«Unrealistische Wünsche lehne ich ab» – Schönheitschirurg spricht über die Grenzen seiner Arbeit

Till Burgherr (tbu) | 
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Am Rheinfall diskutieren Fachleute aus aller Welt über Schönheit und Sicherheit in der plastischen Chirurgie. Gastgeber Professor Dominik Feinendegen spricht im Interview über grosse Verantwortung in seiner Branche.

Herr Feinendegen, Ihre Biografie ist international: Sie haben Ihre Ausbildungen in Houston, London und Bern absolviert und operieren auch in Schaffhausen. Nun diskutieren Sie mit Fachleuten am Rheinfall über ästhetische Chirurgie. Wie hat sich Ihr Blick auf die Menschen durch Ihre Ausbildung verändert?

Dominik Feinendegen: In der eigenen Praxis trägt man die volle Verantwortung, daher war für mich eine fundierte Ausbildung von Anfang an zentral. Durch meine Arbeit an grossen Kliniken weltweit habe ich einen besonderen Blick auf die Schönheit entwickelt. Heute organisiere ich den Weltkongress nicht nur, um selbst dazuzulernen, sondern auch, damit Jüngere davon profitieren. In der Schweiz arbeiten plastische Chirurgen nach der Ausbildung vor allem klassisch rekonstruktiv – die ästhetische Ausbildung kommt hierzulande oft zu kurz.

Inwiefern?

In der ästhetischen Chirurgie geht es nicht nur um schöne Ergebnisse. Es ist entscheidend, Komplikationen zu vermeiden und Patienten zu schützen. Wird die Haut zum Beispiel zu dünn präpariert, kann sie absterben, wenn sie schlecht durchblutet wird – dies kann besonders bei Rauchern passieren. Es verursacht viel Leid und Folgekosten. Die Patientensicherheit steht immer an oberster Stelle.

Dominik Ludwig Feinendegen

Beruf: Facharzt für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie

Praxisstandorte: Schaffhausen, St. Moritz, Zürich/Zollikon

Ausbildung: New York, Houston, London, Marburg, Erlangen-Nürnberg, Bern

Forschung: Histologische Studien zu Schnitttechniken, diverse internationale Publikationen in Fachjournalen

Privates: Familie, Pferde- und Hundeliebhaber sowie Naturliebhaber

Sie bezeichnen sich selbst als «Chirurg der Seele». Was bedeutet das konkret?

Ich habe den Begriff nicht erfunden, ich stütze mich auf Joseph Murray, einen bekannten plastischen Chirurgen. Er beschreibt in seinem Buch «Surgery of the Soul», wie er Patientinnen und Patienten nach Tumorrekonstruktionen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch unterstützte. In meiner Praxis behandeln wir Menschen, die stark entstellt sind. Ein Beispiel: Ein Mensch mit 140 Kilo kann nach einer Operation 80 Kilo verlieren. Plötzlich kümmert sich dieser Mensch wieder um sich selbst, trägt gepflegte Kleidung, sein Selbstwertgefühl steigt. Wir stellen entstellte Gesichter wieder her und helfen den Menschen psychisch, wieder lebensfähig zu werden. Darum sind wir auch Chirurgen der Seele.

Ein Makel kann aber auch Teil der Identität sein – oder sehen Sie das anders?

Ja, Schönheit ist multifaktoriell. Manche Menschen entsprechen nicht den klassischen geometrischen Proportionen, aber ihr Charakter und ihre Ausstrahlung machen sie attraktiv. Auch jemand mit einer Hakennase kann sehr anziehend wirken, wenn die Ausstrahlung stimmt.

Erleben manche Patienten nach einem Eingriff, dass sie sich mit ihrem neuen Aussehen nicht mehr ganz identifizieren können?

Ja, solche Fälle gibt es, und sie zeigen, wie wichtig das Einfühlungsvermögen ist. Es reicht nicht, nur technisch zu operieren – man muss verstehen, wie der Patient sich selbst wahrnimmt. Psychologische Kenntnisse sind entscheidend: Welche Veränderungen verbessern das Selbstwertgefühl, welche Erwartungen sind unrealistisch oder riskant? Ziel ist immer, dass der Patient hinter dem Ergebnis steht und seine Identität gestärkt wird.

Ist Schönheit überhaupt messbar oder liegt sie nicht vielmehr im Auge des Betrachters?

Es gibt Richtlinien, zum Beispiel für Gesichtszüge, die uns eine Orientierung geben. Gleichzeitig braucht es ein Gefühl für Ästhetik und Geometrie.

Welche Eingriffe sind derzeit besonders gefragt?

Trends kommen und gehen, oft ohne wissenschaftliche Basis. Zu den neuesten Entwicklungen der ästhetischen Medizin gehört die Exosomen-Therapie. Es geht dabei um Blutbestandteile, welche die Zellregeneration fördern sollen – ich habe aber noch nie überzeugende Resultate davon gesehen. Interessanter sind Eigenblutbehandlungen, dabei zentrifugiert man das Blut, isoliert regenerative Blättchen und injiziert sie in die Haut. Dadurch wird die Haut verjüngt.

Sie arbeiten in Schaffhausen, St. Moritz und Zürich. Gibt es da Unterschiede in der Wahrnehmung von Schönheit?

Die Wünsche und Ansprüche sind in allen Regionen ähnlich – ich sehe keine Unterschiede, wo ästhetische Eingriffe häufiger nachgefragt würden. In Schaffhausen operiere ich jeweils am Freitag, in St. Moritz war ich zuletzt seltener tätig, da meine Frau erkrankt ist. Sie kämpft seit drei Jahren gegen Brustkrebs – für uns als Familie war das eine herausfordernde Zeit.

Wie haben Sie davon erfahren?

Sie hat den Krebs selbst ertastet, und wir haben sofort reagiert. Ich habe meine Frau sofort operiert. Zum Glück war der Tumor oberflächlich und konnte früh entfernt werden. Es handelte sich jedoch um einen sehr aggressiven Krebs, und sie ist nach drei Jahren noch immer in der Chemotherapie. Wir versuchen, das Beste daraus zu machen. 15 Monate auf der Intensivstation haben vieles verändert, aber sie zeigt grosse Stärke.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Operation planen?

Ich plane penibel genau, wie viel Gewebe ich entfernen muss und wo und wie ich den Schnitt ansetze, dass die Narbe möglichst gut verheilt (spezielle Schnitt-Technik «Flat Incision Technique» von mir selbst entwickelt und erforscht) und später nicht mehr sichtbar ist. Bei einer Entfernung eines Brusttumors muss oft auch die gesunde Seite angepasst werden, um die Symmetrie wiederherzustellen. Hier ist eine Herangehensweise mit dem Blick fürs Ganze erforderlich. Bei sehr grossen Brüsten kann durch die Verkleinerung der gesunden Seite oft auf ein Implantat verzichtet werden.

Verzichten Sie also, wenn möglich, auf künstliche Produkte?

Wir arbeiten mit hochwertigen Implantaten, vermeiden aber, wenn möglich, einen Fremdkörper. Bei Raucherinnen und Rauchern kann es zum Beispiel zu einer Gewebebildung um das Implantat kommen, was Komplikationen begünstigt.

Sie haben das Rauchen schon mehrfach als Risikofaktor erwähnt. Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, man müsse offenlegen, wenn man raucht. Warum ist das so wichtig?

Ein Raucher, der 10 bis 15 Zigaretten am Tag raucht, muss drei bis sechs Wochen vor einer Straffungsoperation aufhören. Beim Rauchen wird das Gewebe schlechter durchblutet – das ist ein erhebliches Risiko. Wenn ich ein Facelifting durchführe und die Haut von der Muskulatur ablöse, beobachte ich die Durchblutung genau. Wenn sie unzureichend ist oder ich bemerke, dass der Patient wichtige Informationen verschwiegen hat, stoppe ich die Operation sofort. Ist die Durchblutung reduziert, kann das Gewebe absterben. Da gilt es, jedes Risiko zu vermeiden.

Wie verhält es sich mit Alkohol?

Alkohol wirkt blutverdünnend und kann zu starken Blutungen führen, wenn man das vor einer Operation nicht berücksichtigt. Vor einer ästhetischen Operation besprechen wir den Alkoholkonsum, und Patienten sollten eine Woche vorher darauf verzichten.

In welchen Fällen übernimmt die Versicherung die Kosten einer Operation?

In der ästhetischen Chirurgie nur, wenn ein psychischer Leidensdruck nachgewiesen ist – dafür braucht es ein Gutachten. Schlupflider zum Beispiel werden in manchen Fällen von der Kasse übernommen, nämlich dann, wenn das herabhängende Oberlid das Sehen beim Autofahren einschränkt.

Wo ziehen Sie persönlich Grenzen – gibt es Eingriffe, die Sie nicht durchführen?

Ich operiere nur, wenn ich hinter dem Eingriff stehen kann und es wirklich auch einen Nutzen für den Patienten bringt. Unrealistische Wünsche lehne ich ab – das ist ein Grundprinzip meiner Arbeit. Manche junge Frauen wünschen sich zum Beispiel extrem grosse Brust-Implantate – das ist zwar technisch möglich, aber der Körper wehrt sich dagegen, und weitere Operationen wären nötig. Wir schauen genau auf Anatomie und Proportionen und operieren nur, was wir verantworten können.

Kongress am Rheinfall

Spezialistinnen und Spezialisten aus aller Welt reisen zum Schloss Laufen, um am internationalen Kongress für plastische und ästhetische Chirurgie teilzunehmen. Dieser findet vom 25. bis zum 27. September statt. Im Fokus stehen die Patientensicherheit sowie ethische Fragen. Diskutiert werden zudem neueste Operationstechniken. Organisiert wird der Anlass von Sandra und Dominik Feinendegen.

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