Wegen gefährlichem Tiktok-Trend: FCS-Junior wird bei Würgespiel schwer verletzt
Im Vorfeld eines Fussballtrainings soll ein Nachwuchsspieler des FCS einen anderen gewürgt haben. Hintergrund ist ein Social-Media-Trend, bei dem eine Person in den «Schwitzkasten» genommen wird. Der Jugendliche wurde bewusstlos und verletzte sich schwer. Die Schaffhauser Polizei ermittelt. Es ist nicht der erste solche Vorfall in der Region.
von Saskia Baumgartner, Tobias Erlemann und Robin Blanck
Auf Social Media kursieren regelmässig «Challenges» (zu Deutsch: Herausforderungen), die mitunter gefährlich werden können. Ein solcher Trend sind sogenannte «Choking Games», also Würgespiele. Kinder und Jugendliche schnüren sich dabei selbst oder gegenseitig freiwillig die Luft ab. Bei einem solchen «Spiel» wurde nun ein Jugendlicher in Schaffhausen bewusstlos und erlitt schwere Verletzungen.
Passiert ist es am vergangenen Freitag im Vorfeld eines Fussballtrainings einer Jugendmannschaft des FC Schaffhausen. In der Kabine der FCS-Arena hatte ein Jugendlicher den anderen nach dem «Choking»-Vorbild in den Schwitzkasten genommen. Dies jedoch auf Eigeninitiative nach einem offenbar harmlosen Zwist zuvor, der Gewürgte wurde quasi unfreiwillig Teil der «Challenge». Das berichtet der Vater des Gewürgten gegenüber den SN.
Hirnblutung und Schädelbruch
Dabei wurde dem Jugendlichen die Luftzufuhr so lange abgeschnürt bis zur Bewusstlosigkeit – wodurch er ungebremst mit dem Hinterkopf auf den harten Betonboden krachte. Er erlitt einen Schädelbruch inklusive Hirnblutungen.
Ein Mitspieler erkannte schliesslich die bedrohliche Lage und alarmierte die Trainer, die bereits auf dem Platz waren, um die Übungseinheit vorzubereiten. Schnell wurde auch der Vater, der das Training vor Ort verfolgen wollte, per Telefon über die Notlage informiert. Dieser fuhr seinen Sohn, einen Jugendlichen aus dem deutschen Grenzgebiet, zunächst ins Spital nach Waldshut, von dort wurde er direkt in die Uniklinik nach Freiburg im Breisgau verlegt.
Inzwischen durfte er das Spital wieder verlassen, «es geht ihm den Umständen entsprechend gut», sagt der Vater. «Er hat noch starke Kopfschmerzen, auch die Hirnblutung muss weiter beobachtet werden. Wichtig sind nun Ruhe und Erholung, damit er schnell wieder auf die Beine kommt.»
Inzwischen hat sich auch die Schaffhauser Polizei der Sache angenommen. Vor Ort im Stadion wurden Befragungen durchgeführt von Trainer und Spielern. Dabei sei es um eine mögliche Aufsichtspflicht durch den Trainer und eine etwaige schwere Körperverletzung durch den anderen Jugendspieler gegangen, wie die SN erfahren haben.
Polizei ermittelt
Die Schaffhauser Polizei schreibt auf Anfrage: «Wir können bestätigen, dass es am Freitag zu einem Vorfall in den Räumlichkeiten des FC Schaffhausen gekommen ist. Bei diesem Vorfall soll ein Jugendlicher gemäss seinen Angaben von einem anderen Jugendlichen gewürgt worden sein und musste anschliessend in ein Spital gebracht werden.» Weitere Angaben macht die Polizei aufgrund laufender Ermittlungen nicht.
Der FC Schaffhausen schreibt auf Anfrage, dass er Kenntnis eines unglücklichen Zwischenfalls hat. «Bis alle Fakten und Hintergründe vollständig in Erfahrung gebracht worden sind, sieht der Club aus Verantwortung und Respekt gegenüber den betroffenen Junioren und deren Familien davon ab, weitere Kommentare zum Vorfall abzugeben.»
Im Schulsport gewürgt
Der jüngste Fall ist dabei nicht der einzige in der Region. So hat sich vor rund eineinhalb Jahren etwas Ähnliches in Neuhausen ereignet. Ein Jugendlicher wurde, ebenfalls im Rahmen einer solchen Challenge, während des Schulsports an der Oberstufe gewürgt und dabei kurz bewusstlos. Das berichtet Bildungsreferent Marcel Zürcher (SP). Man habe sofort die Schaffhauser Polizei verständigt. «Das Thema wurde in Zusammenarbeit mit der Polizei danach im Unterricht an der Oberstufe aufgearbeitet.»
«Die Schülerinnen und Schüler müssen zu diesen gefährlichen Challenges aufgeklärt werden, um gefährliche Situationen zu verhindern.»
In der Stadt Schaffhausen ist kein Vorfall an den Schulen bekannt, sagt Kathrin Menk, Bereichsleiterin Bildung. «Allerdings verfolgen unsere Schulsozialarbeitenden solche Social-Media-Trends genau.» Die Themen würden aufgegriffen und mit den Lehrpersonen sowie den Schülerinnen und Schülern präventiv besprochen. «Die Schülerinnen und Schüler müssen zu diesen gefährlichen Challenges aufgeklärt werden, um gefährliche Situationen zu verhindern», so Menk.
Aufklärung an Schulen
Auch die Schaffhauser Polizei versucht, aufzuklären. Gemäss Mediensprecherin Bianca Gähweiler werde flächendeckend Präventionsarbeit zum Thema Social Media bei sämtlichen Schulklassen im Kanton geleistet. Das beginne in der sechsten Klasse, Kinder würden im Umgang mit Gruppenchats beziehungsweise Cybermobbing sensibilisiert.
In der siebten Klasse gehe man noch stärker auf das Thema Social Media ein. «Zudem werden auf Anfrage Referate an Elternabenden durchgeführt und damit auch die Eltern zu den verschiedenen oben genannten Themen sensibilisiert.»
Jugendliche: Jeder hat es schon probiert
Und was sagen die Jugendlichen selbst zu dem Würge-Trend? Die SN haben mit sechs 14- bis 16-Jährigen aus Beringen gesprochen. Alle geben an, bereits selbst in den Schwitzkasten genommen worden zu sein, oder dies bei anderen getan zu haben. Es passiere auch im Sportunterricht, «wenn der Lehrer nicht hinschaut.»
Mehrere Jugendliche sagen, dass das «Choken» als eine Art Vergeltung genutzt wird. Wenn man geärgert werde, «choke» man den anderen, lasse diesen aber los, sobald der Gewürgte ein Signal gebe. Einer der Befragten sagt, dass es einem «ein cooles Gefühl» gebe. Sowohl als jener, der den anderen würgt, offenbar aufgrund einer Machtposition heraus, als auch als Gewürgter, wegen des Kicks.
Die befragten sechs Jugendlichen sagen, dass sie sich bewusst seien, dass der Gewürgte ohnmächtig werden könne. Das sei aber bisher noch nie eingetreten, falls es doch einmal dazu komme, wäre es wichtig, nicht allein zu sein und richtig zu reagieren.
Ein 15-Jähriger sagt: «Ich finde es blöd. Es könnte recht schnell ernst werden. Wenn man zum Beispiel hinfällt, könnte man sich verletzen.» Was die Jugendlichen auch berichten: Es gebe mit der «Piloten-Challenge» noch einen gefährlicheren Social-Media-Trend, bei dem eine Ohnmacht herbeigeführt werden soll.
«Würgen, egal womit, ist die Vorstufe von Erwürgen und damit potenziell tödlich.»
Den Spitälern Schaffhausen sind in letzter Zeit keine Behandlungsfälle aufgrund der «Choking Challenge» bekannt. Daniel Borer, Chefarzt Anästhesiologie, Intensiv- und Rettungsmedizin, warnt vor den Mutproben: «Würgen, egal womit, ist die Vorstufe von Erwürgen und damit potenziell tödlich. Der Grat zwischen Leben und dem Tod, der dabei in Kauf genommen wird, ist kritisch schmal und nicht abschätzbar. Die Bewusstlosigkeit beim Würgen tritt durch Sauerstoffmangel im Gehirn auf und ist für jedes Hirn schädlich. Daneben besteht durch die plötzlich eintretende Bewusstlosigkeit erhebliche Verletzungsgefahr durch Stürze.»