Plötzlich funkte Gaddafi dazwischen: Die turbulente Geschichte des Möbelspezialisten Betz
Vom Sattlerbetrieb bis zum heutigen Wohn- und Bürodesigner: Die über 180-jährige Geschichte des Schaffhauser Traditionsunternehmens Betz zeigt exemplarisch, wie ein Schweizer KMU trotz Hürden über Generationen hinweg erfolgreich bleiben kann. Jetzt hat die Familie die Firmengeschichte in einem Buch festgehalten.
Noch bevor die Schweiz 1848 vom losen Staatenbund zum modernen Bundesstaat wurde, gründete ein gewisser Carl Speissegger ein eigenes Sattler- und Tapeziergeschäft in Schaffhausen an der Vordergasse. Die Anfangsphase war geprägt von Turbulenzen. Mehrfach zog das junge Unternehmen während der nächsten Jahrzehnte um, zeitweise bestand gar ein Lokal im Haus «zun Kaufleuten», heute befindet sich dort die Redaktion der «Schaffhauser Nachrichten». Kurz darauf, wir schreiben das Jahr 1884, trat ein Arbeiter aus Tübingen in die Firma ein und gewann das Vertrauen seines Meisters. Sein Name: Eugen Friedrich Stephan Betz. Nach dem Tod Speisseggers 1895 übernahm er das mittlerweile etablierte Unternehmen – die Möbelwerkstätte E. Betz-Wirth war geboren.
Die Firmengeschichte des Schaffhauser Traditionsunternehmens Betz wurde, gespickt mit vielen Bildern aus dem Bestand des Familienarchivs, in einem Buch verewigt, das vor Kurzem erschien. So wird in «Geschichte des Unternehmens Betz» etwa skizziert, wie Eugen Betz’ Sohn, Eugen junior, in der Zwischenkriegszeit die Idee hatte, sich gegen den Zeitgeist zu stellen. Während Stahlrohrmöbel à la Gropius und Le Corbusier en vogue waren, begann er, Holzmöbel zu entwerfen. Die schwierige Zeit des Zweiten Weltkriegs wird im Buch ebenfalls beschrieben, als kaum mehr Material nachgeliefert wurde und zahlreiche Mitarbeitende Aktivdienst leisten mussten – auch Eugen Betz junior.
Brand, Diktator und Seide im Theater
1967 kam es zu einem Brand am Ringkengässchen, ein schwerer Schlag für das Unternehmen. Aufgegeben wurde aber nicht, stattdessen baute man die Liegenschaft um. Und schon kurz danach wandelte sich das Geschäft nachhaltig: Als Reaktion auf das Aufkommen von Serienmöbeln entdeckte Betz den Handel mit Möbeln für sich, anstatt bloss Einzelanfertigungen zu tätigen.
Eine weitere interessante Anekdote ist ein vermeintlich lukratives Geschäft in Libyen, welches von Diktator Muammar al-Gaddafi vereitelt wurde. Ein ehemaliger Mitarbeiter stellte zuerst den Kontakt mit einem libyschen Inhaber eines Baugeschäfts her. In Tripolis baute dieser ein Haus und wollte dieses von Betz einrichten lassen, vier weitere Häuser sollen später folgen. Zuerst lief alles nach Plan: Ein grober Kostenvorschlag wurde erstellt und der Mann reiste für eine weitere Besprechung nach Zürich. Doch dann wurden die meisten Unternehmen durch Gaddafi teilweise oder ganz verstaatlicht, auch das Baugeschäft des Kunden. Die Lage war derart verworren, dass der Kontakt abbrach. «Für die Firma Betz eine spannende und lehrreiche Erfahrung – die letztlich mit dem etwas bitteren Satz ‹ausser Spesen nichts gewesen› abgeschrieben wurde», lässt sich im Buch nachlesen.
Ein Auftrag des damaligen Stadtpräsidenten Walther Bringolf wird ebenfalls erwähnt: Dieser wollte, dass die Wandspannung im Stadttheater aus reiner Seide besteht, obwohl der Architekt wegen der Akustik gestrichene Wände bevorzugte. Für das Theater und auch für das Casino erstellte Betz zudem die Bühnenvorhänge.
Betz Wohn- & Bürodesign ist mittlerweile seit über 180 Jahren aktiv. Das Unternehmen, welches einen Showroom an der Moserstrasse hat, erstellt Möbel oder gleich ganze Räume. An der Spitze steht seit 2017 Andreas Bleisch – er übernahm das Geschäft damals von Christoph Marti, der wiederum 2009 auf die langjährigen Inhaber Werner und Rauha Betz folgte. «Es hat sich seit einigen Jahren abgezeichnet, dass das Geschäft nicht in der Familie bleiben wird. Das ist etwas traurig», sagte Werner Betz damals. Trotzdem bleibt die Machermentalität der Familie Betz fest im Traditionsunternehmen verankert. Oder wie es Bleisch ausdrückt: «Wir sind über den Reichtum unserer Geschichte begeistert und fühlen uns geehrt, einen weiteren Abschnitt der Betz-Geschichte schreiben zu dürfen.»
