Das Ungarbühl tankt frische Luft

Ramona Melis | 
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Die Stiftung Ungarbühl hat vor einiger Zeit das Angebot «FrischLuft» ins Leben gerufen. Menschen mit geistiger Beeinträchtigung erleben dort beim selbstbestimmten Werken, Beisammensein und Verweilen den Wald in allen Facetten.

Die Blätter rascheln, der Wind verteilt den Rauch des Feuers, die Sonne wirft wilde Muster auf den Waldboden. Das gleichmässige Streichen einer Säge und der harte Schlag einer Axt hallen durch den Wald – Michael und Vedran sind bei der Arbeit. Die beiden Männer nehmen gemeinsam mit weiteren Klientinnen und Klienten am Angebot «FrischLuft» der Stiftung Ungarbühl teil. Hier erfahren Menschen mit geistiger Beeinträchtigung die Natur mit allen Sinnen. Die wechselnden Jahreszeiten sind Teil der Erlebnisvielfalt: Wärme, Kälte, Sonne, Wind, Regen, Schnee und viele Gerüche prägen dieses Abenteuer. Der Wald ist ein wertvoller Lern- und Erfahrungsort – es gibt keine sichtbaren Grenzen, keine geschlossenen Räume und der Widerhall ist reduziert. Das ermöglicht eine grosse Bewegungsfreiheit und lässt viel Raum für selbstbestimmtes Wirken und Sein.

Michael am Sägen


Fast wie ein zweites Zuhause

Seit zweieinhalb Jahren entdecken von Montag bis Donnerstag jeweils vier bis fünf Personen gemeinsam mit zwei Ungarbühl-Mitarbeitenden den Engewald. Dort ist ein grosszügiger Platz unter dem saftig grünen Blätterdach bestückt mit zwei mobilen Bauwagen, einer gemütlichen Feuerstelle und diversen interessanten Arbeitsplätzen. Zwar wird gemeinsam Feuer gemacht, Holz verarbeitet, gekocht, Regenrinnen gesäubert oder Abfall gesammelt, aber dennoch kann jede und jeder machen, wonach ihm oder ihr gerade ist. So liegt auch mal ein Bad im Blätterhaufen oder ein Nickerchen in der Hängematte drin.

Die Selbstbestimmung ist eine starke Komponente des «FrischLuft»-Angebots – sie fördert die Selbstständigkeit und das generelle Wohlbefinden. «Als Begleiterin ist es wunderbar zu sehen, wie sich einige Klientinnen und Klienten in den letzten zwei Jahren entwickelt haben. Sie konnten so viele Erfahrungen machen, die drinnen nicht möglich gewesen wären», erzählt Evelyn Berner, die «FrischLuft» von Anfang an begleitete. Viele Teilnehmende konnten ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstsicherheit stark verbessern, was ihnen auch in anderen Bereichen des Alltags zugute kommt. Für einige ist der Platz im Wald ein bisschen zu einem zweiten Zuhause geworden.

Vedran im Blätterbad


Lebhafte Stimmung im Wald

«FrischLuft» ist in seiner Form in der Region einzigartig. Hier finden Menschen mit Beeinträchtigung, die unruhig oder angespannt sind, den Drang haben, sich zu bewegen, und nicht still sitzen können, einen abwechslungsreichen Arbeitsplatz. Einige werden manchmal laut, äussern sich mit verstärktem Ausdruck oder benötigen mehr Unterstützung als andere. Für diese Personen mit herausforderndem Verhalten ist der Wald ein idealer Ort: Er entspannt, ist an der frischen Luft und bietet viel Freiraum. Dank der guten Ausrüstung des Mannschafts- und Gerätewagens inklusive sanitärer Einrichtung ist es auch Menschen im Rollstuhl möglich, das Angebot zu besuchen.
Trotz der guten Stimmung, der lebhaften Gruppendynamik und dem routinierten Arbeitsalltag ist ein lückenloser Sicherheitsplan unabdingbar. Die Mitarbeitenden wissen, was zu tun ist und sind bestens ausgerüstet, wenn ein Brand ausbricht, sich jemand bei der Arbeit verletzt oder sich eine Person im Wald verirrt. Das Interesse am dezentralen Angebot ist gross und eine Ausweitung nicht auszuschliessen. Im Internet finden Sie unter ungarbuehl.ch weitere Informationen dazu.

Wohnen, arbeiten und mitgestalten

Die Stiftung Ungarbühl bietet in der Stadt Schaffhausen 50 Wohn- und Arbeitsplätze für erwachsene Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Die Menschen stehen im Mittelpunkt: Die Klientinnen und Klienten, die im Ungarbühl leben und/oder arbeiten, gestalten ihr Leben so, wie sie es möchten. Sie treffen Entscheidungen für sich selbst, probieren Neues aus und erleben die Welt auf vielfältige Weise. Das Ziel ist es, jede und jeden so gut wie möglich am gesellschaft­lichen Leben und somit auch am Arbeitsprozess teilhaben zu lassen – und das so selbstbestimmt wie möglich. Sie werden in die Gemeinschaft einbezogen, gehören dazu und gestalten diese mit.

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