Wandel als Chance: Wie Unternehmen Transformation meistern

Louise Østergaard | 
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Innovation mit Köpfchen? Nicht alles, was technisch umsetzbar ist, ergibt auch Sinn. Bild: Pixabay

Technologien entstehen im Wochentakt, Märkte reagieren unberechenbar und Kundenbedürfnisse verschieben sich rasant. Ein Unternehmen, das bestehen will, braucht mehr als Effizienzsteigerung – es braucht eine klare Haltung zum Wandel. Der Stratege Stephan Sigrist empfiehlt: Zuerst die künftigen Bedürfnisse der Menschen verstehen und diese dann mit den technologischen Möglichkeiten verbinden.

Transformation: das Zauberwort unserer Zeit und gleichzeitig eine ständige Belastung. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, sich ständig neu erfinden zu müssen. Doch wie gelingt es, den Wandel nicht nur auszuhalten, sondern aktiv zu gestalten? Stephan Sigrist, Gründer des Thinktanks W.I.R.E., gibt Orientierung: «Stillstand ist keine Option, wir müssen Transformation realistisch und pragmatisch anpacken, allerdings braucht sie ein Ziel.»

Anstrengend, aber unvermeidlich

Veränderung ist normal, doch die Geschwindigkeit, mit welcher sie voranschreitet, kann überfordern. Technologien tauchen auf, verschwinden wieder, und Märkte drehen sich schneller als gewohnt. Transformation ist kein Spaziergang, sie kostet Energie, Geduld und Mut. Menschen sind Gewohnheitstiere, gleichzeitig aber neugierig und arbeitsam. «Diese Neugier ist eine Stärke, genauso wie der Wunsch nach Selbstwirksamkeit», sagt Sigrist.

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W.I.R.E. (Web for Interdisciplinary Research & Expertise)

W.I.R.E. ist ein unabhängiger Thinktank mit Standorten in Zürich und London, gegründet im Jahr 2007 von Dr. Stephan Sigrist. Die Organisation agiert an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Sie identifiziert frühzeitig relevante Trends und Entwicklungen und überführt diese in langfristige Strategien. W.I.R.E. fokussiert auf Themen wie digitale Transformation, Nachhaltigkeit, Life Sciences, Gesundheit, Finanzwirtschaft, Immobilien, Medien und Retail.

Für Unternehmen bedeutet das konkret, dass Transformation nicht als linearer Prozess verstanden werden darf. Zwei Schritte vor, einer zurück, das ist normal. Entscheidend ist, einen Nutzen zu stiften, für Anwender und Kundinnen, aber auch für die Gesellschaft.

Technologie ist kein Heilsbringer

Zu oft lassen sich Firmen vom nächsten Hype treiben. Ob Metaverse oder Drohnen, die Hunde spazieren führen – nicht jede Vision bewährt sich. «Mit gesundem Menschenverstand hätte man sich viele Fehlinvestitionen sparen können», sagt Sigrist. Der Fehler, so der Experte, bestehe darin, dass Unternehmen zu sehr auf das technisch Machbare schauen und zu wenig darauf, was Kundinnen und Kunden tatsächlich brauchen.

Stephan Sigrist
«Mit gesundem Menschenverstand hätte man sich viele Fehlinvestitionen sparen können.»
Stephan Sigrist, Stratege und Thinktank-Gründer

Das Rezept aus dem Thinktank: Technologische Möglichkeiten kritisch prüfen und sie mit den künftigen Bedürfnissen koppeln. Dort entsteht echte Innovation. «Wir müssen weg vom Prinzip, dass alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert werden muss. Innovation bedeutet, echte Probleme zu lösen, nicht Technologien um ihrer selbst willen einzusetzen.»

Bedürfnisse von morgen verstehen

Einfacher gesagt als getan, denn die Kunst liegt darin, Bedürfnisse zu antizipieren, bevor sie laut ausgesprochen werden. Klassische Marktforschung reicht dabei nicht aus. Menschen können oft nicht beschreiben, was sie morgen wirklich brauchen. «Es geht darum, die Verschiebung von Bedürfnissen zu erkennen», so Sigrist. Folgendes Beispiel kann das «Rezept» besser verdeutlichen: Wir leben in einer Welt der Bequemlichkeit. Apps und Geräte nehmen uns viele Aufgaben ab, von Navigation, über Transport bis zur Essensbestellung.

«Innovation bedeutet, echte Probleme zu lösen, nicht Technologien um ihrer selbst willen einzusetzen.»

Stephan Sigrist, Stratege und Thinktank-Gründer

Doch gleichzeitig wachsen Krankheiten wegen Bewegungsmangel, Überreizung oder Fehlernährung. Für Unternehmen bietet sich dadurch eine Chance. Denn wo Fortschritt Probleme schafft, entstehen neue Märkte. Gesunde Architektur, also die Gestaltung von Räumen, die das physische, psychische und emotionale Wohlbefinden der Nutzer fördert, bewusster Tourismus oder ausgewogene Ernährungsangebote sind Gestaltungsfelder, die sich aus diesen Gegensätzen ergeben.

Drei Transformationsfelder mit Potenzial

Gesundheit und Lebensqualität: Mit wachsender Bequemlichkeit steigen auch die gesundheitlichen Belastungen – von Bewegungsmangel bis zu stressbedingten Leiden. Genau hier tun sich neue Geschäftsfelder auf: Unternehmen können mit innovativen Lösungen rund um Ernährung, Bewegung oder eine gesundheitsfördernde Bauweise punkten. «Wer den Alltag so gestaltet, dass er Wohlbefinden fördert, erschliesst sich ein enormes Marktpotenzial», so Sigrist.

Künstliche Intelligenz: KI kann repetitive Prozesse automatisieren, von Buchhaltung über Kapazitätsplanung bis zu Kundendienst. Besonders für KMU bietet das Chancen, da kleine Lösungen oft schneller implementiert werden können. «Der Vorteil kleiner Unternehmen ist ihre Pragmatik», sagt Sigrist. Gleichzeitig warnt er vor generativen Lösungen, die KI oft produzieren: «Die blinde Anwendung dieser Systeme funktioniert nicht.» Der Mehrwert entsteht nur dort, wo KI differenziert eingesetzt wird.

Kreislaufwirtschaft: Knappheit von Ressourcen zwingt zu neuen Geschäftsmodellen: Recycling, Reparatur und langlebige Produkte werden zur Norm. «Nachhaltige Transformation funktioniert nur, wenn Menschen den Mehrwert verstehen», so Sigrist. Unternehmen müssen deshalb nicht nur Technologien entwickeln, sondern auch ihre Kundschaft überzeugen und mitnehmen – und wir brauchen ein breites Spektrum von Kompetenzen, insbesondere solche, die in der Lage sind, die Realität zu gestalten. KI ist dafür ein Werkzeug, keine finale Lösung.

Grounded Visions statt Moonshots

Viele Manager lassen sich von spektakulären Zukunftsvisionen blenden. Doch Sigrist plädiert für eine andere Haltung: «Wir brauchen geerdete Visionen – Bilder einer Zukunft, die realistisch und umsetzbar sind.» Solche Visionen geben Orientierung und Motivation, gerade in Zeiten von Unsicherheit. Für Unternehmen bedeutet das, Visionen zu entwickeln, die sich aus eigenen Stärken und klaren Marktbedürfnissen speisen und nicht aus fernen Utopien.

Was Unternehmen konkret tun können

Fünf Punkte sind laut Sigrist zentral für Firmen, um das heikle Thema Transformation zu meistern:

1. Zukünftige Bedürfnisse analysieren: Nicht nur fragen, was Kunden heute wollen, sondern antizipieren, was morgen relevant wird.

2. Trends und Gegentrends erkennen: Digitalisierung schafft zugleich das Bedürfnis nach Authentizität. Wer Gegentrends nutzt, erschliesst neue Märkte.

3. Schrittweise vorgehen: Transformation gelingt selten in einem grossen Wurf. Kleine Prototypen testen, Fehler zulassen – und erst dann skalieren.

4. Kompetenzen aufbauen: Digitale Grundkenntnisse sind Pflicht. Gleichzeitig gewinnen traditionelle Handwerksberufe an Bedeutung, weil sie am wenigsten von KI bedroht sind.

5. Selbstwirksamkeit stärken: Mitarbeitende müssen befähigt werden, Technologien kritisch zu hinterfragen und eigenständig Lösungen zu entwickeln.

Transformation ist kein Patentrezept, so der Experte. Sie ist anstrengend, widersprüchlich und voller Risiken. Aber genau darin liegt auch die Chance. «Wir müssen die Zukunft selbst steuern und den Roboter die Arbeit machen lassen, die wir nicht machen wollen», fasst Sigrist zusammen. Für Unternehmen heisst das: Transformation gelingt, wenn man mutig ist, aber zugleich realistisch bleibt. Wer bodenständige Visionen entwickelt, die auf echten Bedürfnissen basieren, gewinnt Orientierung und die Chance, in unsicheren Zeiten nicht nur zu bestehen, sondern zu wachsen.

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