«Weiterdenken statt nur verwalten»
Der Wilchinger Gemeindepräsident Hans Rudolf Meier tritt ab. Damit geht nach über drei Jahrzehnten eine Klettgauer Ära zu Ende.
INTERVIEW: JEAN-CLAUDE GOLDSCHMID
Herr Meier, was ist der Grund für Ihren Rücktritt?
Hans Rudolf Meier: Ich hatte mich bereits vor vier Jahren bei meiner Wiederwahl dazu entschieden. Ich hatte damals gesagt: Ich mache noch eine Amtsperiode fertig, so lange ich gesund bleibe. Auch Anfang dieses Jahrs habe ich mich dahingehend geoutet, als ich gesagt habe, dass ich nicht mehr antrete. Man muss dann gehen, wenn man selber noch entscheiden kann. Ich habe meinen Staatsdienst erfüllt.
Pensioniert sind Sie schon ...
Meier: Ja, seit drei Jahren. Ich habe noch gewisse Verwaltungsratsmandate, die ich nun aber auch niederlegen möchte.
Wie werden Sie verabschiedet?
Meier: An der Budgetgemeindeversammlung fand mein persönlicher Abschied statt. Zudem habe ich die Bevölkerung auf den 31. Dezember zu einem Abschiedsapéro auf den neuen Weinplatz eingeladen. Dann müssen nur noch die Büroschlüssel übergeben werden ...
Das Baureferat hat Sie über die ganzen 32 Jahre in der Exekutive begleitet.
Meier: Ja. Ich war immer in der Baubranche tätig, zunächst als selbständiger Unternehmer mit einer Spezialtiefbaufirma in Schaffhausen. 2003 verkaufte ich diese und war anschliessend während elf Jahren beim Grosskonzern Implenia in einer Kaderfunktion tätig.
Sind Sie traurig darüber, dass nun Schluss ist?
Meier: Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend deshalb, weil ich meine Agenda wieder selber gestalten kann. Weinend, weil ich von der aktiven Mitgestaltung des öffentlichen Raums Abschied nehmen muss. Das hat mir immer viel Spass gemacht – sonst hätte ich das nicht so lange machen können. Ich bin aber persönlich nicht besonders traurig.
Wieso nicht?
Meier: Irgendwann muss man auch einräumen, dass man einer nächsten Generation nicht vor der Sonne stehen will. Ich wurde schliesslich mit 34 Jahren Gemeinderat. Diejenigen, die heute ein solches Amt antreten, sind in der Regel wesentlich älter. In Wilchingen wäre jetzt ein klassischer Generationenwechsel angesagt.
Was bleibt Ihnen als besonders schönes Erlebnis aus diesen drei Jahrzehnten in Erinnerung?
Meier: Mich hat fasziniert, wie man als Präsident einer Exekutive im Konsens mit der Bevölkerung relativ viel bewegen kann – was als Parlamentarier nicht möglich ist. Die Gestaltungsfreiheit war tatsächlich sehr gross, auch für mich als gestandener Unternehmer. Es braucht an der Spitze einer Gemeinde nämlich einen gewissen Blick in die Zukunft! Es reicht nicht, nur zu verwalten – man muss immer weiterdenken.
Das Präsidium des Trägervereins des Regionalen Naturparks behalten Sie aber ...
Meier: Ja. Ich wurde ja im letzten Jahr für vier weitere Jahre gewählt und werde das Präsidium also sicher noch drei Jahre weiterführen. Dieses abzugeben, wäre dann allerdings schon der nächste Schritt.
Hat es Sie nie interessiert, selbst auf Kantons- oder Bundesebene zu politisieren?
Meier: Nein. Mich interessierte immer die Exekutive, nicht die Legislative. Ich hatte zwar vor vielen Jahren zweimal für den Kantonsrat kandidiert – aber eigentlich eher der Partei zuliebe als aus eigenem Antrieb.
Man hört oft, dass Parteipolitik auf Gemeindeebene sowieso weniger wichtig sei ...
Meier: Das stimmt genau. Als Gemeindepräsident war ich zuständig für alle Gesinnungen. Ich bin als ehemaliger Unternehmer selbstverständlich liberal und stehe auch dazu. Ich bin im liberalen Sinne offen und sicher nicht rechtsbürgerlich. Nach diesem Credo habe ich immer gelebt.
Was für Veränderungen hat Ihre Gemeinde in den letzten 32 Jahren erlebt? Die grösste war ja wohl die Fusion mit Osterfingen ...
Meier: Die war aber eigentlich die Folge aus einer grösseren geplanten Fusion im Unterklettgau mit Hallau, Oberhallau, Neunkirch und Trasadingen war.
Wie hat sich denn der Charakter des Dorfs in dieser Zeit verändert?
Meier: Der Schwerpunkt hat sich von der Landwirtschaft hin zum Handwerk und dem Kleingewerbe verschoben. Auch hat sich bei uns eine gute Mischung aus Arbeitsplätzen und Wohnen ergeben. Wir sind keine reine Schlafgemeinde, obwohl auch bei uns Pendler leben. Auch dass wir das Wohn- und Pflegeheim Sonnmatt nach Wilchingen holen konnten, hat Arbeitsplätze geschaffen.
Wilchingen gilt auch als Dichterdorf ...
Meier: Mit Hans Ritzmann hatte ich tatsächlich einen besonderen Mäzen für das, was ich sehr schätze. Leider hatte ich persönlich oft zu wenig Zeit, mich damit zu beschäftigen. Aber insgesamt sind wir als Gemeinde kulturell recht gut positioniert.
Wie beurteilen Sie den Erfolg der Genussregion Wilchingen-Osterfingen-Trasadingen?
Meier: Sie ist insgesamt immer noch ein kleines Pflänzchen und hat wohl auch ihre Grenzen. Es fehlt auch das Umfeld. Wir haben kein städtisches Umfeld und sind auch nicht Teil einer Agglomeration. Es wurde aber sehr viel unternommen, um die Genussregion attraktiv zu gestalten.
Wo liegen die aktuellen Probleme Ihrer Gemeinde?
Meier: Ich übergebe sicher ein, zwei schwere Pakete meinem Nachfolger. Eines ist die Bildung und die Schule. Da treten wir im Moment etwas auf der Stelle. Ich habe aber das Dossier zur Übergabe entsprechend vorbereitet. Spruchreif ist hier allerdings noch nichts. Ein anderes Problem ist das Gemeindehaus. Je nachdem gibt es hier ein weiteres Trauerspiel oder aber eine zukunftsgerichtete Lösung.
Weitere Gemeindefusionen im Unteren Klettgau scheinen zurzeit kein Thema zu sein ...
Meier: Eigentlich hatten wir schon über dieses Thema geredet – bis zum Scheitern des Schulhausprojekts. Die entsprechenden Vorarbeiten sind geleistet. Insgesamt ist der Fusionsprozess sicher nicht vom Tisch. In den nächsten ein bis zwei Legislaturperioden sollte hier etwas passieren.
Und der Regionale Naturpark?
Meier: Da bin ich zuversichtlich, dass der zustande kommt. Es wäre eine Chance für die Region. Davon bin ich überzeugt. Mit diesem zusätzlichen Vernetzungs- und Marketinginstrument könnte man in der Region sicher eine höhere Wertschöpfung erzielen. Unser Naturpark ist auch nicht mit dem gescheiterten Nationalparkprojekt im Graubünden und Tessin vergleichbar. Oft sind aber auch seitens der Bevölkerung bei solchen Projekten Unsicherheiten mit im Spiel.
Und was tun Sie ab dem 1. Januar 2017?
Meier: Meine Freiheiten geniessen. Ich möchte mich schwerpunktmässig dem Regionalen Naturpark und meinem Hobby, der Fotografie, widmen.
Herr Meier, wir danken Ihnen vielmals für dieses Gespräch. Alles Gute!