Künstliche Intelligenz trifft auf die Realität der Immobilienbranche

Sarah Schneidewind | 
Lesenswert
Noch keine Kommentare
18. Immobilien-Event der Schaffhauser Kantonalbank, Prof. Dr. Donato Scognamiglio (Verwaltungsratsprᅢᄂsident IAZI AG), Donnerstag, 04.06.2026, Schaffhausen (Roger Hofstetter/Schaffhauser Nachricht
«Soll ich jetzt kaufen oder warten?» Diese Frage begleitet Donato Scognamiglio schon lange. Seine Antwort ist immer dieselbe. Bilder: Roger Hofstetter

Künstliche Intelligenz kann Prozesse beschleunigen, Daten analysieren und Entscheidungen unterstützen. Am Immobilien-Event der Schaffhauser Kantonalbank wird jedoch deutlich: Erfahrung, Vertrauen und menschliches Urteilsvermögen bleiben unersetzlich.

Künstliche Intelligenz ist längst auch in der Immobilienbranche angekommen. Am Immobilien-Event der Schaffhauser Kantonalbank (SHKB) stehen Chancen und Grenzen der Technologie im Fokus. Rund 350 Gäste verfolgen die diesjährige Ausgabe des Anlasses. Unter dem Titel «Künstliche Intelligenz – zwischen Effizienz und Utopie» diskutieren Fachpersonen aus Wissenschaft und Praxis über die Auswirkungen von KI auf die Immobilienwirtschaft. Durch den Anlass führt der frühere SRF-Moderator Reto Brennwald.

Bereits beim Auftaktgespräch macht André Merz von der SHKB deutlich, dass die Technologie in der Branche angekommen ist. Die Einladung zum Anlass sei mit künstlicher Intelligenz erstellt worden, auch Teile des Werbevideos seien mithilfe entsprechender Programme entstanden. Bei vielen Immobilienunternehmen werde KI inzwischen getestet oder bereits produktiv eingesetzt.

«Mich interessiert weniger, was technisch alles möglich ist. Mich interessiert, was sinnvoll und nützlich ist.»

Nadine Eve Rusch-Schenker, Leiterin des Departements Banking & Finance an der HWZ Zürich

Merz sieht vor allem Potenzial bei Datenanalysen und der Verarbeitung grosser Informationsmengen. «Es gibt Prozesse, auf die KI auch im Bereich Immobilieninvestoren sehr gut anwendbar ist, zum Beispiel bei der Dateneffizienz. Allerdings ersetzt sie nie das menschliche Bauchgefühl», sagt er. Gleichzeitig warnt Merz vor überhöhten Erwartungen. KI arbeite mit Vergangenheitsdaten und könne lokale oder politische Entwicklungen nur begrenzt erfassen. «Vertrauen, Verlässlichkeit und Empathie sind für uns zentral. Dafür braucht es etwas Fassbares, einen Menschen und eine persönliche Beratung.»

«KI ist nur so gut wie die Daten»

Diesen Gedanken greift Nadine Eve Rusch-Schenker, Leiterin des Departements Banking & Finance an der HWZ Zürich, in ihrem Referat auf. «Mich interessiert weniger, was technisch alles möglich ist. Mich interessiert, was sinnvoll und nützlich ist», sagt sie. Künstliche Intelligenz sei kein Wundermittel, sondern ein Sammelbegriff für Technologien, die Muster erkennen, Daten analysieren und daraus Vorhersagen ableiten können.

18. Immobilien-Event der Schaffhauser Kantonalbank, Dr. Nadine Eve Rusch-Schenker, Donnerstag, 04.06.2026, Schaffhausen (Roger Hofstetter/Schaffhauser Nachrichten)
Für Nadine Eve Rusch-Schenker muss KI sinnvoll eingesetzt werden – und die Entscheidungsgewalt soll dem Menschen gehören.

Zur Einordnung des Begriffs verweist sie auf den MIT-Forscher Boris Katz, der künstliche Intelligenz als «die Fähigkeit einer Maschine, intelligentes menschliches Verhalten nachzubilden, um komplexe Aufgaben zu lösen» beschreibt.

Bereits heute unterstütze KI die Immobilienbranche bei Bewertungen und Marktanalysen. «Eine KI ist immer nur so gut wie die Daten», betont Rusch-Schenker. Fehler und sogenannte Halluzinationen gehörten weiterhin zu den Risiken der Technologie. Zugleich verweist sie auf Studien, wonach KI manche Analyse- und Büroarbeiten deutlich beschleunigen kann. Laut einer MIT-Studie lassen sich solche Aufgaben rund 40 Prozent schneller erledigen. «KI liefert Vorschläge mit Wahrscheinlichkeiten, keine Wahrheiten. Die finale Entscheidung gehört dem Menschen.»

Datengetriebene Bauwirtschaft

Markus Mettler, Verwaltungsratspräsident der Halter AG, richtet den Blick anschliessend auf die praktische Anwendung in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Digitalisierung funktioniere nur dann, wenn Daten und Prozesse sauber strukturiert seien. «Bei neuen Projekten beginnen viele Unternehmer immer wieder bei null. Dabei wären zwischen 80 und 95 Prozent aller Informationen rund um einen Bau standardisierbar und somit auf andere Projekte skalierbar», sagt Mettler. Sein Ziel sei eine stärker datengetriebene und industrialisierte Bauwirtschaft. Seine Halter-Gruppe sieht durch integrierte Prozesse, standardisierte Daten und digitale Werkzeuge Produktivitätssteigerungen von bis zu 40 Prozent als realistisch an.

18. Immobilien-Event der Schaffhauser Kantonalbank, Markus Mettler (Delegierter des VR Halter Gruppe AG und Verwaltungsratsprᅢᄂsident Halter AG), Donnerstag, 04.06.2026, Schaffhausen (Roger Hofstetter/Schaffhauser Nachricht
Mehr Standardisierung wünscht sich Markus Mettler: So könne Skalierung stattfinden.

«Es braucht nur noch Stunden statt Tage, um schnellere und bessere Entscheidungen zu treffen.»

Markus Mettler, Verwaltungsratspräsident der Halter AG

Digitale Planungsplattformen ermöglichen heute bereits schnelle Simulationen und fundiertere Entscheidungen. «Es braucht nur noch Stunden statt Tage, um schnellere und bessere Entscheidungen zu treffen.»

Eigenmittel als Schlüssel

Anschliessend richtet Donato Scognamiglio, seines Zeichens Verwaltungsratspräsident der Iazi AG und Titularprofessor an der Universität Bern, den Blick auf die Entwicklung des Schweizer Immobilienmarkts. Eine Frage begleite ihn seit Jahrzehnten: «Soll ich jetzt kaufen oder warten?» Seine Antwort falle grundsätzlich gleich aus. Wer langfristig denke und über genügend Eigenmittel verfüge, solle Wohneigentum nicht ausschliesslich wegen kurzfristiger Marktentwicklungen aufschieben.

18. Immobilien-Event der Schaffhauser Kantonalbank, Prof. Dr. Donato Scognamiglio (Verwaltungsratsprᅢᄂsident IAZI AG), Donnerstag, 04.06.2026, Schaffhausen (Roger Hofstetter/Schaffhauser Nachricht
Donato Scognamiglio hält sein Referat wie gewohnt mit viel Humor – und rät zum Hauskauf.

Seit 2000 ist die Bevölkerung in der Schweiz um 27 Prozent und in Schaffhausen um 23 Prozent gewachsen. Die Bautätigkeit hält vielerorts nicht Schritt. «Es dauert zwar inzwischen länger, bis Immobilien verkauft sind, aber die stark steigenden Angebotsmieten sprechen noch immer fürs Kaufen», sagt Scognamiglio. Die Angebotsmieten sind in Schaffhausen seit 2004 um rund 58 Prozent gestiegen und damit stärker als im Schweizer Durchschnitt.

«Es dauert zwar inzwischen länger, bis Immobilien verkauft sind, aber die stark steigenden Angebotsmieten sprechen noch immer fürs Kaufen.»

Donato Scognamiglio, Verwaltungsratspräsident der Iazi AG und Titularprofessor an der Universität Bern

Für Eigentümer sei dabei vor allem eines entscheidend: «Eigenmittel sind der Schlüssel.» Eine mögliche Inflation könne zwar die Hypothekarzinsen erhöhen, aber: «Gut amortisierte Eigenheimbesitzer müssen keine Angst haben.»

Zum Abschluss zieht SHKB-CEO Alain Schmid Bilanz des Vormittags. Besonders beeindruckt hätten ihn die Möglichkeiten mit der neuen Technologie. «Das Potenzial, das KI bringt, ist riesig», sagt Schmid. «Es ist weniger die Frage, ob man KI als Unternehmen einsetzt, sondern mehr, wie man sie einsetzt.» Künstliche Intelligenz sei bereits heute im Alltag vieler Unternehmen angekommen.

Damit bleibt nach dem diesjährigen Immobilien-Event eine zentrale Erkenntnis: Künstliche Intelligenz kann die Immobilienbranche effizienter machen, Entscheidungen vorbereiten und grosse Datenmengen analysieren. Die Verantwortung bleibt jedoch beim Menschen.

Ist dieser Artikel lesenswert?

Ja
Nein

Kommentare (0)

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren