«Krasser Eingriff in Intimsphäre» von Spiess-Hegglin

Autor
Schaffhauser N…

Der «Blick» verliert vor Gericht gegen die ehemalige Zuger ­Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin. Ihre Persönlichkeit sei durch die Berichterstattung schwer verletzt worden.

Jolanda Spiess-Hegglin. Bild: Key

von Pascal Hollenstein

Der Zürcher Ringier-Verlag hat gegen die ehemalige Zuger Kantonsrätin der Grünen, Jolanda Spiess-Hegglin, vor Zuger Kantonsgericht eine herbe Niederlage erlitten. Das Gericht hat die Herausgeberin des «Blick» wegen einer schweren Persönlichkeitsverletzung verurteilt. Ringier muss Spiess-Hegglin eine Genugtuung in der Höhe von 20 000 Franken bezahlen. Darüber hinaus hat das Gericht Ringier verpflichtet, die Gerichtskosten in der Höhe von 6000 Franken zu bezahlen. Zudem muss Ringier Spiess-Hegglin auch eine Parteienentschädigung in der Höhe von gut 20000 Franken überweisen.

Spiess-Hegglin hatte gegen den «Blick» und damit Ringier geklagt, weil das Boulevardblatt am Weihnachtstag des Jahres 2014 als erstes Medium Spiess-Hegglin als mutmassliches Opfer der Vorkommnisse der Zuger Landammannfeier vom Dezember des gleichen Jahres genannt hatte. Unter dem Titel «Hat er sie geschändet?» hatte das Blatt nicht nur Spiess-Hegglin selber, sondern auch den damaligen Präsidenten der Zuger SVP, Kantonsrat Markus Hürlimann, namentlich genannt und abgebildet. Die Publikation der beiden Namen war ohne Einverständnis der beiden erfolgt.

Mediale Hasskampagne

Nach dem Bericht des «Blick» wurde Spiess-Hegglin von einer eigentlichen Medienlawine überrollt, und sie wurde zum Opfer zahlreicher Hasskommentare in den sozialen Medien. Die strafrechtlichen Untersuchungen im Zusammenhang mit den Vorkommnissen sind mittlerweile eingestellt. Das Zuger Kantonsgericht kommt in seinem Urteil zum Schluss, die identifizierende Berichterstattung über Spiess-Hegglin «als ein – zum Zeitpunkt der Publikation – mutmassliches Opfer eines Sexualdelikts» sei «eine schwere, nicht gerechtfertigte Verletzung der Persönlichkeit» und ein «krasser Eingriff in die Intimsphäre» gewesen. Die Namensnennung im Boulevardblatt sei zudem ursächlich für nachfolgende mediale Kampagnen und Beschimpfungen gegenüber Spiess-Hegglin und schweren psychischen Belastungen bei ihr und ihrem Ehemann gewesen.

In der Verhandlung vor dem Zuger Kantonsgericht hatte Ringier geltend gemacht, es habe an den Vorkommnissen an der Zuger Landammannfeier ein öffentliches Interesse bestanden. Zudem habe Spiess-Hegglin durch ihre Medienauftritte nach dem «Blick»-Artikel selber zur medialen Bewirtschaftung des ­Themas beigetragen. Das Zuger Kantonsgericht hingegen weist diese Verteidigungsstrategie Ringiers zurück. Ein öffentliches Interesse an einer identifizierenden Berichterstattung habe nicht bestanden. Und: Hätte der «Blick» ihren Namen nicht genannt, so hätte in den Augen des Gerichts für Spiess-Hegglin «auch kein Grund bestanden, selber Stellung zu beziehen.»

Entschuldigung nicht durchsetzbar

Nicht eingetreten ist das Gericht auf die Forderung Spiess-Hegglins nach einer Entschuldigung in der Zeitung und auf dem Online-Portal des «Blick». Es bestehe zwar die Möglichkeit, ein Medium zur Publikation eines Urteils zu verpflichten, so das Gericht; eine Entschuldigung aber sei rechtlich nicht durchsetzbar. Diese Ansicht ist unter Juristen allerdings umstritten.

Das Urteil in der Sache Spiess-Hegglin gegen den «Blick» war unter anderem mit Spannung erwartet worden, weil Spiess-Hegglin angekündigt hatte, den Ringier-Verlag gegebenenfalls auch auf Herausgabe des im Zusammenhang mit ihrer Geschichte erzielten Gewinns zu verklagen. Der «Blick» hatte insgesamt über 200 Artikel über Spiess-Hegglin in Print und Online publiziert. Gemäss einer Expertise des ehemaligen Chefs des Onlineportals «watson» dürfte der Verlag damit über eine Million Franken kassiert haben. Vor Prozessbeginn hatte Ringier die umstrittenen Artikel aus der «Schweizerischen Mediendatenbank» und von seinen Online-Portalen gelöscht.

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