Tabuthema Sex und Krankheit: Warum darüber reden helfen kann

Autor
Ralph Denzel

Menschen, die an einer schweren Krankheit leiden, verschwenden meistens keinen Gedanken an ihre Sexualität. Ein Schaffhauser Sexologe sagt aber: Sie kann helfen, dass es einem besser geht.

Schwere Krankheiten verändern das Leben grundlegend - oft bleiben dabei andere Bedürfnisse auf der Strecke. Bild: Pixabay

Meistens beginnt der Leidensweg eines schwerkranken Menschen mit einem Gespräch bei einem Arzt. Wenn dieser einem eröffnet, was einem fehlt, bricht für viele im ersten Moment eine Welt zusammen. Viele Themen rücken auf einen Schlag in den Hintergrund – so wie zum Beispiel die eigenen intimen Bedürfnisse.

Krankheit und Sexualität – diese beiden Themen scheinen auf den ersten Blick konträr zueinander zu stehen. Menschen, die jedoch an einer schweren Krankheit wie Krebs oder Multiple Sklerose leiden, stossen früher oder später auf die Frage, ob und wie sich diese beiden Themen verbinden lassen.

Das Sexualleben müsse auch bei einer schweren Krankheit nicht komplett in den Hintergrund treten, sagt der Schaffhauser Psychotherapeut, Sexologe und Psychoonkologe Stefan Mamié, denn: Eine ausgefüllte Sexualität, auch abseits von reinem Geschlechtsverkehr, kann laut seiner Aussage stärkend für den Patienten und dessen Partner sein. Man müsse nur wollen, können und wissen, was möglich sei.

Krankheiten können Hormone beeinflussen

Je nach Krankheit und den Medikamenten, die in so einem Fall genommen werden müssen, können sich das Sexualverhalten und der Hormonhaushalt im Körper massiv verändern. Aber nicht nur das ist problematisch. Auch die Blockade in vielen Köpfen der Menschen ist ein grosses Problem, wenn es um dieses sensible Thema geht. An erster Stelle stehe dabei das Tabu, diese Dinge anzusprechen, so der Experte Stefan Mamié. Dieses trage dazu bei, dass Betroffene einen Bogen um die Themen Sexualität und Krankheit machen - und so auch um die damit verbundenen Gefühle und Bedürfnisse. «Vermeidung führt aber zu einer Verminderung von emotionaler Nähe. Wenn die Vermeidung über längere Zeit das Zepter übernimmt, kann es sogar zum Verlust von Funktionsfähigkeit kommen», so Stefan Mamié.

Aber nicht nur die Angst, darüber zu sprechen, hemme viele kranke Menschen in diesem Thema. Laut dem Experten können auch physische Aspekte dazu beitragen, dass Menschen «blockiert» sind. «Gerade Männer sind in ihrem Selbstwert betreffend der eigenen Funktionsfähigkeit empfindlich.» Aber nicht nur alleine das Fehlen der Potenz könne ein Grund sein. Auch sonst könne der eigene Körper ein Hindernisgrund werden, der einer erfüllenden Sexualität im Weg stehe. «Bin ich mit einer Narbe oder mit dem Verlust eines Körperteils für ein Gegenüber überhaupt noch attraktiv? Die eigene Verunsicherung - möglicherweise auch die Befürchtung, auf Ablehnung zu stossen - lässt einen diesen Lebensbereich vorsorglich meiden», so der Sexologe.

Nicht nur Experte, auch Betroffener

Stefan Mamié hat seine Erfahrungen im Umgang mit Krankheit und Sexualität nicht in einem Studium gesammelt, sondern war selbst einst betroffen. «Ich erkrankte im Alter von 24 Jahren an Schilddrüsenkrebs», erinnert er sich. «Damals waren psychosomatische Erklärungsmodelle verbreitet. Ich habe gehofft, den Verlauf meiner Erkrankung durch eine psychische Entwicklung positiv beeinflussen zu können. Das hat mich zu einer Psychotherapie und später dann zum Psychologiestudium gebracht.» So kam er auch in Kontakt mit dem Bereich der Psychoonkologie. Zur Sexologie kam er etwas später, denn «es wurde mir bewusst, dass die Sexualität von Krebserkrankten ein Bereich ist, der bislang weitgehend unversorgt ist, trotz teilweise weitreichender Folgeprobleme.» Sein Ziel sei es, auf nationaler Ebene einen Beitrag zu einer verbesserten Versorgung Betroffener zu leisten.

Die grösste Schwierigkeit aber müssen die Patienten selbst überwinden: Nämlich es schaffen, mit ihrem Partner zu sprechen. «Wenn es gelingt, im Falle einer Erkrankung über die Wünsche und Hindernisse im Zusammenhang mit körperlicher Nähe zu sprechen und in eine Art Austausch zu kommen, ist die höchste Hürde bereits überwunden.» Trotzdem: Eine Krankheit kann sowohl beim Patienten als auch bei dessen Partner dazu führen, dass er sich zurück zieht. Andererseits, wenn laut Mamié auch eher selten, könnte es auch einer Art «Torschlusspanik» kommen, wenn sich die eigenen Prioritäten verschieben und man sich vermehrt der Sexualität zuwenden will.

Nach der Krankheit geht es nicht einfach weiter

Aber auch wenn eine Krankheit ausgestanden ist, sei das nicht automatisch eine Rückkehr zu einem erfüllten Sexualleben. «Viele machen die Erfahrung, dass es so wie früher nicht unbedingt gleich wieder geht», so Stefan Mamié. Viele Menschen fühlten sich nach so einer schweren und aufreibenden Zeit verletzlich und unsicher. Dazu kommt eventuell auch die körperliche Veränderung. Patientinnen, denen zum Beispiel die Brüste nach einer Krebsdiagnose abgenommen werden mussten, fühlten sich oft unsicher, manchmal unattraktiv und nicht selten weniger wert. «Sich gemeinsam mit dem Partner der körperlichen Nähe wieder zuzuwenden, kann auch ein Schritt sein, sich dem Leben, der Normalität und der eigenen Lebendigkeit wieder zuzuwenden», so Mamié.

Krankheiten sind immer eine Belastung, sowohl für den Patienten, als auch für den Partner. «Da ist dann aber die Frage, was dabei helfen kann, diese Belastung auszuhalten. Das kann alles sein, was dem Patienten und Partner gut tut, was Spass macht, was jemand gerne tut oder was dabei hilft, die Erkrankung vielleicht sogar für einige Zeit zu vergessen», so Stefan Mamié.

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#1

Ich will es nicht verharmlosen. Es ist nicht einfach.
Wenn ich aber meinem Gegenüber in die Augen sehe, und den Wunsch nach Nähe wahrnehme, gibt es keine Hindernisse mehr.
Nur die Liebe zählt.

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