Do you speak Brunner?

Eva-Maria Brunner | 
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Eva-Maria Brunner schreibt über Wortschöpfungen, die nur im engsten Kreis Sinn ergeben. Bild: SN-Archiv

Unsere Kolumnistin Eva-Maria Brunner widmet sich diese Woche dem Familien-Slang.

Wenn es zum Znacht Pommes mit Keppes gibt, die Erwachsenen mit einem kühlen Blonden aus dem Hause Biergüggel anstossen und zum Dessert eine Coupe mit Röhrenknusper serviert wird, dann ist zum Verdauen wahrscheinlich eine kleine Ründ empfehlenswert. Können Sie mir noch folgen? Wir stecken hier nämlich knietief im brunnerschen Familien-Slang, für den es vermutlich die eine oder andere Übersetzung braucht. «Ketchup» wurde von Anton zu «Keppes» eingedeutscht, in einem Alter, in dem die Liebe für «Wuwu» – Wurst – zwar schon gross, die sprechmotorischen Fähigkeiten aber noch eher klein waren. Der Biergüggel löst in 25 Kantonen wohl kaum etwas aus, einem waschechten Schaffhauser wird aber beim Anblick des stilisierten Raubvogels unserer Brauerei lokalpatriotisch warm ums Herz. So ging es auch meinem Gottebub, der vor Jahren beim Anblick der riesigen Leuchtreklame ­begeistert den Biergüggel begrüsste.

Augenschweiss und Schillertage

Wie man die Waffelröllchen korrekt bezeichnet, welche eine Coupe Dänemark zieren? Keine Ahnung – unser Sohn lancierte den Begriff Röhrenknus­per und sollte ihn eigentlich patentieren lassen. Auch der Ausdruck «Schillertag» fasst für mich in einem Wort so treffend zusammen, wofür ich früher keine so griffige Bezeichnung hatte: ein Tag, an welchem man Schönes erlebt hat, einer, der aus der Reihe der glanzloseren Tage heraussticht. Ein Tag, der funkelt und glänzt, und die Erinnerung daran wie ein Schatz bewahrt und wieder hervorgeholt wird. Pünktchen erfand einst dieses Wort, mit einem glücklichen Seufzen, kurz vor dem Einschlafen. Wir waren damals auf dem Heimweg aus der vorweihnachtlichen Steiner Märlistadt. Durch die Augen eines Kindes betrachtet können auch unspektakuläre Erlebnisse ihren Zauber entfalten. Schillertage eben.

«Während ich dieses Lexikon unserer Familienwörter aufschreibe, werde ich etwas sentimental.»

Ein letztes Beispiel aus unserem Familienidiom: der Augenschweiss. Was von Aussenstehenden simpel mit «Weinen» umschrieben würde, sind diejenigen Tränen, die einem still aus den ­Augenwinkeln rinnen. Diejenigen, die einem etwas unangenehm sind. Über die man in der aktuellen Situation vielleicht gerade nicht zu sprechen vermag, weil sonst aus den Schweisströpfchen Sturzbäche werden könnten. Augenschweiss war für uns das Codewort:» Ja, ich weine, aber ich möchte mich der ­Situation stellen. «Ja, ich sehe, dass du emotional gefordert bist, aber ich traue dir zu, die Herausforderung zu meistern.»

Rückfall in die eigene Kindheit

Jetzt, wo unsere Kinder bereits etwas älter sind, werden die drolligen Ausdrücke leider naturgemäss immer seltener. Dafür wird ihre Beobachtungsgabe präziser und die Zungen schärfer. Für Menschen aus dem näheren und weiteren Bekanntenkreis finden sie nicht selten Spitznamen, welche die Optik oder den Charakter der Personen auf den Punkt genau erfassen. Tierreich und so, Sie verstehen. Und dass ich darüber nichts ausplaudern kann, versteht sich auch …

Während ich dieses Lexikon unserer Familienwörter aufschreibe, werde ich etwas sentimental. Ich fühle eine tiefe Verbindung zu meinem Rudel. Damit meine ich nicht nur unsere vierköpfige Kernfamilie. Ich denke auch an Redewendungen aus meiner Herkunftsfamilie. Höre ich die einen, katapultiert es mich sofort in meine eigene Kindheit zurück. Bei anderen merke ich erst am fragenden Ausdruck meines Gegenübers, dass ich wohl einen Spruch ­gemacht habe, dessen Sinn oder Witz sich scheinbar nur meinen Eltern oder meiner Schwester erschliesst.

Auch mit meinen langjährigen Freundinnen reicht ein Wort, ein Satz in einem bestimmten Tonfall und es entsteht eine Verbundenheit, die sich nur spüren, aber kaum erklären lässt. Und die für unsere Ehemänner mitunter eher nervig sein kann, werden sie ­unfreiwillig Zeuge unseres Stichwortpingpongs. Tragen Sie doch auch einmal in der Familie oder im Freundeskreis Ihre liebsten Insiderausdrücke ­zusammen. Ein witziger Abend ist ­Ihnen garantiert – Prost Biergüggel!

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