Wie Phoenix-Mecano-Mitarbeiter Ersatzteile nach Nigeria schmuggelten und warum das Schwein des Gründers «Goebbels» hiess
Vor einem halben Jahrhundert wurde der Steiner Komponentenhersteller Phoenix Mecano gegründet. Zum Jubiläum beschenkt er sich mit einem Buch der besonderen Art: Darin kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort und berichten über Erfolge, Krisen und kuriose Anekdoten.
Es ist 1975: Mosambik und Angola werden unabhängige Staaten, der Vietnam-Krieg endet, Steven Spielbergs «Der weisse Hai» feierte Premiere – und eine gewisse Phoenix Maschinentechnik AG wird in Zürich gegründet. 50 Jahre später ist das Unternehmen als Phoenix Mecano bekannt, hat seinen Hauptsitz in Stein am Rhein und beschäftigt weltweit über 7000 Mitarbeitende.
Zum Jubiläum hat das Unternehmen den Autor und Historiker Christoph Kohler beauftragt, die Firmengeschichte von Phoenix Mecano in einem Buch festzuhalten. Allerdings nicht klassisch-offiziell, sondern inspiriert von der deutschen Punk-Bewegung. So kommen im Werk «Erfolg ist immer der Schnee von gestern» 40 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort, die jeweils aus ihrer Perspektive erzählen. «Oral History», also «erzählte Geschichte» nennt sich das Konzept, das auch Jürgen Teipel 2001 angewendet hatte, um deutsche Punks in «Verschwende deine Jugend» zu Wort kommen zu lassen. «Die ersten deutschen Punks (1976–1983) erzählen von Schlägereien und Saufereien, von Neid und Neonazis, von Drogen und der entstehenden Musikindustrie», schreibt Kohler in einer Medienmitteilung. An diesem Stil hat sich der Autor orientiert.
Der hinterhältige «Herr Soundso»
Natürlich geht es im Buch von Phoenix Mecano nicht um Trinkgelage oder Punkrock, sondern um eine dezentrale Geschichtsschreibung mit einer sehr persönlichen Note. So kommt als allererste Person Gisela Goldkamp zu Wort, die Witwe des Gründers Hermann Christian Goldkamp und Mutter des aktuellen Verwaltungsratspräsidenten Benedikt Goldkamp. «Ich habe meinen späteren Ehemann jahrelang gesiezt. Das war so üblich, als wir uns 1961 kennenlernten», sagt sie zum Einstieg ins Buch. Wenn er abends nach Hause kam, habe er viel von der Arbeit erzählt – und auch, wer ihn hinterging und wie hinterhältig «Herr Soundso» agierte. «Zwei Abende später waren wir wieder bei irgendeinem Anlass, und Christian stellte mich in aller Freundlichkeit ebendiesem Herrn Soundso vor. Dann plauderten wir, als ob nichts wäre», erinnert sich Gisela Goldkamp.
Ihr Sohn Benedikt hat seinen Vater als freiheitsliebenden Menschen in Erinnerung: «Zu viel Staat und Bürokratie konnte er nicht ausstehen. Willy Brandt und die Sozialdemokratie waren ihm verhasst und noch mehr natürlich die Nazis. Mir wurde erzählt, dass er als Kind einen Spielzeugbauernhof hatte: Das Schwein hiess Goebbels», steht unverblümt.
Nachts in Lagos – mit Schmuggelware
Wahrlich, das Buch macht einen «punkigen» Eindruck, mit Zeitzeugen, die sich an interessante Details erinnern. Steuerfachfrau und Sekretärin Rita Bauer schaffte es etwa, als Frau des Nachts allein unterwegs im damals sehr gefährlichen Lagos – Militär-Checkpoints inklusive – einen schweren Koffer voller geschmuggelter Ersatzteile in ein Werk von Phoenix Mecano zu bringen. «Das sollte mir erst mal jemand nachmachen!», liess sie sich zitieren.
Oder Karl Kilian, Geschäftsführer vom übernommenen Hersteller elektrotechnischer Bauteile Hartmann, der von einer Gerichtsverhandlung erzählte: Er sollte von einem ehemaligen Firmenbesitzer, der Phoenix Mecano «beschissen» hatte, mindestens 3 Millionen Deutsche Mark zurückholen. «Nicht drunter», hatte Hermann Christian Goldkamp gefordert. Das Gericht schlug 2,5 Millionen vor – und Kilian stimmte dennoch zu. «Ich hatte einfach keine Lust mehr, meine Zeit in Gerichtssälen zu verschwenden», gab er zu Protokoll.
Das über 400 Seiten fassende Buch ist voller persönlicher Anekdoten von Menschen, die zwar stets lobende Worte für das Unternehmen finden, aber dennoch auch Fehlentscheidungen oder Krisen ansprechen.
Ergänzt wird es durch zahlreiche Bilder aus Manaus, Conakry, Kecskemét und Baiersdorf. Zum 50. Geburtstag von Phoenix Mecano, die sich mittlerweile zu einer Weltfirma gemausert hat, ein ungewöhnliches, aber gerade deswegen passendes Geschenk.