Die Liebe in Zeiten von #MeToo

Autor
Anna Kappeler

Wie haben sich die Rollenbilder zwischen Mann und Frau durch die #MeToo-Debatte verändert? Eine 29-jährige PR- Managerin und ein 75-jähriger pensionierter Lehrer über den Umgang mit dem anderen Geschlecht.

Nachdenken über Rollenbilder, generationenübergreifend: Cécile Moser und Arpad Andreànszky. Bild: Eric Bührer

Ein regnerischer Abend in einer Zürcher Beiz. Hier treffen zwei Menschen aufeinander, die fast ein halbes Jahrhundert Altersunterschied trennt. Um sich über das Thema zu unterhalten, das den Menschen wohl ein Leben lang umtreibt wie kaum ein anderes: die Liebe. Vor einem Bier sitzt der 75-jährige Arpad Andreànszky, ein pensionierter Kantilehrer für Geschichte und Deutsch, neben ihm Platz genommen hat die 29-jährige Cécile ­Moser, eine PR-Managerin.

Beginnen wir mit der Gretchenfrage: «Wie flirten Sie, Herr Andreànszky?» – «Heute fast nicht mehr.» Er macht eine Pause, schiebt nach: «Zumindest nicht bewusst.» Grinst. «Hat mir früher jemand gefallen, habe ich mich mächtig ins Zeug gelegt, bis hin zum Absondern von Lyrik.» Nur zum Plausch allerdings habe er nie geflirtet. «Mehrmals musste ich mich deshalb von Kollegen fragen lassen, ob ich vom anderen Ufer sei.» In seiner Generation sei Flirten schwierig gewesen. «Da hat sich heute einiges entspannt.»

«Die Art und Weise, wie über Feminismus geredet wurde, hat mich gestört. Ich fühlte mich dabei nicht vertreten. Also wurde ich aktiv.»

Cécile Moser, PR-Managerin

Hat es das, Cécile Moser, gerade in Zeiten der #MeToo-Bewegung? Die junge Frau denkt kurz nach, sagt dann: «Die Herausforderung bleibt doch immer die gleiche: Gefällt mir jemand, muss ich meine Ängste überwinden und der anderen Person mein Interesse zeigen. Das verunsichert, weil man zu Beginn nicht abschätzen kann, ob man sich gegenseitig gefällt.» Alles beginne mit einem Blick – ganz unabhängig vom gerade vorherrschenden Zeitgeist.

Doch, doch, sagt Andreànszky, früher sei ­alles wahnsinnig verschämt gewesen. Und trotzdem habe man ja jemanden kennenlernen wollen. «Wenn man hin und weg ist vom Gegenüber, dann ist einem ehrlich gesagt ja eigentlich alles zu wenig. Gleichzeitig weiss man, dass man sich an gewisse Anstandsformen zu halten hat.» Übergriffig wolle man ja nicht sein. Er habe sich stets auf den gesunden Menschenverstand verlassen. Vor 60 Jahren sei ­allerdings manchmal schon ein langer Blick fälschlicherweise als Liebeserklärung interpretiert worden. Mit der entsprechend überempörten Reaktion.

Für Moser ist wichtig: «Ich will nicht von einem Mann erobert und umgarnt werden. Hat er das Gefühl, mir zehnmal sagen zu müssen, wie schön meine Augen sind, laufe ich weg.» Wichtiger ist ihr ein Gespräch auf Augenhöhe. «Die Basis, aus der bei mir bei einem Flirt mehr entstehen kann, ist freundschaftliche Sympathie.»

Der neue Feminismus

Moser bezeichnet sich als Feministin, grenzt sich jedoch ab vom Klischee der männerhassenden Frau. «Die Art und Weise, wie über Feminismus geredet wurde, hat mich gestört. Ich fühlte mich dabei nicht vertreten.» Und doch liegt ihr das Thema am Herzen. So sehr, dass sie mit zwei Freundinnen das feministische Onlinemagazin «Fempop» gegründet hat. «Wichtig war uns dabei, niemanden auszuschliessen und den Feminismus aus dem elitären Diskurs herunter in die Popkultur zu holen.» Sie sei gerne eine Frau und gebe sich gerne weiblich. «Das ändert aber nichts daran, dass ich die Ansichten der früheren Frauengenerationen sehr wohl teile», sagt sie. Sie sieht Männer und Frauen dabei als Partner und nicht als Gegner.

«Mir gefällt der neue Feminismus», sagt Andreànszky. «Ich mag es, wenn Frauen weiblich sind. Ich stehe dazu: Ich sehe sie optisch einfach gerne.» Gleichberechtigung sei nicht Gleichmachung, sondern bedeute gleiche Möglichkeiten für alle. «Ich beobachte, dass junge Frauen heute selbstbewusst für ihre Rechte einstehen.»

«Es gibt Männer, die den neuen, selbstbewussten Anforderungen der Frauen nicht mehr gewachsen sind. Weil so auch ihre eigene Rolle infrage gestellt wird.»

Arpad Andreànszky, Pensionierter Kantilehrer

«Verstehen Sie Männer, die sich von starken Frauen bedroht fühlen, Herr Andreànszky?» – «Ich verstehe das, ja. Deutsch und deutlich gesagt: Es gibt Männer, die den neuen, selbstbewussten Anforderungen der Frauen schlicht nicht mehr gewachsen sind. Weil so auch ihre eigene Rolle infrage gestellt wird.» Sei jemand überfordert, fühle er sich bedroht. «Das ist menschlich.» Kein Verständnis für Männer, die sich im Nachgang der #MeToo-Debatte als Täter unter Generalverdacht gestellt sehen, hat hingegen Moser. Sie sagt: «Das ist für mich die Reaktion eines Kleinkindes. Männer werden durch die Bewegung nicht zu Opfern. Jeder Mensch weiss doch instinktiv, wie man sein Gegenüber respektvoll behandelt.» Jede Gesellschaft habe ein Trägheitsmoment, sagt Andreànszky, und müsse sich zuerst an neue Umgangsformen gewöhnen. «Gerade traditionelle Geschlechterrollenbilder aber sind tief in uns verankert.» In osteuropäischen Gesellschaften zeige sich das aktuell exemplarisch. «Dort sind die Gesellschaften als Ganzes überfordert, weil ihre alten Rollenbilder mit den westlichen kollidieren.» Das beschäftigt Andreànszky sehr. «Und ich darf das sagen, liegen meine Wurzeln doch in Budapest.»

Moser findet, es sei auch Aufgabe der Frauen, den Männern zu vermitteln, dass sie von starken Frauen nur profitieren könnten. «So bekommen sie ebenbürtige Partnerinnen.»

«Über das Ziel hinausgeschossen»

Andreànszky sagt: «#MeToo war zu Beginn gerechtfertigt. Aber die Bewegung ist über das Ziel hinausgeschossen.» Er findet Massenbewegungen in sozialen Medien grundsätzlich «ganz entsetzlich». «Die Bewegung wurde zu einem Hype, bei der jedes ‹Titi› sich öffentlich als Opfer präsentiert. Insofern kann die Bewegung als Schlag ins Gesicht derjenigen Frauen gelesen werden, die wirklich Schlimmes erlebt haben.» Auch Moser stören die «Trittbrettfahrer, die der Sache geschadet haben». Dennoch hat die Debatte für sie viel verändert. Zum Positiven. «#MeToo hat ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie viel sexuelle Belästigung auch in kleiner Form im Alltag vorhanden ist.» Seither machten Frauen den Mund auf und wehrten sich. Auch Moser kennt beleidigende Sprüche und Pograbscher im Ausgang, wurde angebaggert, ohne dass sie es wollte. «Ich kann mir dieses offenbar enorme Ausmass an alltäglicher Belästigung schlicht nicht vorstellen», sagt dazu Andreànszky. Weil weder er noch seine Freunde sich Frauen gegenüber jemals so verhalten würden.

Moser lacht an dieser Stelle auf. Andreànszky ist kurz irritiert, lacht dann mit, sagt: «Schon klar, das sagt man seinen Freunden ja auch nicht.»

 

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