Dieser Schaffhauser Kapitän fliegt mit grossen Frachtflugzeugen um die ganze Welt
Der Schaffhauser Peter Zimmermann hat einen Arbeitsweg von 650 Kilometern: Von Belgien aus steuert er grosse Frachtflugzeuge – vor allem zwischen Europa, Asien und Nordamerika.
von Vincent Fluck
Peter Zimmermann ist ständig auf Achse. Kurz bevor das Gespräch für diesen Magazinbeitrag stattfand, flog er ein grosses Frachtflugzeug vom belgischen Lüttich ins chinesische Hangzhou. Von dort aus fuhr er per Taxi und Passagierflugzeug in die 900 Kilometer entfernte Stadt Jinan. Da übernahm er ein anderes Frachtflugzeug und steuerte es ins deutsche Leipzig. Anschliessend machte er sich auf den Heimweg und reiste als Passagier eines DHL-Paketflugzeugs nach Basel und mit dem Zug in den Klettgau. Nach ein paar Tagen Erholung und dem Magazingespräch auf dem Flugplatz Schmerlat kehrte er via Basel zurück zum Basisflugplatz nach Lüttich. Von dort aus steuerte er ein Transportflugzeug ins chinesische Ezhou und – via Zwischenhalt im kasachischen Almaty – zurück nach Lüttich. Dann machte er sich via Basel auf den 650 Kilometer langen Heimweg. Das Ganze spielte sich im Zeitraum von rund zwei Wochen ab.
Aufgewachsen ist Peter Zimmermann in Schaffhausen. Heute wohnt er mit seiner Partnerin in einem Haus in Gächlingen. Er ist Flugkapitän bei der Firma ASL Belgium und fliegt riesengrosse Jumbojets des Typs Boeing 747-400 für interkontinentale Frachtrouten im Auftrag grosser globaler Logistikunternehmen und Onlinehändler. Darunter sind FedEx, DHL und Amazon. Die Langstreckenflüge von ASL Belgium bedienen hauptsächlich Ziele in Asien, im mittleren Osten, in Nordamerika und in Afrika.
Berufliche Chancen im Ausland
Dass der Schaffhauser Pilot bei ASL arbeitet, war so nicht geplant und ist eine indirekte Folge des Swissair-Untergangs im Jahr 2001. «Das Grounding bedeutete nicht nur das Ende einer nationalen Ikone, sondern zwang viele Schweizer Pilotinnen und Piloten dazu, ihre berufliche Zukunft im Ausland neu zu gestalten», sagt der 50-Jährige. «Auch ich selbst bin ein Teil dieser Entwicklung.» In diesen schwierigen Jahren flog er zuerst für die Crossair 50-plätzige Passagierflugzeuge. Später war er für die Swiss tätig, die nach der Übernahme durch die Lufthansa im Jahr 2005 einen Stellenabbau ankündigte.
«Ich spreche nie vom Arbeiten sondern ich sage jeweils: Ich gehe fliegen.»
Zusammen mit 26 Berufskollegen nahm er ein von der Swiss vermitteltes Angebot von China Airlines an und wechselte nach Taiwan. Dort wurde er auf die Boeing 747 umgeschult. «Das war karrieremässig für mich ein guter Schritt», erinnert er sich. In dieser Zeit lernte er auch Leute kennen, die später die TNT in Belgien aufbauten und ihm 2007 den Wechsel dorthin ermöglichten. Grosser Vorteil des neuen Jobs war, dass der Arbeitsweg von der Schweizer Heimat nun nicht mehr 12’000, sondern nur noch 650 Kilometer lang war. Und im Jahr 2011 folgte der nächste Karrieresprung, die Beförderung vom Copiloten zum Kapitän.
Auch nach bald 30 Jahren als Berufspilot ist Peter Zimmermann von seinem Job begeistert. «Er hat Suchtpotenzial», sagt er schmunzelnd. «Ich spreche nie vom Arbeiten, sondern ich sage jeweils: Ich gehe fliegen.» Die Arbeit für eine Frachtgesellschaft unterscheide sich kaum von der Linienfliegerei im Passagierbereich. Auch im Hinblick auf die Ausbildung und die erforderlichen Lizenzen gebe es keinen Unterschied. Voraussetzungen für den Beruf seien neben einer guten Gesundheit vor allem ein überdurchschnittliches Mass an Flexibilität, Motivation, Sozialkompetenz, Führungsstärke sowie fundiertes Fachwissen und ausgeprägtes handwerkliches Können. Jeder Pilot müsse sich zweimal jährlich einer umfassenden Kompetenzbeurteilung und Lizenzprüfung unterziehen – sowohl im Flugbetrieb als auch im Simulator.
Auf den Geschmack des Fliegens kam Zimmermann früh, wurde er doch schon als 17-Jähriger Mitglied der Segelfluggruppe Schaffhausen, die auf dem Flugplatz Schmerlat beheimatet ist. Vereinskollegen, die selbst Berufspiloten waren, motivierten ihn, sich der kommerziellen Luftfahrt zuzuwenden. Berufsbegleitend besuchter er ab 1997 die Flugschule Horizon und finanzierte die Ausbildung mit dem Verdienst aus seinem Erstberuf als Elektromechaniker. Noch heute wirkt Zimmermann im Verein mit als ehrenamtlicher Fluglehrer auf Segel- und Motorflugzeugen. Daneben steuert er die Schleppmaschinen, macht Rundflüge und hilft in der Werkstatt bei den Reparaturarbeiten. Manchmal fliegt er auch für sich allein auf einem der vereinseigenen Segelflugzeuge. Ansonsten verbringt er die Freizeit mit seiner Partnerin und mit Freunden. Stichworte sind Handwerken am Haus oder im Garten, Wandern am Rhein und Reisen.
Gefahrengut im Frachtraum
In den Fracht-Jumbos, die Zimmermann rund um den Erdball steuert, transportiert er alles Mögliche, zum Beispiel Post, Nahrungsmittel, Tiere, Pflanzen, Industrieanlagen, Elektronik, Fahrzeuge, Pharmazeutika, Chemikalien und sonstige empfindliche Produkte. Im Cockpit sitzen sie jeweils zu zweit, auf langen Strecken zu dritt, damit sich jemand zur Erholung zurückziehen kann. Ebenfalls an Bord ist jeweils ein «Loadmaster» – er beaufsichtigt das Beladen und Entladen – und meistens auch ein «Engineer», der das Flugzeug kontrolliert, betankt und bei Bedarf Wartungsarbeiten erledigt.
Dynamische Entwicklung in Asien
Die zunehmende Globalisierung habe sich auch auf die Arbeit im Cockpit ausgewirkt. «Unsere Einsätze sind heute deutlich engmaschiger getaktet. Frachtflüge bedienen nicht nur grosse Drehkreuze, sondern zunehmend auch Flughäfen mit hoher Spezialisierung – etwa für Medizinfracht, temperaturempfindliche Waren, Gefahrengut oder Expresslieferungen.» Auch Wetterereignisse, geopolitische Spannungen und Handelsrestriktionen wirkten sich aus und machen Routenanpassungen notwendig. «Und wir merken auch, wie dynamisch sich Asien verändert hat. Wer heute durch moderne chinesische Städte wie Hangzhou, Jinan oder Shanghai reist, sieht eine völlig andere Realität als noch vor 20 Jahren: Hightech-Infrastruktur, saubere Luft, grossflächige Solar- und Windparks – Dinge, die man früher kaum mit diesen Regionen in Verbindung gebracht hätte.»
Hat Peter Zimmermann nie versucht, sich wieder in der Schweiz als Pilot anstellen zu lassen? Das sei schwierig, sagt er. Bei praktisch allen Firmen, so auch bei der Swiss, gilt das Senioritätsprinzip. Da sind Beförderungen abhängig von der Anzahl Jahre, die man im Betrieb arbeitet. Als Neuling könnte er nicht als Kapitän einsteigen. Interessant an Peter Zimmermanns aktueller Arbeitssituation ist, dass er als Schweizer im europäischen Ausland angestellt ist, seinen Lohn in Euro ausbezahlt bekommt, ins belgische Sozialsystem einzahlt und dereinst auch von dort seine Rente bekommen wird. Umgerechnet in Schweizerfranken musste er in den letzten Jahren wegen des sich verändernden Wechselkurses eine Lohneinbusse in Kauf nehmen. Darüber hinaus sind die belgischen Rentenleistungen nicht so hoch wie in der Schweiz. Peter Zimmermann wird sich bei seiner Pensionierung deshalb überlegen müssen, ob er sich das teure Leben in der Schweiz leisten will. Nicht ausgeschlossen ist, dass seine Partnerin und er auf die alten Tage hin ins Ausland ziehen. Sie selbst sei vor zehn Jahren aus Deutschland zugezogen und könne sich das vorstellen. «Wir sind offen. Wir werden schauen, wie wir das lösen werden», sagt er. Flexibel wie sich seine Lebensreise bisher gestaltet hat, wird sie sich wohl auch im dritten Lebensabschnitt fortsetzen.
Ein Artikel aus dem Magazin

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