Bei Musik Meister bringen zwei Klavierbauerinnen das schnellste, melodische Instrument in Schuss
Ein gutes Gehör braucht es, und sehr lange Arme sind von Vorteil, um die Arbeit von Patricia Hälg und Sina Borer auszuüben. Die Berufsbezeichnung Klavierbauerin/Klavierbauer ist allerdings irreführend; die beiden stellen keine Klaviere her, sie beschäftigen sich mit dem Innenleben des Musikinstruments, das Klang und höchstes Tempo ermöglicht.
Von Jeannette Vogel
Ein Vielkönner ist es, beeindruckend allein schon durch seine Präsenz. Ausdrucksstark mit ernsten, erhabenen Klängen im Konzertsaal, melancholisch in der Hotelbar, stereotyp und gerade deswegen gefällig in Pop-Videos oder vage in der Erinnerung – mit dem Klimpern von Kinderliedern wie «Alle Entchen schwimmen auf dem See». Ein Klavier ist hochkomplex, mit 88 Tasten und rund 230 Wirbeln. An ihnen sind die 230 Saiten aufgespannt, jede Taste bringt eine bis drei Saiten zum Schwingen. Kurzum, das Klavier zählt zu den beliebtesten und schnellsten Musikinstrumenten – aber wehe, es ist verstimmt.
Seltene Handwerkslehre
Schweizweit gibt es noch rund 300 Klavierbauer. Als Sina Borer und Patricia Hälg ihre Ausbildung machten, wurden in der Schweiz keine Pianos mehr hergestellt. Ihre Berufsbezeichnung kann zu Missverständnissen führen, die beiden beschäftigen sich mit dem Innenleben, den mechanischen Teilen, eines Klaviers. Ihre Hauptaufgabe ist das Stimmen.
Patricia Hälg ist seit 2011 bei Musik Meister. Für ihre Ausbildung ist sie von St. Gallen in die Region gezogen und geblieben. An ihrem Handwerk gefällt ihr, «dass sich in den vergangenen 300 Jahren nichts Grundlegendes geändert hat», sagt sie mit einem Augenzwinkern. Langeweile ist ihr fremd. Sie war die erste und bislang letzte Lernende der vor mehr als 60 Jahren gegründeten Schaffhauser Firma. «Für mich sind Klaviere wie Menschen», sagt Hälg, «die einen sind jung, die anderen alt, manche sind laut und wieder andere sind eher leise.» Sie hat bislang mehr als 6000 Klaviere gestimmt.
Etwas weniger sind es bei Sina Borer, sie hat ihre Ausbildung 2019 abgeschlossen, und ihr ging es wie Patricia Hälg: «Auch ich war ein einmaliges Projekt.» Borer stammt aus Solothurn, sie absolvierte die vierjährige Lehre zur Klavierbauerin aber in Basel. Obwohl sie seit dem Kindesalter Blechblasinstrumente spielt, interessierte sie sich mehr für den Klavierbau mit der Begründung: «Holz ist mir lieber als Blech.» Borer vergleicht Klaviere mit Autos. Der Preis ist ähnlich, das Tempo hoch und beide brauchen jährlich einen Service.
30 Tonnen Zug
Der Ton eines Klaviers entsteht durch die Schwingung der Saiten, welche wiederum den Resonanzboden in Schwingung versetzen. Im hölzernen Körper steckt ein schwerer Metallrahmen, er sorgt für Stabilität. Dieser Rahmen wird, je nach Instrument, mit bis zu 30 Tonnen Zug belastet. Jede einzelne Saite reagiert aufgrund des hölzernen Resonanzbodens sensibel auf äussere Einflüsse wie Temperaturschwankungen, Luftfeuchtigkeit, Jahreszeitenwechsel oder Umzug. Der Transport selbst – sofern man das Instrument nicht fallen lässt – habe erstaunlicherweise selten bis gar keine Auswirkungen auf die Stimmung.
Ein wichtiger Faktor ist ein gutes Raumklima, «gut» bedeutet eine Temperatur von 19 bis 21 Grad. Vor allem mögen Klaviere eine konstante Luftfeuchtigkeit, sagt Patricia Hälg. «Ideal sind 40 bis 60 Prozent. Das ist auch für uns Menschen gut.» Die Stimmerinnen sorgen dafür, dass dieses Gefüge wieder ins Lot kommt. Ein Klavierstimmer stimmt im Schnitt vier Klaviere pro Tag. Das ergäbe pro Person bei rund 250 Arbeitstagen pro Jahr 1000 Klaviere, wobei Borer und Hälg auch Revisionen und Reparaturen in der Werkstatt an der Steigstrasse durchführen.
«Für mich sind Klaviere wie Menschen. Die einen sind jung, die anderen alt, manche sind laut und wieder andere sind eher leise.»
«Der erste Ton ist aufgrund der Stimmgabel gegeben», sagt Sina Borer. Dieser Referenzton bildet das Zentrum, von dem sich die Tonhöhe aller übrigen 87 Tasten ableitet. Beide arbeiten ohne elektronisches Stimmgerät, sie vertrauen auf ihr Gehör, benutzen aber einen Schutz, um sich besser auf die Schwebungen konzentrieren zu können. Eine präzise Stimmung setzt gute Ohren und viel Erfahrung voraus. Letzteres ist auch ein Grund, warum es nur noch so wenige Ausbildungsplätze gibt, die zeitintensive Betreuung der Lernenden schrecke viele Klein- und Kleinstbetriebe ab. Andererseits ist der Bedarf an Stimmern weiterhin so hoch, dass viele über das Pensionsalter hinaus arbeiten.
Kleines gallisches Dorf
Seit der Erfindung des Klaviers im 17. Jahrhundert gab es viele Klavierhersteller. Steinway & Sons, Bechstein und Blüthner – die drei grossen Namen des Klavierbaus steuern auf ihr 175-Jahr-Jubiläum zu. Die Hersteller in der Schweiz haben hingegen ihre Produktion längst eingestellt. Ihre Qualität wurde ihnen zum Verhängnis, die Instrumente hielten generationenlang. Das älteste Klavier, an dem Patricia Hälg je gesessen hat, war Baujahr 1858 und stammte von der Schweizer Marke Rordorf. Seit ein paar Jahren gibt es wieder einen Schweizer Klavierbauer, einer wie ein «kleines gallisches Dorf», und zwar im Bündnerland unter dem Namen Piano Rätia. Borer und Hälg sind von den Produkten des deutschen Klavierherstellers Bechstein überzeugt, auf dessen Instrumente nahezu alle Pianisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts eingeschworen waren. «Bei ihm stimmt’s einfach, besonders die tiefen Töne», sagt Borer. Hälg erzählt, dass das Unternehmen seit zwölf Jahren eigene Hammerköpfe macht und schwärmt von der «samtigen Weichheit» des Klangs.
Heute dominieren digitale Klaviere, könnte man meinen, doch Patricia Hälg sagt, es sei kein Ersatz für ein akustisches Klavier. «Ein E-Piano ist ein Computer, der Töne von sich geben kann. Ein Klavier hat mit Gefühlen zu tun und hat einen ganz anderen Klang.» Es gibt keine exakte statistische Zahl darüber, wie viele Klaviere es in der Schweiz gibt, es müssten einige Hunderttausend sein. Ein Teil von ihnen befindet sich in Musikschulen, Hotels oder Theatern, die allermeisten jedoch stehen in Privathaushalten. Die beiden Klavierstimmerinnen besuchen Kunden im Umkreis von bis zu einer Stunde Fahrzeit. Ein normaler Stimmservice dauert eineinhalb bis zwei Stunden.
Achtundachtzigmal mit Tempo
Perfektion ist beim Stimmen nicht möglich, es müssen Kompromisse gemacht werden. Den Stimmerinnen geht es darum, innerhalb der verfügbaren Zeit das Beste herauszuholen. Schliesslich wird – fast – alles 88-mal gemacht und sollte 88-mal genau gleich gut bearbeitet, gefühlt und gehört werden. Oder, wie es ein Kursleiter von Patricia Hälg einst formulierte: «Weisst du, eigentlich ist es eine nie endende Geschichte.» Zum Service gehört auch eine Reinigung des Klavierinnern. Nebst Staub und Spinnweben finden die Stimmerinnen immer wieder alte Zeitschriften und Spielsachen, aber auch Milchmärkli oder Spielgeld.
In einem Klavier, das die Firma Meister zurückgekauft hatte, entdeckte Sina Borer ein hübsch verpacktes kleines Geschenk «für Mama». Die ehemalige Besitzerin wurde ausfindig gemacht und war überglücklich über das Päckli, das jahrelang im Klavierbauch gelegen hatte, die Klavierbauerin freute sich mit ihr.
Auch erfahrene Stimmerinnen kommen unter Zeitdruck. Ein Service wird erschwert, wenn das Instrument überdurchschnittlich stark verstimmt ist. Oder wenn der Grund für die Störgeräusche beim Klavierspielen ausserhalb des Instruments liegt, beispielsweise in Form einer alten Fensterscheibe oder eines Schlüssels, der im Schlüsselloch mitschwingt, sagt Patricia Hälg. Auch ein Bleistift in einem Aluminiumpult entpuppte sich schliesslich nach langem Suchen als Störfaktor – dank viel Geduld und langen Armen.
Tempo machen müssen die beiden manchmal aus anderen Gründen, etwa wenn Nachbarn oder Vierbeiner ins Spiel kommen. Bei Patricia Hälg beispielsweise durch die Diskussion mit einem Nachbarn, der wissen wollte, ob «man» wohl etwas leiser – und auch schöner – spielen könnte, während die Hauskatze durch dieselben Klänge in süssen Schlummer gefallen war. Oder durch den Hund, der immer in so lautes Jaulen ausbricht, dass Arbeiten unmöglich wird. Zwar nimmt seine Besitzerin ihn jeweils zu einem Spaziergang mit, der dauert aber keine Stunde.
Die Arbeit von Sina Borer und Patricia Hälg beschränkt sich nicht bloss aufs Stimmen, sie führen auch Revisionen und Reparaturen durch. «Im Klavierbau spricht man grundsätzlich von zwei verschiedenen Revisionsarten», erklären die beiden unisono. Bei einer «Kleinrevision» richtet man in der Mechanik, sprich die vielen verschiedenen Teile, wieder korrekt zueinander aus. So werden etwa die abgenutzten Hammerköpfe zurechtgeschliffen oder auch ersetzt. Bei dieser Revision werden bloss die Mechanik und die Klaviatur mit in die Werkstatt genommen.
Bei einer grossen Revision hingegen muss das ganze Instrument komplett in die Werkstatt transportiert werden. Der Fokus liegt auf der Reparatur des Klangkörpers und der Saiten. Hälg sagt: «Wir führen nur vereinzelt grosse Revisionen durch. Der Aufwand dafür ist oft hoch und das Preis-Leistungs-Verhältnis hält sich im Vergleich zu einem Neukauf häufig nicht die Waage.» Dies gelte vor allem bei den Klavieren, sieht aber wieder anders aus, wenn ein Instrument Liebhaberwert hat.
Regelmässig bauen die beiden auch Luftbefeuchtungssysteme, sogenannte Dampp-Chaser, direkt in das Instrument ein. Auch gefragt ist der Einbau eines Stummschalt-Systems, welches zusätzlich das Spielen über Kopfhörer bei einem normalen Klavier ermöglicht.
Tempo Teufel
Das Klavier gilt als eines der schnellsten melodischen Instrumente – eine Österreicherin hält den Weltrekord mit 20 Tastenschlägen pro Sekunde. Um möglichst viele Töne in kurzer Zeit zu spielen, braucht es zweierlei: einen virtuosen Pianisten und ein Instrument, welches die rasante Geschwindigkeit zulässt. «Der Flügel hat dafür extra ein Teilchen mehr in seiner Mechanik, den sogenannten Repetierschenkel», erklärt Sina Borer. Dieser erlaubt es, den Ton früher als beim Klavier anzuschlagen. «Dies ist auch einer der Gründe dafür, warum in grossen Konzerthäusern Flügel stehen und keine Klaviere.»
Die Klavierbauerinnen haben sich ganz dem alten Handwerk verschrieben. Sie arbeiten mit einem breiten Spektrum an Werkzeugen, das vom feinsten Regulierwerkzeug bis zum derben Hammer reicht. Für die meisten Arbeiten benötigen sie weder Computer noch künstliche Intelligenz – obwohl diese auch vor der Welt der Melodien nicht Halt macht. Sina Borer und Patricia Hälg nutzen einzig die Seriennummer-App «Piano Atlas», anhand derer sich das Fertigungsjahr des Klaviers bestimmen lässt.
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