Ihr Reich

Eva-Maria Brunner | 
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Mutter und Lehrerin Eva-Maria Brunner schreibt in ihrer Kolumne «Kind und Kegel» über Kinderzimmer und eine Herberge.

Aus dem oberen Stock ertönt ein dumpfes Poltern, gefolgt von zweistimmigem Gelächter. Unsere Kinder suchen Schrauben, versuchen einen Bauplan zu lesen und sind seit Stunden vertieft in ihre Arbeit. «Knärten», oder wie auch immer die kreativen Köpfe beim Möbelschweden ihre Produkte nennen, hält die beiden in den Ferien beschäftigt. Antons neuer Schreibtisch soll aufgebaut werden, und zwar in Eigenregie. Einmal muss mein Mann zu Hilfe eilen, alles andere schaffen sie selbst. Dass Pünktchen die klemmende Schublade mit Handcreme zu sanftem Gleiten bringen wollte, amüsiert meinen Gatten. Er, der Möbelschreiner, hatte Seife empfohlen.

Wer Ferientage zu Hause mit Kindern erleben darf, weiss, wie nervenaufreibend dies mitunter sein kann. Dass ausgerechnet ein Einrichtungsprojekt den Eifer der beiden weckt, wundert mich nicht. Bis vor anderthalb Jahren teilten die Geschwister ein Zimmer. Der Dachstock musste erst fertig ausgebaut werden und die zwei waren gewohnt, Spiel- und Schlafzimmer gemeinsam zu nutzen. Es knirschte zwar öfters ziemlich, und besonders wenn eines der beiden Besuch hatte, war Streit vorprogrammiert. Aber abends, vor dem Einschlafen, hatten sie Zeit, miteinander zu schwatzen und den Tag Revue passieren zu lassen. Die grosse Schwester erklärte Anton die Welt, der kleine Bruder brachte sie zum Lachen. Momente, wie man sie nur mit einem Geschwister erleben kann. Ich gebe zu, ich habe mehr als einmal heimlich gelauscht.

Nun haben beide ihr eigenes Reich. Besonders für Pünktchen wird ihr Zimmer immer wichtiger. Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, sie bewohne den schönsten Raum des Hauses. Sie wendet für die Gestaltung und Einrichtung viel Zeit auf. Richtig viel Zeit. So viel Zeit, dass ich manchmal an mich halten muss, sie deswegen nicht zu sehr zu kritisieren. Denn während sie in stundenlanger Internetrecherche nach passenden Motiven für ihre Bilderwand sucht, stört sie ihr Turnbeutel mitten auf dem Flur herzlich wenig. Der Trip zum Drogeriemarkt am Feriendomizil fand zweimal statt, um passende Fotoecken zu erstehen. Die halbe Stunde im Münster des besagten Ortes hingegen kam ihr lange vor. Vielleicht ist es der Neid, der aus mir spricht? Wann habe ich mich zum letzten Mal mit so viel Hingabe und Liebe zum Detail einer Sache gewidmet?

Mütter halten ihren Nachwuchs generell für besonders talentiert in den abwegigsten Bereichen. Und so finde ich selbstverständlich, dass meine Tochter ein aussergewöhnliches Flair für Farben, Proportionen und Materialien hat. Ihr Harry-Potter-Schrein mit Büchern, Zauberstab, Plüscheule und rostigem Schlüssel – der ist wirklich zauberhaft. Und dass sich Katze Cleo ausgerechnet auf Pünktchens Bett zwischen all den sorgfältig drapierten Kissen besonders wohl fühlt, kann kein Zufall sein.

Sind wir auf einer langen Reise, deren Ziel wir uns noch gar nicht so genau vorstellen können, dann hilft es, wenn wir auf dem Weg Rast machen und uns an schönen Orten stärken können. Das altmodische Wort Herberge kommt mir in den Sinn. Für mich stellt Pünktchens Zimmer eine solche Herberge dar auf ihrer Reise durch die Pubertät. Privat, aber auch öffentlich, wenn sie mit ihren Freundinnen Fotos aus dem Zimmer austauscht. Ein Traum in Blau, aber auch eine Räuberhöhle mit Schokoladeverstecken und Kleiderhaufen. Ein Ort, den sie gestalten darf. Mit einem Schlüssel zum Abschliessen, aber zum Glück meist offen und mich willkommen heissend.

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