Schaffhausen: Nicht nur Stadt der Erker, sondern auch der Drachen

Autor
Ralph Denzel

Wann haben Sie sich jemals die Erker in der Altstadt genauer angeschaut? Ist Ihnen aufgefallen, wie viele Drachen diese schmücken? Wir haben nachgefragt, warum.

Die Zähne sind gross und spitz. Eine lange, gespaltene Zunge schlängelt sich wütend aus dem weit aufgerissenen Maul. Das Biest trägt eine kleine Krone auf dem Kopf und hat kleine Flügel direkt dort, wo  man eigentlich die Ohren vermuten würde. Die Augen sind grimmig und blicken von ihrem erhöhten Platz drohend auf die Passanten der Schaffhauser Altstadt, die unter ihm vorbeigehen. Noch ist der Drache, den wahrscheinlich bisher nur Aufmerksame entdeckt haben, ruhig – aber wenn es regnet, erwacht er zum Leben. Dann fliesst aus seinem Maul jedoch kein Feuer, sondern Wasser.

Willkommen in Schaffhausen – nicht nur die Stadt der Erker, sondern auch der Drachen.

Kunstvolle Verzierungen

Mit den Erkern in der Altstadt verhält es sich wie mit einer neuen Frisur: Irgendwann nimmt man sie gar nicht mehr wirklich wahr. Das ist schade, entgehen einem dabei doch einige Details. So auch die reichen Verzierungen der Regenrinnen. Meistens sind es Fabelwesen wie Drachen. Warum ausgerechnet diese? Und warum sollte man solche Ungeheuer an der eigenen Fassade anbringen?

Solche Fabelwesen findet man auch oft an Fassaden von Kirchen – und sie sind keine Seltenheit. So sagt Oliver Thiele, Präsident der historischen Vereinigung Schaffhausen: «Die kunstvolle Ausgestaltung von Regenrinnen ist keine Schaffhauser Besonderheit», diese gebe es auch in «vielen anderen Städten.» Zurückzuführen ist diese Mode auch auf die symbolische Bedeutung dieser Wesen. So findet man diese Wasserspeier und auch dämonischen Verzierungen ausschliesslich ausserhalb von Gebäuden. «Ursprünglich diente es sicher der Dämonenabwehr», so Oliver Thiele. Auch Lukas Wallimann vom Amt für Denkmalpflege und Archäologie vermutet diesen Zusammenhang. «Das Böse ist draussen, das Gute drinnen.»

Hund oder Drache? Auch an der Kirche St. Maria in Schaffhausen findet man Wasserspeier. Bild: ZVG

So sollen Dämonen und Fabelwesen, die zum Beispiel ausserhalb von Kirchen angebracht waren, symbolisieren, dass der Einfluss des Bösen, oder des Teufels, sich ausschliesslich auf die irdische Welt bezieht. Drinnen, im Gotteshaus, hat dieser keinen Platz. Eines der prägnantesten Beispiele dafür ist wohl die Kirche Notre Dame in Paris, auf deren Zinnen sogenannte Gargoyles wachen. Diese Chimäre sind beliebte Fabelwesen. Was Kirchen recht ist, ist dem Volk meistens nur billig: So hielten die reichen Verzierungen mit Fabelwesen ebenfalls im privaten Raum Einzug.

Warum so viele Drachen?

Gruselig sehen sie aus, die Drachen von Schaffhausen. Die Frage, warum ausgerechnet solche die Fassaden von Erkern schmücken, beantwortet uns ebenfalls Oliver Thiele: «In der Barock- und Rokokozeit kam sicherlich die Freude am Exotischen und die «Asienmode» hinzu.» So kam es im 18. Jahrhundert immer mehr zu asiatischen Einflüssen in Europa. Reisende berichteten von dem friedlichen Land, das so anders war als alles, was man von Europa bis dato kannte. Vor allem der Drache war ein sehr beliebtes Motiv, welches in vielfältiger Art und Weise in die Kunst der Zeit einfloss.

Vor allem die Darstellung von Drachen floss in die westliche Kunst mit ein. Bild: Wikimedia

Die geheimnisvolle Gestalt dieses Wesens weckte wie kaum etwas anderes die Sehnsüchte nach dem exotischen Land. Betrachtet man die Drachen, die in Schaffhausen von ihren Erkern auf die Passanten blicken, erkennt man: Asiatische Einflüsse sind eindeutig zu erkennen, wenngleich die Fabelwesen auch Einflüsse des Zeitgeistes aufweisen. Sie sind verspielt, mit reichen Verzierungen und teils mit Blumen verziert: So sieht es aus, wenn asiatische Drachen auf europäische Kunst treffen.

Pflege ist Gemeinschaftsprojekt

Wie werden diese Kunstwerke eigentlich gepflegt? Da gibt Lukas Wallimann vom Amt für Denkmalpflege Antwort: « Unterhaltsarbeiten an der Fassade sind bewilligungspflichtig.» Das schliesst auch die Erker mit ein. Da diese aber meistens unter Denkmalschutz stehen, werden die Kosten für die Pflege der Kunstwerke gemeinsam getragen. Bisher haben die Besitzer von Gebäuden mit Erkern diesen Preis aber gerne gezahlt: «Wir haben noch nie gehört, dass jemand gesagt hat: Ich möchte das nicht erhalten haben», so Lukas Wallimann. Das schliesst auch die Drachen ein, die weiterhin spöttisch und grimmig auf die Altstadt blicken werden.

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