«Den Schaden wenigstens begrenzen»

Autor
Dario Muffler

Die «Schaffhauser Nachrichten» haben beim Kantonalen Arbeitsamt ein Gesuch für Kurzarbeit eingereicht. Beat Rechsteiner, Unternehmensleiter der Meier + Cie, erklärt, weshalb.

Beat Rechsteiner, CEO der Meier + Cie AG, sagt: «Die Menschen wenden sich in der Krise den traditionellen Medien zu.» Bild: Roberta Fele

Fast täglich neue Informationen von Behörden oder Experten halten Redaktionen im Inland und Ausland auf Trab. Das Interesse an den Inhalten wächst, der Medienkonsum steigt in der Krise stark an, was sich auch an den Benutzerzahlen von shn.ch zeigt. Doch Verlage befinden sich in einer schwierigen Situation: Ihnen brechen die Werbeeinnahmen weg, weshalb auch die Meier + Cie AG, die Herausgeberin der «Schaffhauser Nachrichten», Massnahmen ergreifen musste, damit das Unternehmen nicht in Schieflage gerät.

Es gibt Kurzarbeit auf der Redaktion der SN, dabei wäre der Alltag für Journalisten wohl so spannend und arbeitsintensiv wie noch nie. Ist das kein Widerspruch?

Beat Rechsteiner: Auf den ersten Blick mag das nicht zusammenpassen, wohl aber auf den zweiten. Eine Redaktion ist keine homogene Organisation. Wir haben genau analysiert, welche Bereiche weiterhin ausgelastet sind und welche weniger. Die grössten Rückgänge der Arbeitspensen haben wir in der Sportredaktion, im technischen Bereich, im Sekretariat und bei der «Agenda». In der Regionalredaktion, dem Herz der Zeitung, ist die Pensenreduktion vergleichsweise gering. Das Online-Team arbeitet zudem weiterhin zu 100 Prozent.

Gibt es durch diese Massnahme einen ­Abbau des Informationsangebots?

Nein, denn was jetzt zählt, ist die Berichterstattung rund um die Corona-Krise. Wer die Zeitung in den vergangenen Tagen und Wochen gelesen hat, der weiss, dass wir darüber zuverlässig berichten. Wir wollen umfassend, glaubwürdig und auch einmal quer denkend über diese Krise informieren. Aber Veranstaltungen im Kultur- und Sportbereich finden derzeit nicht statt, zum Teil ist auch der Politikbetrieb eingeschränkt. Diese Bereiche machen sonst einen stattlichen Teil der Zeitungsinhalte aus, die fehlen jetzt gezwungenermassen.

Umfassende Informationen und kreative Herangehensweisen in einer Situation, die noch niemand erlebt hat: Bräuchte es dafür nicht mehr Ressourcen?

Wir setzen unsere Kraft dort ein, wo es wichtig ist. Wir haben eine gute Organisation zur Bewältigung dieser Krise geschaffen, auch jetzt in der Kurzarbeit. Entsprechend gut sind die ersten Erfahrungen. Wir haben zudem frühzeitig darüber informiert, dass wir die Umfänge reduzieren und die Zeitungsstruktur zumindest teilweise anpassen müssen. Zum einen, weil viel Berichtenswertes nicht mehr stattfindet. Vor allem aber, weil wir viel weniger Anzeigenseiten in der Zeitung haben.

Sind neben der Redaktion auch andere Bereiche des Unternehmens betroffen?

Diese Massnahme betrifft bis auf wenige Ausnahmen alle Abteilungen. Angesichts der wegbrechenden Anzeigenumsätze hätten wir unsere unternehmerische Sorgfaltspflicht verletzt, wenn wir jetzt nicht gehandelt und Kurzarbeit beantragt hätten. Immerhin aber können wir die Massnahme so umsetzen, dass die Mitarbeitenden keine Lohneinbussen hinnehmen müssen. Die durch die Kurzarbeit entstehende Lücke gleichen wir als Unternehmen auf eigene Kosten aus.

Welche Bereiche sind von der Kurzarbeit am stärksten betroffen?

Am höchsten ist der Arbeitsausfall in den Abteilungen, die mit dem Werbemarkt zu tun haben. Der Verlag ist also stärker betroffen als die Redaktion. Solange die Geschäfte geschlossen sind und es keine Veranstaltungen gibt, ist das Bedürfnis nach Werbung stark eingeschränkt.

Wie stark ist das Inseratevolumen seit Beginn der Krise zurückgegangen?

Wir sind wie der Verband Schweizer Medien davon ausgegangen, dass wir in den Monaten April und Mai rund 80 Prozent der Werbeumsätze im Vergleich zum Vorjahr verlieren. Jetzt zeigt sich, dass wir den Schaden mit verschiedenen Massnahmen wenigstens ein bisschen begrenzen können. Es fehlt aber noch immer mehr als die Hälfte des gewohnten Umsatzes, wir verlieren Monat für Monat Hunderttausende Franken.

Wie schafft man es, den Schaden zu minimieren?

Beispielsweise kommuniziert das Bundesamt für Gesundheit Verhaltensregeln via Zeitungsinserate. Auch Unternehmen verbreiten im Zusammenhang mit der Krise Informationen über Anzeigen. Wir haben rasch reagiert und unseren Kunden sehr gute Angebote gemacht, einige haben diese nun angenommen. Letztlich sind es viele Massnahmen an verschiedenen Stellschrauben, kostenseitig natürlich vor allem die Kurzarbeit.

Droht das Unternehmen aufgrund der ­aktuellen Situation in arge finanzielle Schwierigkeiten zu geraten?

Es ist schwierig vorauszusagen, wie lange diese Krise anhält und was der Einbruch der Werbeeinnahmen für die Zeit nach der Krise bedeutet. Da gibt es noch viele Fragezeichen. Wichtig ist: Die Meier + Cie AG ist bezüglich Liquidität und Kapitalisierung gut aufgestellt.

Das überrascht etwas, da die ­Medienbranche doch bereits vor der Corona-Krise in einer schwierigen Situation war.

Wir haben ja die letzten Jahre nicht einfach geschlafen, sondern viele Massnahmen ergriffen, um schlanker und besser zu werden und uns wirtschaftlich breiter abzustützen. Die finanzielle Situation ist deshalb so, dass wir ein schlechtes Jahr wegstecken können. Aber je nach Ausmass der Krise könnte der Schaden auch weit darüber hinausgehen. Darum ist für ein KMU wie unseres die pragmatische Wirtschaftshilfe jetzt extrem wichtig, entsprechend froh bin ich um den positiven Bescheid auf unser Kurzarbeitsgesuch.

Welche Konsequenzen hätte ein negativer Bescheid des Arbeitsamts nach sich ­gezogen?

Wenn das Kurzarbeitsgesuch nicht bewilligt worden wäre, hätten wir Stellen streichen müssen. Und das wäre logischerweise mit einem Leistungsabbau einhergegangen.

Die «Tagesschau» verzeichnet gegenwärtig rekordhohe Einschaltquoten. Wie gross ist die Nachfrage nach journalistischen Inhalten der SN?

Die Zugriffszahlen von shn.ch haben sich zuletzt vervierfacht.

Gelingt es, diese Nutzer zu Abonnenten zu machen?

Wir setzen alles daran, die neuen Nutzer von unserem Bezahlangebot zu überzeugen. Es gibt auch erste Erfolge. Wir haben beispielsweise neue Schnupperangebote zu günstigen Tarifen geschaffen, die derzeit beliebt sind. Die Krise zeigt uns: Wenn das Informationsbedürfnis der Menschen hoch ist, wenden sie sich den traditionellen Medien zu. Wir bekommen zudem zahlreiche positive Reaktionen, auch von ausserhalb der Region. Vielen Leuten bringt die Zeitung derzeit die Region und die Welt in ihr Zuhause.

Offenbar ist ein Grossteil der Nutzer auf shn.ch aber noch immer nicht bereit, für die Inhalte zu bezahlen. Wie ändert man das?

Einerseits müssen unsere Angebote attraktiv genug sein, da ist Selbstkritik gefragt. Andererseits müsste sich etwas in den Köpfen der Konsumenten ändern: Guter Journalismus und zuverlässige Informationen kosten, das ist wohl nicht allen bewusst.

Weshalb bieten die SN digital überhaupt Inhalte gratis an?

Wir geben online einen beträchtlichen Teil der Informationen rund um Corona gratis ab, weil wir uns der Region verpflichtet fühlen. Gerade jetzt ist es wichtig, dass die Menschen sich bei uns gut informieren können – in einer Krise gewinnt das einen noch höheren Stellenwert. Die tiefschürfenden Informationen, die Einordnung und die Hintergründe, die sind aber selbstverständlich kostenpflichtig.

Verschwörungstheoretiker haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur. Wie schaffen es die SN, keinen Unwahrheiten aufzusitzen?

Wir hinterfragen und prüfen unsere Informationen kritisch – das zeichnet gute Journalisten aus. Unsere Eigenständigkeit und unsere Verwurzelung in der Region helfen uns bei dieser Aufgabe. Im überregionalen Bereich arbeiten wir zudem mit langjährigen und vertrauenswürdigen Partnern zusammen. Beides ist den Leserinnen und Lesern durchaus bewusst. Sie greifen in Krisenzeiten auf traditionelle Medien zurück, weil sie wissen wollen, was sie glauben können und was nicht. Ich hoffe, die Bedeutung von professionellem Journalismus bleibt über die Krise hinaus in den Köpfen der Leute.

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