Alkoholfreies Bier: Gesunder Durstlöscher oder unnötiger Abklatsch des Originals?

Autor
Schaffhauser N…

Ist alkoholfreies Bier eine wohlschmeckende Ergänzung des Getränkeangebots, oder soll man besser gleich Wasser trinken? Zwei Autoren, zwei Meinungen.

Mark Gasser und Luc Müller haben zum Thema alkoholfreies Bier ganz unterschiedliche Meinungen.

PRO & CONTRA

Pro

Von Mark Gasser, Redaktor Weinland

Zugegeben, wenn eines nicht möglich ist, dann das: alkoholfreies Bier schöntrinken. Entweder man mag es und hat eins gefunden, das dank der geringen Alkoholmenge (meist unter 0,5 Prozent) und dem Brauverfahren den Biergeschmack ansatzweise übermittelt. Oder eben nicht. Viele Brauereien haben ihr alkohol­freies Angebot erweitert, geschmacklich massiv verbessert und die Verfahren zur Herstellung verfeinert. Schmeckt es einem, dann hat es viele schöne Nebeneffekte.

Kürzlich an einem Grümpelturnier fragte ich an der Bar nach einem Kaffee. Der Barkeeper: «Mit was?» Ich stelle mir auch vor, was gewesen wäre, wenn Juri Gagarin († 1968), im Jahr 1961 der erste Mann im Weltall und für Millionen der Held der Sterne, zwischendurch ein alkoholfreies Bier getrunken hätte. Aber nicht nur an den sowjetischen Festlichkeiten und Empfängen gab es keine oder wenig Alternativen.

Zeitlebens wurden Gagarins Alkoholexzesse und sogar die mutmassliche Todesursache in einem Kampf­flieger kaschiert, denn das hätte die ideologische Mission getrübt. Genau so scheint mir die Bierdiskussion etwas ideologisch verklärt zu sein: Entweder man trinkt «richtiges» Bier oder gar keins. Dabei gibt es mittlerweile valable Grautöne. Denn alkoholfreies Bier ist heute mehr als das, wofür es 1972 in Ostdeutschland von der Engelhardt-Brauerei seinen Namen erhielt: «Aubi» (Autofahrerbier). Wer sonst, dachte man wohl, würde sich Bier ohne Alkohol antun? Zu spät zwar für Juri Gagarin, aber gut für die Trabi-Fahrer: Denn in der gesamten DDR galt damals die Null-Promille-Grenze. Das erste «Wessi-Aubi» stellte dann Clausthaler her.

Doch die Vielfalt ist es (und auch etwas die Erfahrung), die uns die Entscheidung heute leichter macht, bleifrei zu trinken. Nach unserem Lauf auf der gefrorenen Finnenbahn hockten ich und mein Kumpel uns früher jeweils ins Auto, tranken Bier (mit Alkohol) und rauchten Zigaretten. Der Griff nach einem echten Bier direkt nach dem Training ist heute aber meist nicht die erste Wahl. Klar: Es gibt auch für mich heilige Kühe wie die notorische dritte Halbzeit beim Fussball, wo der Verzicht auf richtiges Bier kaum denkbar ist.

Aber ich wurde auf der Suche nach gutem alkoholfreiem Bier fündig und habe eine neue Sicht aufs verpönte Pseudobier gewonnen. Es wirkt erfrischend nach dem Sport und soll kalorienärmer und isotonischer als Bier und viele andere Getränke sein. Freilich ist es vor allem eines: ein Bier ohne (manchmal willkommene) Nebenwirkungen, ein geschmackliches Placebo sozusagen.

Contra

Von Luc Müller, Redaktor Land

Kürzlich habe ich mich im Regal vertan – auf dem Heimweg im Zug öffnete ich mit Vorfreude die kalte Bierdose und schmeckte sofort: Da stimmt was nicht. Kontrollblick auf die Dose: Tatsächlich – ich trank ein alkoholfreies Bier. Meine Geschmacksknospen hatten mich nicht getäuscht. Aber ich war enttäuscht. Alkohol ist Geschmacksträger und transportiert Aromen – im Bier die herb-bittere Note, die ich mir gerne auf der Zunge zergehen lasse.

Bei alkoholfreiem Bier wird die Gärung gestoppt, oder es werden neue Hefesorten verwendet. So weit die technische Komponente.

Es ist ein bisschen so wie mit den Light-Produkten: Alkoholfreies Bier hat nur rund die Hälfte der Kalorien eines normalen Biers. Wer Bier in Massen konsumiert, bekommt so auch keinen Bierbauch. Aber eben: Dafür ist der Geschmack nur halb so gut. Der Absatz von alkohol- freiem Bier nimmt zwar auch in der Schweiz zu, aber der Marktanteil liegt weiterhin nur bei rund 5 Prozent – dem Grossteil der Biertrinker schmeckt es einfach nicht.

Für mich ist klar: Ich will das Original. Ein Bier aus Hopfen, Malz, Hefe und Wasser – gebraut nach dem traditionellen deutschen Reinheitsgebot. Deshalb bin ich auch nicht Fan von neumodischen Biersorten, die mit verschiedenen Geschmacksrichtungen wie Ginger oder gar Fruchtaromen werben. Das mag ich nicht. Das gleiche Prinzip gilt für das Bier ohne Alkohol: Das brauch ich nicht. Denn will ich keinen Alkohol trinken, greife ich ganz einfach zu der grossen Auswahl an Durstlöschern mit 0,0 Prozent. Trotzdem einen Biergeschmack im Mund zu haben, wie es das alkoholfreie Bier bietet, ist für mich unnötig. Das gilt auch für die vegetarischen Bratlinge in Wurstform, die ein Kollege letztmals zum Grillieren mitgebracht hat. Ganz schön absurd.

Übrigens lässt sich heute als Hobby­brauer Bier leicht selbst herstellen. Das nötige Equipment und erklärende Kurse werden allerorts angeboten. So kann jeder sein eigenes Rezept und auch den Alkoholgehalt selbst bestimmen. Liebhaber des alkoholfreien Biers können sich so ihr eigenes Gebräu herstellen, das wenig bis fast gar keinen Alkohol hat und erst noch schmeckt.

Wer doch nicht auf einen guten Biergeschmack verzichten will, soll mal ein Gericht mit einer schön dunklen Biersauce probieren: herrlich! Oder kürzlich löffelte ich in einem Restaurant eine bayerische Biercreme mit dem zarten Hauch eines frisch gezapften Biers. Ich habe den Geschmack noch in allerbester Erinnerung.

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