Neutraler Boden

Autor
Robin Blanck

Chefredaktor Robin Blanck über die Idee eines Walter-Bringolf-Platz und den Wunsch, Politik dort zu machen, wo sie hingehört.

Robin Blanck Schaffhauser Nachrichten
Robin Blanck. Bild: Selwyn Hoffmann

Der zuverlässigste Weg zu verhindern, dass in der Schweiz eine Strasse oder ein Platz nach einem benannt wird, ist der Gang in die Politik: Als Wirtschaftspionier, Unternehmer oder als Wissenschaftler stehen die Chancen viel besser. Der Grund ist einfach, dass es uns widerstrebt, Politiker und Vertreter der Staatsmacht zu überhöhen und in den Vordergrund zu stellen. Abgesehen von den mythischen ­Figuren Wilhelm Tell oder Niklaus von der Flüe manifestiert sich diese kritische Haltung gegenüber Einzelpersonen stark im Schweizer Selbstverständnis, und das sogar dort, wo die Nation explizit zelebriert wird: Werner Stauf­facher, Walter Fürst und Arnold von Melchtal als Vertreter der drei Urkantone auf der Rütli-Wiese sind geläufig, besondere Verehrung wird dem Trio aber nicht zu Teil.

Standfest geblieben gegenüber dem Pathos

Im Nachgang des Gedenkanlasses zur Bombardierung der Stadt ist die Idee einer Platzbenennung nach dem früheren Stadtpräsidenten Walther Bringolf von Peter Hartmeier, dem ehemaligen Tagi-Chefredaktor und Publizisten, in einem Beitrag in den SN neu aufgebracht worden und sorgt für Diskussionen. Widerstand gegen das Vorhaben ist bisher kaum greifbar, was weniger der breiten Zustimmung als wohl eher der Bedeutung der Frage zuzuschreiben ist. Die Debatte um den sicher gut gemeinten Vorschlag kann denn auch mit ­Gelassenheit angegangen werden, es drängen sich aber gleichwohl grundsätzliche Überlegungen auf.

Dort, wo wir die Namen von Staatsdienern im öffentlichen Raum finden, handelt es sich meist um Überreste einer ­Geschichtsvorstellung, die noch in der Tradition des 19. Jahrhunderts verhaftet ist: Das Löwendenkmal in Luzern entstand 1821, das Winkelried-Ehrenmal in Stans 1865 und die Tell-Statue in Altdorf wurde im Jahr 1895 eingeweiht. Ein prägendes Element dieser Epoche war der Rückgriff auf die historische Tradition, die für die damalige Selbstsicht aktualisiert und adaptiert wurde.

«Dennoch wäre es Zeit, sich vom 19. Jahrhundert zu verabschieden und Politik dort zu machen, wo sie in einer Demokratie hingehört.»

Problematischer als die Benennung eines Platzes nach dem nicht unumstrittenen Politiker Bringolf ist der mit ­diesem Schritt verbundene Rückgriff auf das erwähnte Geschichtsbewusstsein aus dem vorletzten Jahrhundert. Ob dies – und das aus konservativer Warte gesprochen – heute noch zeitgemäss und angebracht ist, darf mit Recht ­bezweifelt werden, zumal die Benennungsfrage eine unappetitliche Querverbindung mit sich bringt: Personenkult ist prägendes Charakteristikum diktatorischer Regimes und trägt in sich den ­Ansatz zur Erziehung des Volkes im Sinne der Obrigkeit – beides ist inkompatibel mit unserer demokratisch ­geprägten Gesellschaft.

Es ist völlig unbestritten, dass wir die ­Erinnerung an frühere Zeiten und verdiente Persönlichkeiten lebendig erhalten und pflegen müssen. Dafür eignen sich die historische Forschung und die kritische Vermittlung im Schulunterricht, dafür sind Publikationen und ­Ausstellungen noch immer das bessere Mittel als die Politisierung von Örtlichkeiten.

Zurückhaltung bei der Verewigung ehemaliger Würdenträger ist richtig und gilt allgemein und unabhängig von der politischen Couleur: Ein Walther-Bringolf-Platz ist genau so wenig nötig wie eine Felix-Schwank-Strasse, eine Otto-Stich-Brücke oder ein Christoph-Blocher-Weg. Eine stärker politische Ausrichtung bei den Strassen- und Platz­namen würde aber fast zwangsläufig neue Begehrlichkeiten bei den Parteien wecken, die dann bestrebt sein könnten, ihren Parteigrössen – oder was ­dafür ­gehalten wird – ein Denkmal zu setzen – mit verzichtbaren Debatten über eine Walter-Hotz-Allee, den Urs-Tanner-Steig oder eine Marcel-Sonderegger-Promenade. Bisher sind wir um dieses Gezerre herumgekommen, gerade weil die Schweiz und besonders Schaffhausen in dieser Sache einen politisch-neutralen Kurs verfolgt haben. Diese ­republikanische Nüchternheit glänzt nicht durch überschwängliche Kreativität, sodass in der Stadt Flur- und Funktionsnamen ­dominieren und man – soll es exotisch werden – auf Gebirgszüge oder Baumarten ­zurückgreift. Das ist zwar etwas bieder, dafür ist der öffentliche Raum das ­geblieben, was er sein muss: neutraler Boden.

Politik nicht über öffentliche Bezeichnungen austragen

Fazit: Es wäre an der Zeit, sich vom 19. Jahrhundert zu verabschieden und Politik dort zu machen, wo sie in einer ­Demokratie hingehört: an der Urne und im Ratssaal, nicht mit Plätzen und Gassen. Am Schluss entscheidet aber eine Aufschrift auf einer kunststoffbeschichteten Blechtafel nicht über Wohl oder Weh unserer Stadt und auch mit einem Walther-Bringolf-Platz würde das Gemeinwesen, das übrigens nicht einmal dem Stadtgründer Eberhard von Nellenburg ein dunkles Gässlein gewidmet hat, nicht untergehen.

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