Dieses Jahr ist mir die WM irgendwie egal

Sharon Kesper Sharon Kesper | 
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Im Fussball liegen Jubel und Tränen nah beieinander. Irgendwo dazwischen sind meine Emotionen dieses Jahr. Bild: Keystone

Eine Fussball-Weltmeisterschaft verspricht die ganze Bandbreite an Emotionen. Normalerweise.

Liebe WM, wenn wir in einer Beziehung wären, hätten wir dieses Jahr den gefährlichsten Punkt erreicht: die absolute, gefühlskalte Gleichgültigkeit. Keine bedingungslose Liebe, die beflügelt, kein leidenschaftlicher, toxischer Hass. Ich sag, wie’s ist: Du bist mir egal.

Es gab viele Anzeichen dafür, dass wir uns auseinanderleben. Einer der krassesten: Ich – sonst für jedes Spiel, jedes Rätsel zu begeistern – habe dieses Jahr keine einzige Tippspiel-Einladung angenommen. Und während ich gerne für Oscar-Verleihungen oder anderen Gugus die Nacht durchmache, habe ich überhaupt keine Lust auf Spiele zwischen 23 und 7 Uhr. Ausserdem: Ich habe kurz vor WM-Beginn nachlesen müssen, wer eigentlich der Trainer der Schweizer Nati ist.

Ja, das sind alles keine guten Zeichen. Liebe WM, es tut mir leid, das so direkt sagen zu müssen, aber ich habe dieses Jahr leider keine Gefühle für dich.

«Sechzehntelfinals? Mach doch gleich einen Kinder-Event daraus und schenke allen eine Medaille.»

Sharon Kesper, Produzentin

«Alle haben eine Meinung zu Fussball, zur WM», heisst es immer. Nun gut, ich setze mich also hin und mache mir meine Gedanken. Ich will dir eine faire Chance geben, das hast du verdient, das haben alle verdient. Hier kommt also mein konstruktives Feedback.

Mich persönlich stört, dass eine Schweizer Leichtathletin wenige Hundertstel am Weltrekord vorbeiläuft und am nächsten Tag die Handgesten eines Fussballers mehr Beachtung finden. Mich stört, dass mit den Trinkpausen Millionen gemacht werden und ich mir seit Monaten überlege, ob ich diese eine Gesichtscrème für 70 Franken kaufen soll oder nicht. Und bitte: Sechzehntelfinals? Dann mach doch gleich einen Kinder-Event daraus und schenke allen eine Medaille. Oder lade alle Länder ein und mache dann 64stel-Finals. Das würde dann auch gleich die Wartezeit zwischen den WMs verkürzen …

Wenn ich weit zurückdenke, verbinde ich natürlich auch schöne Momente mit dir. Etwa, wie mein Bruder und ich uns 2014 in den Armen gelegen sind, nachdem Mario Götze in der 113. Minute den Weltmeistertitel für Deutschland perfekt machte. Oder als wir 2002 auf dem Pausenplatz um die Panini-Bildli spielten (mit der Hand auf den Stapel schlagen, macht das heute noch jemand?), bis uns die Hände schmerzten. Oder die WM 2006, die einfach rundum ein Fest war.

Aber irgendwann reichen diese positiven Erinnerungen nicht mehr.

Liebe WM, wie wollen wir weiterfahren? Ich bin bereit, dir in vier Jahren eine neue Chance zu geben. Kommst du mir entgegen? Mit mehr Fokus auf den Sport zum Beispiel? Und ohne Countdown vor Spielbeginn! Ausserdem noch eine weitere Bitte: eine Wildcard für Italien. Ohne ist es einfach nicht dasselbe …

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