Was, wenn zwei Fan-Herzen in der Brust schlagen?
Mein Schwager hat seit einigen Jahren den Schweizer und auch den kanadischen Pass. Das hat viele Vorteile – bis zu dem Moment, in dem auf einmal die Schweiz gegen Kanada bei der WM spielt. Für wen fant man denn jetzt?
Clearwater ist ein winziger Ort in Kanada, im Bundesstaat British Columbia. Entfernung von Schaffhausen: etwa 8000 Kilometer. Dorthin hat es vor mehr als zehn Jahren meine Schwester, ihren Mann und meinen Neffen verschlagen.
Seitdem ist es gar nicht so leicht, «Schweizerisches» zu bewahren. Am 1. August wenigstens ein kleines Feuerwerk zu veranstalten, wäre zum Beispiel lebensgefährlich: In dieser Zeit sind die Wälder rundherum meistens so trocken, dass schon ein winziger Funke für einen Waldbrand reichen würde. Care-Pakete aus der alten Heimat, die Dinge wie Saucen und Schoggi enthalten, die es in der kanadischen Fremde nicht gibt, werden ausgepackt wie Weihnachtsgeschenke. Apropos Weihnachten: Das ist auch das einzige Fest im Jahr, zu dem sie den Aufwand auf sich nehmen, ihr Raclette-Geschirr auszupacken und lange Wege in Kauf nehmen, um «echten» Schweizer Käse zu organisieren.
Wie viel Schweizer steckt noch in jemandem, der mehr als zehn Jahre lang in Kanada lebt?
Die Familie hat mittlerweile die kanadische Staatsbürgerschaft und, man muss es so sagen, lebt wie Kanadier. Trotzdem sagte mein Schwager mal zu mir: «Ich bin Schweizer und werde immer Schweizer bleiben.» Aber wie viel Schweizer steckt noch in jemandem, der mehr als zehn Jahre lang in Kanada lebt? Diese Frage konnte sich die Familie beantworten, als meine Schwester ihn und meinen Neffen, einen begeisterten Fussballfan und -spieler, mit zwei Tickets für das WM-Spiel Kanada gegen Schweiz in Vancouver überraschte.
Schon vor dem Spiel galt es, sich zu entscheiden: Gehen wir mit den laut jubelnden Kanada-Fans ins Stadion, oder ziehen wir mit den Schweizern durch Vancouver? Bei welcher Hymne singen wir jetzt mit? «O Canada» oder doch eher beim Schweizerpsalm? Bei beiden?
Zwei Pässe in der Hand, zwei Länder im Herzen – das kann entweder ein Gewissenskonflikt sein – oder sehr hilfreich, wenn man opportunistisch genug ist: Ich hatte etwa mal einen Kumpel mit italienischen Wurzeln. Als Deutschland bei der WM 2006 im Halbfinale gegen die «Squadra Azzurra» verlor, wechselte er schnell das Trikot und jubelte mit den feiernden Italienern, während wir armen «Einstaatler» traurig zuschauen mussten.
Ähnlich waren auch mein Schwager und mein Neffe auf alles vorbereitet: Einer trug ein Trikot der «Canucks», der andere war im Schweizer Outfit.
Das 2:1 für die Schweiz freute aber am Ende beide. Nicht, weil sie den Kanadiern nicht den Sieg gegönnt hätten, sondern weil sie zusammen ein, mit ihren Worten, «unglaubliches Erlebnis im Stadion» hatten, sowohl mit den Kanadiern als auch den Schweizern – und wäre es anders ausgegangen, wäre die Freude wohl nicht geringer gewesen – vielleicht auch wegen des doppelten Passes.