Schliessung des «Adlers»: «Die fehlenden Parkplätze haben uns das Genick gebrochen»
Das Gasthaus zum Adler muss schliessen, weil die Kunden ausblieben. Die Betreiber Michael Amati und Michelle Bartels machen dreierlei Umstände für das vorläufige Ende im 250-jährigen Gasthaus verantwortlich.
Eigentlich starteten Michael Amati und seine Partnerin Michelle Bartels äusserst zuversichtlich in die Selbstständigkeit: Im September 2022 übernahmen sie das Gasthaus zum Adler und sprachen gegenüber den SN von einem «Glücksfall». Sie wollten das Restaurant während «mindestens 23 Jahren» führen – gleich lange wie ihre Vorgänger Daniel Cavegn und René Spengler –, doch jetzt wurden es nur gut drei Jahre.
Zwar konnten sie sich eine eigene Stammkundschaft aufbauen und einen Gästerekord knacken, doch die Stadt Schaffhausen begann vor fünf Monaten mit den per Abstimmung beschlossenen Sanierungs- und Aufwertungsarbeiten auf dem Schwabentorareal – direkt vor der Haustür von Amati und Bartels. Wegen der Baustelle, die voraussichtlich noch bis im Frühling 2028 bestehen bleibt, wurden unter anderem die Parkplätze auf dem Brühlmann-Areal gesperrt. Eine Entscheidung, die sich als fatal für das Restaurant herausgestellt hat.
Fehlender Umsatz wegen fehlender Parkplätze
Seit dem 19. Januar sind die Türen des «Adlers» fest verschlossen und die Sonnenschirme in der Gartenwirtschaft zugeklappt. Der Grund: fehlender Umsatz. Ein Konkursverfahren wurde eingeleitet. «Wir haben in den fünf Monaten rund eineinhalb Monatsumsätze Verlust gemacht», sagt Amati. «Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo wir einsehen müssen, dass es nicht mehr machbar ist.» Viele Gäste hätten ihnen direkt gesagt, dass sie nicht mehr kommen, weil die Parksituation zu schlecht sei. «Zu unseren Gästen zählten vor allem auch ältere Personen, die zu Fuss nicht mehr ganz so mobil sind. Sie fanden es gut, dass sie auf dem Brühlmann-Areal parkieren konnten und dann nur noch über die Strasse laufen mussten», so Bartels.
«Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo wir einsehen müssen, dass es nicht mehr machbar ist.»
Die von der Stadt während der Bauarbeiten empfohlene Alternative – die Parkhäuser Bahnhof und Diana auf der anderen Seite der Gleise – funktioniere für ihre Gäste nicht. «Das ist für viele zu viel Aufwand. Wir haben von vielen Leuten gehört, dass sie dann Parkplätze suchen müssen, und das wollen sie nicht», so Amati. Zwar gab es am Wochenende einige Gäste, die dann per Bus oder zu Fuss kamen, doch das Geschäft unter der Woche brach zusammen. «Nur zwei Tage in der Woche Umsatz zu machen, reicht einfach nicht», so Amati.
Unheilige Dreifaltigkeit
Neben den Parkplätzen plagten Amati und Bartels aber auch dieselben Probleme, von denen aktuell nur die wenigsten Restaurants verschont scheinen: «Natürlich haben auch wir bemerkt, dass die Kosten für Lebensmittel und vor allem auch die Mieten gestiegen sind», sagt Amati. Auch dass die Menschen seltener auswärts essen gehen, spüren sie: «Die Leute gehen heute vielleicht noch ein- oder zweimal im Monat essen, während es früher zweimal pro Woche war.» Mit diesem Trend und den steigenden Kosten versuchten sie umzugehen, hatten täglich etwa 60–70 Gäste im Restaurant und bedienten an schönen Sommertagen bis zu 140 Personen in der Gartenwirtschaft. Insgesamt seien sie gut über die Runden gekommen, bis die Bauarbeiten begannen: «Die fehlenden Parkplätze haben uns das Genick gebrochen.»
Ohne die Parkplätze fehle für viele Besucherinnen und Besucher der Altstadt auch ein Grund, überhaupt bis zum Schwabentor zu laufen, sagt Amati. Da sie ihre Restauranttafeln nur vor ihrem eigenen Lokal aufstellen dürfen, haben sie keine Möglichkeit, in der Fussgängerzone der Altstadt Werbung zu machen. «Wir waren in unserer Ecke gefangen. Wer ausser einem Touristen läuft denn noch bis zum Schwabentor?»
«Wenn ich beim Manor parkiere, laufe ich an mindestens fünf weiteren Restaurants vorbei, bis ich beim ‹Adler› bin.»
«Ausserdem: Wenn ich beim Manor parkiere, laufe ich an mindestens fünf weiteren Restaurants vorbei, bis ich beim ‹Adler› bin», sagt Bartels. «Wieso sollte ich vom einen Ende der Stadt bis zum anderen Ende der Stadt laufen, wenn ich auch schon andere gute Restaurants dazwischen habe?» Mit diesen Problemen seien sie nicht allein, ein Nachbarbetrieb merke die fehlenden Parkplätze ebenfalls, wie Bartels verrät. «Schaffhausen sollte sich auch mal fragen, wieso momentan so viele Restaurants zugehen», sagt Amati.
Essen zu liefern, war keine Option
Wenn die Kunden nicht ins Restaurant kommen, wieso dann nicht das Restaurant zu den Kunden bringen? Mit Lieferdiensten hätte die fehlende Kundschaft doch ausgeglichen werden können, oder? «Ja, das hätte eventuell noch einen Zustupf gegeben. Man muss es halt einfach auch in der Küche und mit dem Personal machen können», sagt Bartels. Amati, der die Küche leitete, hat sich bewusst dagegen entschieden: «Wenn ich jetzt am Samstagabend 60 Gäste im Restaurant habe und gleichzeitig noch mal 60 Zusatzbestellungen reinkommen, dann stelle ich lieber den Gast zufrieden, der bei uns im Restaurant sitzt und wiederkommt.»
Die Gäste hätten ihnen auch durchweg positives Feedback gegeben. Auf Google wird das Restaurant in über 600 Bewertungen mit 4,5 von 5 Sternen ausgezeichnet, und ihre Gäste seien meist «vollkommen zufrieden» gewesen, so Bartels. «Wir hatten coole Stammgäste, schöne Diskussionen und sehr gute Mitarbeitende im ‹Adler›, wir bereuen unsere Zeit dort nicht», sagt Amati, und seine Partnerin stimmt ihm zu.
Die Zukunft für die Betreiber und ihre Angestellten ist noch relativ offen. Während einige ihrer ehemaligen Angestellten bereits neue Jobangebote in Aussicht hätten und auch Bartels per 1. März eine Anstellung gefunden hat, ist Amati, der vor dem «Adler» als Sous-Chef im Gasthaus zur Guggere in Benken tätig war, aktuell noch jobsuchend. Auch neue Pächter für den «Adler» seien noch nicht gefunden. Die Liegenschaft samt Innenhof gehörte damals der Credit Suisse und ist nun in den Besitz der UBS übergegangen.