «Food-Hub» gezogen – und wurde mit offenen Armen empfangen. Wie gefällt es dem Unternehmen bislang im Reiat? Die SN warfen einen Blick in die neuen Räumlichkeiten.
Das «Knorri-Areal», unweit des Bahnhofs, gehört zu Thayngen wie der Munot zu Schaffhausen oder der Rheinfall zu Neuhausen. Der Lebensmittelhersteller Knorr produziert dort auch heute noch «Aromat», «Stocki» und Suppenwürfel für den Schweizer Markt, wenngleich mittlerweile als Teil der Unilever-Gruppe. Das tut der engen Bindung der Dorfbewohnerinnen und -bewohner – insbesondere der älteren Generationen – indes keinen Abbruch. Viele haben selbst im Areal gearbeitet, und die allermeisten haben jemanden in der Familie oder im Freundschaftskreis, der Selbiges von sich behaupten kann. Man ist durchaus stolz darauf, dass die bekannten Produkte nach wie vor in der Reiatgemeinde übers Band rollen.
Unterdessen ist das Areal mit seinen rund 40’000 Quadratmetern zu gross geworden für Unilever allein. Daher konkretisierte sich im vergangenen Jahr der Gedanke, die Fläche für andere Unternehmen, die ebenfalls in der Lebensmittelbranche tätig sind, zu öffnen und einen «Food Hub» ins Leben zu rufen. Kurz darauf, im Mai 2025, zog mit Gastronomics das erste Unternehmen ins «Knorri-Areal» ein. Die Manufaktur stellt hochwertige Convenience-Produkte wie Suppen, Saucen und Sandwichaufstriche nach traditionellem Kochhandwerk her und verlegte den Firmensitz von Kloten nach Thayngen. «Convenience» ist Englisch für «Bequemlichkeit» und bedeutet in diesem Kontext vorverarbeitete Lebensmittel, welche dem Koch oder der Köchin Zeit bei der Zubereitung sparen.
Wie ist es dem Unternehmen mit seinen 35 Mitarbeitenden bislang ergangen? Zeit für einen Besuch bei Theres Ulrich und Marc Bernet, Co-Geschäftsführer von Gastronomics.
Sicherlich ein grosser Vorteil sei der zusätzliche Platz, den sie in Thayngen vorfanden. Neu hat das Unternehmen 2500 Quadratmeter zur Verfügung, inklusive der Möglichkeit, in den nächsten Jahren weiter zu wachsen und Pläne direkt am gleichen Standort umzusetzen. «Wir waren in Kloten in unmittelbarer Nähe des Flughafens», erzählt Bernet. Die Firma sei dort über die Jahre gewachsen, und irgendwann wurde die Infrastruktur in Zürich suboptimal: Man befand sich in einer Mischzone, in einem ehemaligen Weinkeller eines Wohnhochhauses. «Hier im Reiat konnten wir neue Geräte installieren, etwa eine Pasteurisations- sowie eine Verpackungsanlage, und die Tiefkühlerlinie vereinheitlichen.»
Weniger relevant sei für Gastronomics indes die Grenznähe, da die Firma ihre Produkte hauptsächlich in der Schweiz vertreibt. Auch die bisherigen Lieferanten sollen nicht gewechselt werden.
Thayngen und Schaffhausen waren direkt neugierig
Das Interesse der Gemeinde Thayngen sowie des Kantons am Unternehmen sei gross gewesen, die Wirtschaftsförderung habe eine Ansiedlung von Anfang an unterstützt und begleitet. Der Kontakt entstand bereits vor der Pandemie durch einen langjährigen Mitarbeiter, der einst bei Knorr gearbeitet hatte. Die Behörden seien engagiert – was die beiden Geschäftsführer sich nicht gewohnt waren. «In Kloten hat sich niemand für uns interessiert», berichtet Ulrich. In Schaffhausen sei das Gegenteil der Fall, auch aus der Bevölkerung. «Es nimmt sie Wunder, was hinter dem Zaun des ‹Knorri-Areals› passiert.» Das erste Fazit von Bernet ist deshalb durchwegs positiv. Ein grosser Teil der Mitarbeitenden hat den Schritt nach Thayngen mitgemacht, zudem konnte man einige Köche aus der Region verpflichten. Zurzeit werden noch letzte bauliche Massnahmen vollzogen – ab März könne man dann aus dem Vollen schöpfen, so der 40-Jährige.
«In Kloten hat sich niemand für uns interessiert.»
Ulrich spricht auch die möglichen Synergien im «Knorri-Park» an, gerade wenn es um Energie, Wasser und Abfallbewirtschaftung geht. Als kleineres KMU habe man kaum die Möglichkeit, im grossen Rahmen Investitionen zu tätigen. Aber gemeinsam mit weiteren Playern, die in Zukunft zuziehen sollen, könnte es machbar sein. Zu Unilever stehe man in erster Linie in einem Mietverhältnis, die Unternehmen agieren unabhängig voneinander. Vereinzelt bezieht Gastronomics Rohstoffe des Lebensmittelgiganten. Der Austausch findet allerdings statt, wenn es um das Areal selbst geht, wie es belebt werden könnte. Unilever hat bereits angekündigt, einen siebenstelligen Betrag zu investieren; das Areal soll bis 2030 komplett CO₂-neutral sein. Auch ein «Knorri-Park-Shop» steht weit oben auf der Prioritätenliste. «Immer mal wieder werden wir gefragt, wo man als Privatperson unsere Produkte kaufen könne. Dem wollen wir damit Rechnung tragen», sagt die 37-Jährige.
Der Ruf von Convenience-Produkten habe sich in den letzten fünf, sechs Jahren stark verbessert. Damals war der Begriff noch hauptsächlich negativ konnotiert, heute ist er besser akzeptiert. «Auch Mehl oder Butter sind Convenience-Produkte», sagt Ulrich. «Sie alle haben gemein, dass sie die Abläufe in einer Küche schneller, sicherer und effizienter gestalten.» Besonders grössere Player hätten das bereits verstanden. Oft scheitere es bei kleineren Restaurants nicht am Konzept, sondern an der falschen Zielgruppenstrategie oder Lage. «Wenn ein Restaurant in Schaffhausen bereits eine Gasse zu weit drüben ist, muss ganz anders kalkuliert werden. Man kann nicht einfach das anbieten, was dem Küchenchef gefällt, sondern das, was der Standort hergibt.»
Sandwich oder Suppe statt Besuch im Wirtshaus
«Geht es unseren Kunden gut, dann geht es uns auch gut», beschreibt Bernet das allgemeine Befinden des KMU. Das habe man besonders während der Pandemie gesehen, da habe auch Gastronomics gelitten – mittlerweile geht es wieder bergauf, auch wenn viele potenzielle Restaurantgäste aktuell bewusst mit ihren Konsumausgaben umgehen. Auch der Homeoffice-Trend sorge dafür, dass bei der Mitarbeiterverpflegung sowie bei Verpflegungsmöglichkeiten an Bahnhöfen ein Umsatzrückgang zu beobachten ist. Nur teilweise ausgleichen könnten das Foodtrucks, die an Beliebtheit zugelegt haben. «Wir spüren eine Verlagerung, insbesondere am Mittag: Eher weg von der öffentlichen, klassischen Gastronomie, hin zu Take-away und Fast Food – rasch ein Sandwich beim Beck oder eine schnelle Suppe, das fasst das Konsumverhalten aktuell gut zusammen», so Ulrich.
«Wir sollten uns mehr auf das konzentrieren, was der Gast merkt, etwa wie lange es dauert, bis das Essen kommt.»
Zum herrschenden Fachkräftemangel sieht die 37-Jährige ihr Unternehmen als Teil der Lösung. Erhöhe man die Convenience-Stufe, etwa mit Produkten von Gastronomics, könne das für Entlastung sorgen. «Viele Gastronomiebetriebe haben bereits Anpassungen vorgenommen und beispielsweise die Speisekarte verkleinert. So wird der Fokus auf die Gäste gelegt und Stress aus der Küche genommen.» Küchenchefs leben ihren Beruf und möchten verständlicherweise so viel wie möglich selbst herstellen, ergänzt Bernet, selbst den aufwendigen Kalbsfonds, bei dem man die Knochen extra zukauft, der tagelang Platz auf dem Herd wegnimmt und viel Abfall verursacht. «Für gewisse Gastronomieformate könnten die Zeit und die Mitarbeitenden in der Küche besser genutzt werden. Wir sollten uns mehr auf das konzentrieren, was der Gast merkt, etwa wie lange es dauert, bis das Essen kommt.»


