Wandel als Chance: Wie Unternehmen Transformation meistern
Technologien entstehen im Wochentakt, Märkte reagieren unberechenbar und Kundenbedürfnisse verschieben sich rasant. Ein Unternehmen, das bestehen will, braucht mehr als Effizienzsteigerung – es braucht eine klare Haltung zum Wandel. Der Stratege Stephan Sigrist empfiehlt: Zuerst die künftigen Bedürfnisse der Menschen verstehen und diese dann mit den technologischen Möglichkeiten verbinden.
Transformation: das Zauberwort unserer Zeit und gleichzeitig eine ständige Belastung. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, sich ständig neu erfinden zu müssen. Doch wie gelingt es, den Wandel nicht nur auszuhalten, sondern aktiv zu gestalten? Stephan Sigrist, Gründer des Thinktanks W.I.R.E., gibt Orientierung: «Stillstand ist keine Option, wir müssen Transformation realistisch und pragmatisch anpacken, allerdings braucht sie ein Ziel.»
Anstrengend, aber unvermeidlich
Veränderung ist normal, doch die Geschwindigkeit, mit welcher sie voranschreitet, kann überfordern. Technologien tauchen auf, verschwinden wieder, und Märkte drehen sich schneller als gewohnt. Transformation ist kein Spaziergang, sie kostet Energie, Geduld und Mut. Menschen sind Gewohnheitstiere, gleichzeitig aber neugierig und arbeitsam. «Diese Neugier ist eine Stärke, genauso wie der Wunsch nach Selbstwirksamkeit», sagt Sigrist.
Für Unternehmen bedeutet das konkret, dass Transformation nicht als linearer Prozess verstanden werden darf. Zwei Schritte vor, einer zurück, das ist normal. Entscheidend ist, einen Nutzen zu stiften, für Anwender und Kundinnen, aber auch für die Gesellschaft.
Technologie ist kein Heilsbringer
Zu oft lassen sich Firmen vom nächsten Hype treiben. Ob Metaverse oder Drohnen, die Hunde spazieren führen – nicht jede Vision bewährt sich. «Mit gesundem Menschenverstand hätte man sich viele Fehlinvestitionen sparen können», sagt Sigrist. Der Fehler, so der Experte, bestehe darin, dass Unternehmen zu sehr auf das technisch Machbare schauen und zu wenig darauf, was Kundinnen und Kunden tatsächlich brauchen.
Das Rezept aus dem Thinktank: Technologische Möglichkeiten kritisch prüfen und sie mit den künftigen Bedürfnissen koppeln. Dort entsteht echte Innovation. «Wir müssen weg vom Prinzip, dass alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert werden muss. Innovation bedeutet, echte Probleme zu lösen, nicht Technologien um ihrer selbst willen einzusetzen.»
Bedürfnisse von morgen verstehen
Einfacher gesagt als getan, denn die Kunst liegt darin, Bedürfnisse zu antizipieren, bevor sie laut ausgesprochen werden. Klassische Marktforschung reicht dabei nicht aus. Menschen können oft nicht beschreiben, was sie morgen wirklich brauchen. «Es geht darum, die Verschiebung von Bedürfnissen zu erkennen», so Sigrist. Folgendes Beispiel kann das «Rezept» besser verdeutlichen: Wir leben in einer Welt der Bequemlichkeit. Apps und Geräte nehmen uns viele Aufgaben ab, von Navigation, über Transport bis zur Essensbestellung.
«Innovation bedeutet, echte Probleme zu lösen, nicht Technologien um ihrer selbst willen einzusetzen.»
Doch gleichzeitig wachsen Krankheiten wegen Bewegungsmangel, Überreizung oder Fehlernährung. Für Unternehmen bietet sich dadurch eine Chance. Denn wo Fortschritt Probleme schafft, entstehen neue Märkte. Gesunde Architektur, also die Gestaltung von Räumen, die das physische, psychische und emotionale Wohlbefinden der Nutzer fördert, bewusster Tourismus oder ausgewogene Ernährungsangebote sind Gestaltungsfelder, die sich aus diesen Gegensätzen ergeben.
Grounded Visions statt Moonshots
Viele Manager lassen sich von spektakulären Zukunftsvisionen blenden. Doch Sigrist plädiert für eine andere Haltung: «Wir brauchen geerdete Visionen – Bilder einer Zukunft, die realistisch und umsetzbar sind.» Solche Visionen geben Orientierung und Motivation, gerade in Zeiten von Unsicherheit. Für Unternehmen bedeutet das, Visionen zu entwickeln, die sich aus eigenen Stärken und klaren Marktbedürfnissen speisen und nicht aus fernen Utopien.
Was Unternehmen konkret tun können
Fünf Punkte sind laut Sigrist zentral für Firmen, um das heikle Thema Transformation zu meistern:
1. Zukünftige Bedürfnisse analysieren: Nicht nur fragen, was Kunden heute wollen, sondern antizipieren, was morgen relevant wird.
2. Trends und Gegentrends erkennen: Digitalisierung schafft zugleich das Bedürfnis nach Authentizität. Wer Gegentrends nutzt, erschliesst neue Märkte.
3. Schrittweise vorgehen: Transformation gelingt selten in einem grossen Wurf. Kleine Prototypen testen, Fehler zulassen – und erst dann skalieren.
4. Kompetenzen aufbauen: Digitale Grundkenntnisse sind Pflicht. Gleichzeitig gewinnen traditionelle Handwerksberufe an Bedeutung, weil sie am wenigsten von KI bedroht sind.
5. Selbstwirksamkeit stärken: Mitarbeitende müssen befähigt werden, Technologien kritisch zu hinterfragen und eigenständig Lösungen zu entwickeln.
Transformation ist kein Patentrezept, so der Experte. Sie ist anstrengend, widersprüchlich und voller Risiken. Aber genau darin liegt auch die Chance. «Wir müssen die Zukunft selbst steuern und den Roboter die Arbeit machen lassen, die wir nicht machen wollen», fasst Sigrist zusammen. Für Unternehmen heisst das: Transformation gelingt, wenn man mutig ist, aber zugleich realistisch bleibt. Wer bodenständige Visionen entwickelt, die auf echten Bedürfnissen basieren, gewinnt Orientierung und die Chance, in unsicheren Zeiten nicht nur zu bestehen, sondern zu wachsen.
