Zwischen den Linien
Kunst gibt immer Rätsel auf. Eine Spurensuche mit dem Schaffhauser Künstler Yves Netzhammer, der die Fassade des neuen Stadthauses entworfen hat.
Oft sind es die scheinbar unwichtigen Dinge, die einem in Erinnerung bleiben. So wie der kleine Bronzevogel, der auf dem Brunnen vor dem Schaffhauser Stadthaus sitzt. Aus beiden Augen tritt ein dünner Wasserstrahl, der in einem eleganten Bogen in den Steintrog fliesst. «Das weinende Vögeli finde ich etwas vom Überraschendsten an dieser ganzen Arbeit», sagt Künstler Yves Netzhammer. Er hat die Südfassade des Neubaus entworfen, der das alte Stadthaus und das Haus Eckstein verbindet. Auf elf quadratischen Betonplatten verwandeln sich dort vom Steinmetz freigelegte Linien. Ein Flügel wird zum Blatt, der Schmetterling zur Büroklammer, und in einer Pupille entdeckt man die Umrisse des Kantons Schaffhausen. Oder ist doch alles ganz anders? Passanten bleiben stehen, zücken Handys, staunen, rätseln, schimpfen.
Egal, welche Gefühle die Formen und Zeichnungen bei uns auslösen, sie tun etwas.
«Gute künstlerische Arbeit lässt sich nicht so einfach entschlüsseln, sonst wäre sie ja schlicht Dekoration», sagt Yves Netzhammer. «Wenn ich im Alltag auf Sachen treffe, bei denen ich die Herkunft und Funktion nicht genau verstehe, tut mir das im Kopf gut.» Steht man vor der Stadthaus-Fassade, begreift man, was er damit meint. Egal, welche Gefühle die Formen und Zeichnungen bei uns auslösen, sie tun etwas. Dreht man den Gedanken um, könnte man sich fragen: Was, wenn da gar nichts wäre ausser einer glatten Fläche?
Das Werk an der Stadthaus-Fassade trägt den Namen «Tauben Rauben Trauben». Yves Netzhammer gewann mit seinem Konzept einen Ideenwettbewerb, an dem 150 Kunstschaffende aus dem In- und Ausland teilnahmen. Er nehme in seinem Projekt Bezug zur Stadt, sagte Katharina Epprecht, Jurymitglied und damalige Direktorin des Museums zu Allerheiligen. «Poetisch» nannte sie es. «Je mehr man über Schaffhausen weiss, desto mehr erkennt man es in der Fassade wieder.» So seien etwa die Motive eine Referenz an die historischen Malereien am Haus zum Ritter.
«Ich mache nur Projekte, die ich selber wichtig finde. Sonst wäre ich unglücklich.»
Die Betonplatten, die Farbgestaltung, das Material und der Zaun wurden von der Stadt vorgegeben. «Auch wenn es vielleicht so scheint, Künstler haben selten die totale Freiheit. Es gibt immer Grenzen. Seien sie räumlich, materialistisch oder politisch», sagt Yves Netzhammer. Trotzdem erkennt man sofort seine Handschrift. «Ich mache nur Projekte, die ich selber wichtig finde. Sonst wäre ich unglücklich.»
Das neue Gebäude befindet sich im Herzen der Altstadt und ist für grosse Baumaschinen schwer zugänglich. «Als wir noch in der Planungsphase waren, sind wir durch die engen Strassen zum Stadthaus gelaufen und haben uns vorgestellt, wie die fertige Fassade Schritt für Schritt erscheinen wird. Wir wussten, dass der ganze Bau organisatorisch eine Herausforderung werden wird», erzählt Architekt Michael Neuenschwander. Netzhammer kennt die Gegend aus seiner Jugend. «Wir haben sehr viel Zeit in diesen Gassen verbracht. Vor allem im ‹Keller›, einem Jugend-Club», erinnert er sich. Damals verbarrikadierte jahrzehntelang eine Bauabsperrung die Sicht auf das Areal, wo heute der Neubau steht. Der Anblick gehörte zum Stadtbild.
Mit diesem Werk wird man so oder so konfrontiert
Genauso wie Netzhammers Fassade heute ein Teil von Schaffhausen ist. Ein Werk, mit dem man, so oder so, konfrontiert wird. «Bei Kunst am Bau hat man es mit einer anderen Öffentlichkeit zu tun als zum Beispiel im Museum. Dort gehen die Leute gezielt hin, um meine Arbeit zu sehen. Aber da das Stadthaus ein Ort der kommunikativen Prozesse ist, passt es, dass hier der visuelle Dialog aufgenommen wird», sagt Netzhammer. Dazu gehört auch Kritik. «Kunst ist nicht mehrheitsfähig, das kann und wird sie nie sein.»
Netzhammer merkte früh, dass ihm das Zeichnen und Geschichtenerzählen wichtig sind. Schon während der Lehre als Hochbauzeichner befasste er sich intensiv mit Themen, die nicht einfach zu erklären sind. «Also etwa wir Menschen», sagt er und lacht. Zusammen mit dem Künstler Olaf Breuning wohnte er sechs Jahre in Schaffhausen in einer Ateliergemeinschaft. «Wir haben viel geredet und uns eine Meinung gebildet. Ich bin fremde Wege gegangen und habe neue Türen aufgestossen. Eine eigene Sprache zu entwickeln, braucht Zeit.»
Bei Yves Netzhammers Arbeit geht es, wie eigentlich immer in der Kunst, um die Auseinandersetzung. Mit sich selbst, mit der Welt. Sie beschäftigt sich mit der Transformation vom Tierischen zum Menschlichen zum Mechanischen und lotet die Grenzen zwischen Realität und Imagination aus. Netzhammers Zeichnungen, Animationen und Installationen werden international ausgestellt und gefeiert. Er gilt als einer der wichtigsten Schweizer Künstler seiner Generation. «Sehr einfach gesagt, besteht meine Arbeit darin, Sachen zu machen, die andere nicht tun. Das passiert, wenn ich mich intensiv in ein Thema vertiefe.»
Das heisst nicht, dass Netzhammer keine Zweifel hat – im Gegenteil. Wenn er bis kurz vor der Vernissage an einer Installation arbeitet, weiss er bis zum Schluss nicht, wie das Ergebnis sein wird. Er sagt: «Man ist nie in Sicherheit.» Bei der Kunst am Bau, wo viel vorausgeplant wird, fällt dieser Faktor weg. Dafür kommt die Beständigkeit dazu. Das Werk wird bleiben. «Es ist ein spezielles Gefühl, wenn man etwas Eigenständiges geschaffen hat, das mit anderen Menschen in Dialog tritt, ohne dass man selber vor Ort ist.»
Nach Schaffhausen kommt Netzhammer, der in Zürich lebt und arbeitet, meistens dann, wenn er seine Eltern besucht. Ab und zu macht er einen Umweg zum Stadthaus. Sieht, wie sich die Fassade mit dem Licht verändert, die Linien sich über die Platten ziehen und ein Eigenleben entwickeln. Beobachtet wird er dabei vom heimlichen Star des neuen Stadthausgevierts, dem weinenden Bronzevögeli.