Die Angst des Tormanns beim Elfmeter
Warum Fussball für mich wie Meditation ist und ich dem Erfinder des Elfmeterschiessens so dankbar bin.
Die Spiele dieser WM sind spät, viel zu spät. Und die Gefahr, dass ich einschlafe, ist dementsprechend gross. Dennoch, ich reisse mich bei spannenden Partien zusammen. Auch wenn ich mich von meinen acht Stunden Schlaf verabschieden muss. Immerhin: Alle grossen Turniere haben für mich etwas Entspannendes. Es ist das Ritual, das damit anfängt, dass ich mein Umfeld wenige Stunden vor dem Spiel frage, wer denn heute überhaupt die Rasenfläche betritt. Dann wird der Fernseher eingeschaltet, das Bier geöffnet. Beim Public Viewing noch schnell den Freunden, die zu spät kommen, der Platz freigehalten. Und dann geht es los. Abend für Abend dasselbe Bild, die gleichen Abläufe: Nationalhymne, Handshake mit den Schiris, Anpfiff, Anstoss, elf gegen elf, jubelnde oder bangende Fans und dann mindestens 90 Minuten Ball-Hinterhergerenne. Während auf dem Feld, im Stadion und um mich herum die Emotionen kochen, bin ich je nach Tageslaune und Uhrzeit schon im Meditationsmodus. Die Spieler auf dem grünen Rasen rennen zu sehen, die Replays, die Dauerbeschallung durch die TV-Moderatoren – all das gehört zu meiner WM-Meditation dazu.
Wenn der Tormann versucht, eine Tür mit einem Strohhalm aufzusperren
Ich schaue auf den Bildschirm und schweife gedanklich ab. Mexiko, da könnte man doch mal hinreisen? Curaçao, wie wird da wohl der Strand sein? Steuererklärung, wann muss sie fertig sein? Das Elfmeterschiessen holt mich aus dem Meditationsmodus heraus. Dann bin ich plötzlich zurück, im Hier und Jetzt. Und fühle mit. Elfmeterschiessen ist so was von spannend. Ich liebe es.
Mir kommt dann immer der Titel von Peter Handkes Buch aus den 1970er-Jahren in den Sinn: «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter». In dem Buch geht es nur ganz am Rande um den Nervenkitzel auf dem Fussballfeld. Dennoch steht dort eine Passage drin, die ich interessant finde: «Wenn der Schütze anläuft, deutet unwillkürlich der Tormann, kurz bevor der Ball abgeschossen wird, schon mit dem Körper die Richtung an, in die er sich wenden wird. Ebensogut könnte der Tormann versuchen, mit einem Strohhalm eine Tür aufzusperren.» Doch auch der Schütze hat Angst. Das sieht man nicht nur, das spürt man. Und es ist auch so archaisch: Zwei Menschen stehen in nahem Abstand voneinander entfernt, einer von ihnen wird den Kürzeren ziehen. Ob da jetzt ein Colt gezogen wird oder der Ball rollt, ist Nebensache.
Ich frage mich, wie sich Spieler mental auf das Elfmeterschiessen vorbereiten. Ob sie davon träumen? Ob sie von vornherein wissen, wie sie schiessen werden, oder in letzter Sekunde entscheiden, um den Torwart zu verwirren? Vermutlich machen sie es so wie ich: Sie meditieren, um dann ihre Stärke auszuspielen.