Ausgebremst

Eva-Maria Brunner | 
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In ihrer Kolumne «Kind und Kegel » schreibt Eva-Maria Brunner über die Fragen, die sie sich als Mutter während der Corona-Pandemie stellt.

21 Monate Pandemie – und die Fragen sind nicht weniger geworden.

Wird das Weihnachtskonzert von Pünktchen stattfinden?

Welche Durchhalteparolen helfen D, der nun wieder im Fernunterricht für seinen Handelsschulabschluss büffeln muss?

Wie werden die neu eingeführten Spucktests in meinem Kindergarten funktionieren?

Kommt Ls heftiger Asthma-Anfall von einer unentdeckten Corona-Infektion?

Wann werden wir uns wieder getrauen, eine Reise ins Ausland zu buchen?

Sind die Verkaufszahlen der Biermarke Corona seit 2019 gestiegen oder ­gesunken?

Wird Ts Geruchssinn wieder komplett zurückkehren?

Muss mein Mann in Quarantäne, wenn er an einer Party neben einer Person ­gesessen ist, die jetzt positiv ist?

Wie konnten sich zwei Flusspferde mit dem Virus infizieren?

Erinnert sich meine dreijährige Nichte daran, wie es ausgesehen hat, als ­Menschen ohne Maske Bus gefahren sind?

Wen habe ich als letztes mit drei Wangenküsschen begrüsst? Fehlt mir dieser Brauch überhaupt?

Wie geht es den Menschen in Bergamo heute?

War ich naiv, als ich dachte, die ­Impfung bringe das Ende der Pandemie in greifbare Nähe?

Wie würde ich die Quarantäne unseres Sohnes an unserer Berufstätigkeit ­entlang organisieren?

Wie viele griechische Buchstaben werden wir uns noch merken müssen?

Was haben eigentlich Virologen, ­Aerosol-Spezialisten, Epidemiologen oder die Betreiber von «Telegram» vor der Pandemie gemacht?

Wovon träumt Alain Berset in der Nacht? Und wovon würde er gerne ­träumen?

Sind die viel zitierten Gräben erst jetzt entstanden oder wollten wir die Risse einfach nicht sehen?

Kämpfen wir gegen ein Virus oder gegeneinander?

Was machen wir mit dem Unausgesprochenen?

Wie geht es meinen Kindern in dieser Pandemie? Was macht ihnen Sorgen? Wächst eine «Generation Ausgebremst» heran?

Zumindest auf diese Frage erhalte ich Antworten. Der Elfjährige setzt eine Politikermiene auf und meint mit tiefer Stimme und Stirnrunzeln: «Ja, die ­Einschränkungen der Bevölkerung und die Finanzen…». Zumindest seinen Humor hat er nicht verloren. Aber ich möchte es genauer wissen. Angst vor einer Ansteckung haben sie nicht; Pünktchen fühlt sich durch die Impfung geschützt, Anton meint, Kinder würden ja nicht schlimm krank. Pünktchen sagt, sie habe Mühe mit den ­Unsicherheiten. Was findet statt? Was wird abgesagt oder verschoben? Anton zweifelt schon jetzt daran, dass er im Juni ins Klassenlager fahren darf. Zu oft hat er wohl schon erlebt, dass Unternehmungen, auf die er sich gefreut hat, gestrichen wurden. Auch das Gefühl der Ungewissheit, als er kürzlich in einem positiven Pool war, fand er ­unangenehm. Seine ältere Schwester fügt an, es sei schön, wenn man wisse, wer von den Freunden ähnlich denke. Den Umgang mit denjenigen, die völlig anders eingestellt seien, finde sie schwierig. Was mich aufhorchen lässt, ist das, was ihr am meisten Sorge ­bereitet: die Angst, durch Quarantäne Schulstoff zu verpassen. Wir alle sind von diesen unbeantworteten, vielleicht auch unbeantwortbaren Fragen gefordert, nicht selten überfordert. Weder als Lehrperson noch als Mutter kann ich Zeitrahmen oder konkrete Perspektiven für die nächsten Wochen und ­Monate aufzeigen. Aber meine Aufgabe als Bezugsperson ist Präsenz, Verständnis und Beziehung. Ich kann mir Zeit nehmen, den Kindern zuzuhören. Ich kann Druck rausnehmen, indem ich meinen Kindern versichere, dass ich sie liebe, unabhängig von ihren schulischen Leistungen. Ich kann schwierige Verhaltensweisen meiner Schülerinnen und Schüler nicht ­einfach als deren persönliches Defizit ansehen, sondern mir vor Augen halten, dass manche Kinder wie Seismografen auf gesellschaftliche Spannungen reagieren. Ich kann durch das Schaffen von sicheren Räumen, durch Rituale und Dinge, die uns guttun, Konstanz und Verbindlichkeit in den wackligen Alltag bringen. Ich kann mir eingestehen, wenn ich Hilfe brauche bei meinen ­Fragen und Unsicherheiten. Noch habe ich die Energie, dies alles zu tun.

Und ich arrangiere mich mit dem ­Gedanken, dass auch neue Weihnachtsrituale entstehen: erst das Stäbchen in die Nase. Dann das Fondue Chinoise in den Mund. Nun denn.

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