«Ich stelle gerne alles einmal auf den Kopf»
Wie wird aus einem «schwierigen» Holz ein Baustoff der Zukunft? Thomas Meister hat sich genau dieser Frage verschrieben – und in Bibern ein Verfahren entwickelt, das Buchenholz für den modernen Bau nutzbar macht. Ein Gespräch über Erfindergeist, radikale Ideen und die Kunst, einen Rohstoff neu zu verstehen.
Sie sind der Gründer von Natürlich Meister Holzart GmbH, einem Holzbauunternehmen aus Thayngen – und wurden schon als «Daniel Düsentrieb» der Holzverarbeitung bezeichnet. Können Sie mit diesem Vergleich etwas anfangen?
Thomas Meister: (lacht) Ja, das hat schon etwas. Ich lebe davon, Dinge zu erfinden, zu entwickeln, auszuprobieren. Ich habe ein neues Trocknungsverfahren für Buchenholz entwickelt, welches über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg komplett neu gedacht ist. Weil es so radikal ist, musste man auf jeder Stufe etwas Neues erfinden. Ich stelle einfach gerne alles einmal auf den Kopf und denke es von der anderen Seite her.
Was verstehen Sie unter der Wertschöpfungskette beim Holz?
Jeder Rohstoff hat eine Wertschöpfungskette: Beim Stein ist es das Abbauen, Transportieren, Zerkleinern und Mischen, beim Getreide das Säen, Pflegen und Ernten. Beim Holz ist es ähnlich – vom Wald über das Sägewerk bis zum Zimmermann und weiter auf die Baustelle.
Warum setzen Sie heute so stark auf Buchenholz?
Weil sich unsere Wälder verändert haben: Man fördert seit den 1990er-Jahren Mischwälder, und dadurch wächst die Buche heute besonders häufig. Für mich war klar: Wenn dieser Rohstoff in der Region in grosser Menge vorhanden ist, sollten wir ihn auch konsequent nutzen. Früher wurde Buchenholz fast nur für Möbel und Brennholz verwendet, weil es sehr schwierig zu verarbeiten ist. Um den Transfer in die Bauindustrie zu schaffen, muss es effizient genutzt werden können.
Und deshalb haben Sie gleich ein neues Verfahren entwickelt – den Trocknungsturm. Wie kam es dazu?
Während meiner Zeit als Zimmermann war ich auf Wanderschaft in Japan. Dort wurde hinter jeder Bar mit einem Wok über einer Gasflamme gekocht – das inspirierte mich. Zurück in der Schweiz stellte ich beim Verbrennen von Restholz statt eines Woks ein Caquelon auf einen angebohrten, brennenden Baumstamm. Durch das Bohrloch strömte die Luft von unten nach oben, sodass der Stamm wie ein Kamin ruhig und gleichmässig brannte. Dieser Kamineffekt zeigte mir, wie stark die Luftströmung im Inneren das Holz beeinflusst. Gemeinsam mit dem Holzbauingenieur Hermann Blumer übertrugen wir das Prinzip auf ganze Stämme: Wenn man sie innen anbohrt und senkrecht aufstellt, trocknen sie von innen und aussen gleichzeitig. So entstand der erste Trocknungsturm – ein 13 Meter hohes System, das die Holztrocknung neu denkt.
Und daraus wurde dann Ihre eigene Firma?
Ja. 2010 habe ich die Natürlich Meister Holzart GmbH gegründet. Mein Ziel war, das Potenzial der Buche neu zu erschliessen – als Baumaterial, das nicht nur ökologisch, sondern auch wirtschaftlich funktioniert. Dafür arbeitete ich mit grossen Namen der Schweizer Holzbaugeschichte zusammen – wie Heiri Bührer und Hermann Blumer. Wir entwickelten Verfahren, um das Holz besser zu trocknen, zu verarbeiten und im Bau einzusetzen. Parallel arbeiten wir mit Hochschulen zusammen, auch um neue Schnitttechniken und Holzbausysteme zu testen. Momentan stehen wir kurz davor, ein System auf den Markt zu bringen, das beim Preis erstmals mit Beton und Backstein mithalten kann. Das wäre ein Meilenstein.
Wie schafft man es, eingefahrene Prozesse in der Bauindustrie tatsächlich zu verändern?
Mit Beharrlichkeit. Und mit dem Wissen, dass alles einmal erfunden wurde. Wenn man das verinnerlicht, verliert man die Angst vor dem Neuen. Veränderung ist der Schlüssel – das zeigt schon die Natur. Sie passt sich ständig an, verbessert sich Schritt für Schritt. So arbeite ich auch. Natürlich wird man belächelt. In Sitzungen sagen acht von zehn Leuten: Das geht nicht. Dann musst du trotzdem dranbleiben, Fachleute suchen, mit den kreativen Köpfen sprechen. Irgendwann findet man eine Lösung, die überzeugt.
Ein Thema, das Sie stark beschäftigt, ist Nachhaltigkeit. Was bedeutet «echte Nachhaltigkeit» für Sie?
Echte Nachhaltigkeit heisst für mich: effizienter Umgang mit dem Rohstoff, kurze Wege, lokale Produktion. Wir müssen den gesamten Prozess so gestalten, dass er möglichst wenig Energie von aussen braucht. Deshalb arbeite ich an Konzepten, die energieautark funktionieren – also unabhängig vom Stromnetz. Der Trocknungsturm ist ein gutes Beispiel: Ich nutze Photovoltaik, um Strom zu erzeugen. Mit dieser Energie kann der Trocknungsturm arbeiten, und wenn ein Überschuss entsteht, nutze ich ihn weiter – zum Beispiel zum Heizen oder für das sogenannte Bitcoin-Mining. (Das Mining ist eine Art dezentrales Bitcoin-Rechenzentrum mit Minern auf der ganzen Welt. Dieser Prozess wird analog zum Goldschürfen-Mining genannt.)
Und das funktioniert tatsächlich?
Ja. Ich habe drei Miner, von denen zwei ständig laufen. Die Abwärme reicht, um die Luft im Turm auf die nötige Temperatur zu bringen. Natürlich ist das kein Selbstläufer – man braucht gute Technik und Steuerung. Aber im Grunde genommen ist es eine einfache Idee: Energie, die sonst ungenutzt bleibt, wird sinnvoll eingesetzt.
Was wünschen Sie sich von Architekten, Politik und Gesellschaft, wenn Sie an die Zukunft des Bauens denken?
Ich wünsche mir, dass wir wieder stärker zusammenarbeiten. Wir brauchen Räume, in denen Handwerker, Architekten, Ingenieure gemeinsam entwickeln können. Einen Ort, an dem wir Ideen austauschen, regionale Materialien nutzen und eine eigenständige Baukultur entwickeln können. Ich wünsche mir, dass man in 100 Jahren sagen kann: Das ist typisch Schaffhausen – so baut man hier. Mit Rohstoff aus der Region, mit Ideen aus der Region. Eine Baukultur, die wieder Identität stiftet.
Wenn Sie Ihr Lebensmotto in einem Satz zusammenfassen müssten, wie würde es lauten?
Mein Ziel ist es, die Ressourcen dieser Region – das Wissen und Können jedes einzelnen Menschen – so zusammenzuführen, dass über die Jahre hinweg etwas Nachhaltiges entsteht: ein Ereignis, ein Werk, ein Gefühl von Zugehörigkeit.
