Die Sternenwerkstatt im Nohl: Wenn Kinder ein ganzes Dorf schmücken

Mahara Rösli (rma) | 
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Der SN-Adventskalender. Jeden Tag eine Überraschung.

Sie sägen, schleifen und bohren: 23 Holzsterne haben Kinder aus dem Nohl bereits hergestellt. Und viele weitere sollen in der Weihnachtszeit noch folgen. Für alle Dorfbewohnenden, die in dieser dunklen Jahreszeit ein Stück Wärme mit nach Hause nehmen wollen. Heute wartet im SN-Adventskalender eine Weihnachtsreportage auf Sie.

Der Dachboden einer Reithalle mitten im Nohl erinnert an eine fleissige Wichtelwerkstatt. Die Kinder tragen zwar keine roten Wichtelmützen, dafür aber leuchtend grüne Gehörschützer. Sie huschen von einer Ecke in die andere. Eines schleift das noch stachlige Holz mit Schleifpapier. Ein anderes bohrt eine Schraube durch eine Holzlatte. Jemand sägt. «Dieses Stück ist aber ein wenig kurz», schreit Manuela Mändli. Denn es ist laut, die Schneidmaschine übertönt das Gerede der Kinder.

Die beiden Freunde Noah (v.) und Levio (h.) liefern die selbst gemachten Holzsterne direkt vors Haus. Bild: Mahara Rösli

Trotz Lärm: Die Mutter und Polizistin hat die Kinder im Griff, hat ihre Augen überall. Auch sie eilt von einer Ecke in die nächste. Zeigt den Kindern, wie sie mit dem Holz, das sonst auf dem Scheiterhaufen landen würde, hantieren müssen. «Bis jetzt ist noch nichts passiert», sagt sie und lacht.

«In dieser dunklen Jahreszeit möchte ich das Dorf damit ein wenig wärmer machen.»

Manuela Mändli, Mutter und Polizistin

Mändli verfolgt seit zwei Wochen ein kleines Projekt: Der Nohl soll in der Adventszeit mit hölzernen Weihnachtssternen, mit Lichterketten umwickelt, beleuchtet sein. «In dieser dunklen Jahreszeit möchte ich das Dorf damit ein wenig wärmer machen.» Jede Person aus dem Dorf, die einen Stern will, kann einen Wunschzettel in den Briefkasten der Familie Mändli legen. «Die Kinder holen diese dann und beginnen, die Sterne herzustellen.»

Inzwischen hat die Mutter mit ihren zwei Kindern und Kindern aus der Nachbarschaft schon 23 Holzsterne angefertigt. «Sie sind beschäftigt und lernen sogar etwas dabei», sagt Mändli, die gerade dabei ist, mit Bleistift eine Linie auf einer Holzlatte zu ziehen. «Hier kannst du sägen», sagt sie zu Noah. Doch es geht um mehr als das.

«Dieses Projekt mit den Kindern lenkt mich ab. Und wer weiss, vielleicht schaut Papa von oben zu.»

Manuela Mändli, ehemalige Schreinerin
Manuela Mändli zeigt Noah, wo er den Bohrer ansetzen muss, damit die Holzlatte die richtige Länge hat. Bild: Mahara Rösli

Holzsterne für den verstorbenen Papi

«Mein Papa war Bauführer. Er hat mir das Handwerk schon früh beigebracht», erzählt Mändli. Er hat sie unterstützt, wenn sie als Kind eine Seifenkiste oder Ski aus Holz machen wollte. «Egal, welche Idee, er hat meine Ideen immer zugelassen.» Sie machte die Ausbildung zur Schreinerin und arbeitete über acht Jahre auf dem Beruf. «Das hier erinnert mich an ihn.» Mändlis Vater verstarb diesen Frühling nach einer kurzen schweren Krankheit. Es wird das erste Weihnachten ohne ihn sein. «Dieses Projekt lenkt mich ab. Und wer weiss, vielleicht schaut Papa von oben zu.»

Mändli hat gerne viel um die Ohren. Wenn sie dies nicht hat, ist sie schnell gelangweilt. Sie beobachtet die acht Kinder dabei, wie sie vertieft an ihren Sternen werkeln, ein schräges Loch ins Holz bohren. Sie lächelt. «Die Sterne müssen ja nicht perfekt sein.»

Levio hat mit seiner Mutter schon viele Holzsterne gemacht und weiss, wie es funktioniert. Bild: Mahara Rösli

Es gehe darum, anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. «Das war der erste Stern, den die Kinder gemacht haben», sagt Mändli. Sie schiebt den Vorhang zur Seite, guckt aus dem Fenster und zeigt auf das Bauernhaus nebenan. «Da wohnt unsere 90-jährige Nachbarin.» Allein.

Oberhalb ihrer Haustür thront er jetzt: der erste fast ein Meter grosse Weihnachtsstern. Er ist mit einer Lichterkette umwickelt und leuchtet, so fest er kann. Denn die Dämmerung ist noch nicht eingebrochen. «Der Stern brennt eigentlich durchgehend.»

«Wir machen so lange Holzsterne, wie wir Holz haben.»

Manuela Mändli, Mutter und Polizistin

Entstanden ist dieser ganz spontan. Mändli wollte ihre Kinder und deren Cousine an einem Nachmittag sinnvoll beschäftigen und bastelte mit ihnen die Holzsterne. Ohne Hintergedanken. Da hatten die Kinder die Idee, der Nachbarin eine Freude zu bereiten. «Sie war sehr gerührt. Und das hat mit den Kindern etwas gemacht.» Also hätten sie noch mehr Sterne basteln wollen. Am liebsten für das ganze Dorf. «Weshalb nicht, dachte ich mir», sagt Mändli schulterzuckend.

Sterne, die nachhaltig sind

Das Sternenprojekt ist ein Familienprojekt. Mändlis Mann arbeitet als Landwirt und Zimmermann. «Das Holz, welches er auf der Arbeit nicht mehr braucht, landet jetzt bei uns auf dem Hof.» Doch das liegt nicht lange herum. Es wird alles verwertet. «Wir machen so lange Holzsterne, wie wir Holz haben.» Mändli will kein Holz kaufen. «Der Nachhaltigkeitsgedanke spielt da schon auch mit.»

Hilfe bekommt die Polizistin von ihren Freundinnen aus dem Dorf. An diesem Mittwochnachmittag sind es zwei Frauen, die mit den Kindern im Wohnhaus und in der Werkstatt basteln.

Auch im Wohnhaus der Familie Mändli – wo hölzerne Tannenbäume entstehen – herrscht Vorweihnachtsstimmung. Bild: Mahara Rösli

Denn Mändli kann nicht überall sein. Während sie mit einigen Kindern in der Scheune ist, bastelt ihre Freundin mit zwei Kindern hölzerne Tannenbäume. Doch die Konzentration hier in der Wärme lässt nach. «Das ist auch okay», sagt Mändli und lacht. Die Kinder holen sich draussen einen warmen Punsch, stürmen weiter in die Kiesgrube, wo sie mit ihren Fahrzeugen spielen.

Doch da ist noch eine Aufgabe: Die fertigen Holzsterne müssen ausgeliefert werden. Levio, Noah und Lucien holen drei fertige Sterne vom Dachboden und packen diese in den Anhänger ihrer Trettraktoren. «Du musst den richtig am Traktor befestigen, sonst geht es nicht», sagt Levio. Die drei Freunde steigen auf den Traktor und trampen los. Auf die Dorfstrasse. «Mein Stern ist für meinen Opa», sagt Noah.

Kaum sind die Sterne fertig, liefern die Kinder diese mit Trampitraktoren eigenhändig aus. Bild: Mahara Rösli

Inzwischen bricht die Dämmerung im Nohl ein. Und tatsächlich: An verschiedenen Hausfassaden, auf Terrassen und Fenstern sind funkelnde Holzsterne angebracht. Ganz symmetrisch sind diese nicht. Aber das ist egal. «Solange wir damit anderen eine Freude bereiten können, macht es mich auch glücklich», meint Mändli.

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