Fussball und unser Baby – was an einem Matchabend flimmert und schreit
Der Bauch war rund, jetzt ist das Baby da. Der Ball bleibt rund, aber auch die WM geht vorbei. Darum packt Papa das Fussballfieber – obwohl er eigentlich kein Fan ist. Und der Kleine schreit mit.
Fussball ist nicht mein Baby – ich stand zwar als Junior einmal als Goalie zwischen den Torpfosten, doch ein grosser Fan war ich nie. Dachte ich. Vermutlich vergesse ich nach jeder Weltmeisterschaft, dass da doch ein bisschen Euphorie in mir schlummert. Jetzt wird es mir wieder bewusst. Warum?
Ich habe mein neugeborenes Baby auf dem Schoss und schaue Fussball. Eigentlich absurd. Warum liege ich nicht im Bett und hole etwas Schlaf nach? Etwas mehr als ein Monat ist der Säugling alt. Der ältere, sechsjährige Sohn und Mama sitzen ebenfalls vor diesem Bildschirm und verfolgen die kleinen Männchen in Rot, die versuchen, das Runde ins Eckige zu bringen. Wirklich gut gelingt ihnen das nicht – es sei denn, Manzambi mischt mit. Doch der sitzt gerade verletzt auf der Ersatzbank. Es läuft das Achtelfinale gegen Kolumbien.
Unbekannte Ressourcen werden angezapft
Die Nati kickt, der Kleine schläft, der Grosse fiebert mit – doch auch ihm fallen gelegentlich die Augen zu. Es ist spät. Der Sechsjährige darf länger aufbleiben, schliesslich ist K.-o.-Phase. Mama und Papa sind ebenfalls k. o. Trotzdem stecken da unbekannte Ressourcen im Körper. Vermutlich hat der Nachwuchs etwas damit zu tun. Die WM verstärkt den Effekt.
Plötzlich werden Urinstinkte geweckt. «Schiri, das ist doch Foul!?» Eben. Ich schaue nur gelegentlich Fussball – aber wenn ich schaue, gehe ich voll mit.
Es ist Trinkpause. Ein alkoholfreies Bier wird geöffnet, Mama nimmt auch eines. Der Ältere schnappt sich einen Apfelsaft. Weiter geht es. Beine versperren die Sicht. «Pass doch auf!» Ein Bier kippt um. Egal, kann passieren. Weiter geht es. Nein, zuerst muss der Boden gereinigt werden. Papa kann ja auch einmal aufstehen, heisst es. Ein Lappen muss her.
«Ein Tor!», ruft jemand.
«Waaas?»
Ich bewege mich mit dem Lappen in der Hand vor den Bildschirm – es war ein Witz.
Etwas anderes ist passiert: Das Baby muss gewickelt werden. Diese Beziehung ist wichtiger als Fussball, denkt Papa am Wickeltisch. Nur mit der Ruhe. Der Moment wirkt tatsächlich entschleunigend.
Kurz danach steigt die Nervosität wieder. Das Spiel bleibt zäh. Die Schweiz steht hinten gut, vorne passiert wenig. Der Kleine schnarcht.
Der Grosse ist eingenickt. Mama macht ebenfalls ein Nickerchen. Es läuft die Verlängerung, Papa sitzt inzwischen alleine da.
Das Penaltyschiessen ist im Gang. Ein Schuss donnert an die Latte – es sieht gut aus für die Schweiz. Mama kommt mit dem Baby zurück. Papa starrt auf das Eckige. Akanji verschiesst. Alles ist wieder offen.
Plötzlich krallt sich Nati-Goalie Kobel den Ball und hält einen Elfmeter. Die Spannung steigt. Dann nimmt Rubén Vargas Anlauf – und versenkt. Kommentator Sascha Ruefer schreit. Der Fernseher wird ausgeschaltet. Jetzt schreit das Baby – bald begleitet von einem Hupkonzert draussen.