Vom Maurer, der Goldschmied wurde

Lisa Merz | 
Lesenswert
Noch keine Kommentare
Guglielmo Fior vor seinem neuen Geschäft an der Safrangasse. Er freut sich, dass die Gegend mit der Neueröffnung des Stadthausgevierts wieder belebter wird. Bild: Roberta Fele.

Goldschmied Guglielmo Fior ist mit seinem Geschäft in den Nordteil gezogen. Er spricht über neugierige Passantinnen und Passanten und warum er mehrere Eheringe besitzt.

Dass ihn beim Feilen, Löten und Polieren plötzlich alle beobachten können, daran musste sich Guglielmo Fior beim Einzug ins neue Ladengeschäft an der Safrangasse zuerst etwas gewöhnen. «Ich habe meine Werkbank bewusst so platziert, dass die Passanten mir beim Arbeiten zuschauen können», sagt der Goldschmied. «Und bis jetzt habe ich nur positive Rückmeldungen erhalten. Die Leute sehen, dass ich wirklich alles von Hand mache und dass die Schmuck­stücke deswegen etwas Spezielles sind.»

Guglielmo Fior ist als einer der Ersten in den Nordteil des neuen Stadthausgevierts eingezogen. Davor hatte er sein Geschäft während siebzehn Jahren beim Kirchhofplatz. «Weil das Haus verkauft wurde, musste ich einen neuen Standort suchen. Als ich diese Räume betrat, fühlte ich mich sofort wohl.» Dass das Geschäft in einer Seitengasse ist, hat ihn nicht von seiner Entscheidung abgehalten. «Meine Stammkundschaft findet mich auch so. Und diese Ecke in Schaffhausen wird jetzt mit der Neueröffnung des Stadthausgevierts zum Glück wieder belebter, davon profitiere ich.»

fotografiert am, in . (Roberta Fele / Schaffhauser Nachrichten)
Atelier, Laden und Büro in einem: Guglielmo Fior möchte, dass sich seine Kunden und Kundinnen willkommen fühlen in seinem Geschäft. Bild: Roberta Fele.

45 Quadratmeter reichen Guglielmo Fior. Die Wände sind in einem hellen Grau gestrichen, in der Mitte des Raumes steht ein römischer Torso auf einem Sockel. Dahinter hat es genügend Platz für einen Bürotisch und eine kleine Küche. «Mir ist es wichtig, dass man sich in meinem Geschäft willkommen und wohl fühlt», sagt der 59-Jährige. Oft hätten Leute Hemmungen, ein Schmuckgeschäft zu betreten, das sie nicht kennen. «Aber bei mir darf man auch ungeniert einfach schauen oder sich unverbindlich beraten lassen.»

Edelsteine sind eine Wissenschaft für sich

Eines der Highlights des Raums ist natürlich die Schmuckvitrine. Dort leuchtet es rot, blau, gelb, golden und silbrig. Runde und eckige Steine schmücken Ringe, Ketten und Ohrringe. «Ob Turmalin, Smaragd, Peridot oder Opal – ich arbeite am liebsten mit natürlichen Steinen, die weder gefärbt noch behandelt wurden. Das muss man den Leuten zum Teil erklären und ist eine Wissenschaft für sich», sagt Guglielmo Fior. «Auch die unterschiedlichen Techniken sind anspruchsvoll. Aber erst sie ermöglichen es, sich von 08/15-Schmuckstücken zu unterscheiden.»

«Bei mir darf man auch ungeniert einfach schauen oder sich unverbindlich beraten lassen.»

Guglielmo Fior, Goldschmied

Das Goldschmiede-Handwerk hat Guglielmo Fior mit 30 Jahren erlernt. Er war der zweitälteste seiner Klasse. Schon einmal musste er von vorne beginnen. 1986 liess er der Liebe wegen alles in Italien zurück und arbeitete zehn Jahre als Maurer, bis sich sein Rücken meldete und der Arzt ihm riet, den Job zu wechseln. «Eigentlich wollte ich eine Weiterbildung zum Bauzeichner machen, merkte aber, dass ich meine Visionen auch gerne eigenhändig umsetze. Deshalb entschied ich mich für eine Lehre zum Goldschmied. Kurz nach dem Abschluss habe ich mich selbstständig gemacht.»

fotografiert am, in . (Roberta Fele / Schaffhauser Nachrichten)
Fior arbeitet gerne mit unbehandelten Steinen und Perlen. Bild: Roberta Fele.

Die Werkbank aus Holz ist der Mittelpunkt des Geschäfts. Unter einer halbmondförmigen Aussparung an der Vorderkante, wo der Goldschmied sitzt, befindet sich ein Lederauffang. Beim Arbeiten mit Edelmetall und kostbaren Steinen darf nichts verloren gehen. Auch ganz wichtig: die Lupe. Wer eine Fassung für stecknadelgrosse Diamanten herstellt, gibt auf jeden Millimeter acht. Manch eine Feile ist kaum dicker als ein Zahnstocher. Ist ein Stück fertig, wird es zum Schluss poliert. «Am liebsten in Matt», sagt Guglielmo Fior. «Das finde ich irgendwie spannender als perfekt glänzend.»

Wichtig ist ihm, dass sein Schmuck alltagstauglich ist. Am häufigsten setzt er Auftragsarbeiten von Kunden um, mancher kommt sogar aus Asien oder Australien. Wenn niemand im Laden ist, hat er Zeit, seine eigenen Ideen umzusetzen. «Ich habe meistens eine genaue Vorstellung im Kopf, wie ein Stück werden soll. Manchmal lege ich es aber auch mittendrin wieder weg und mache erst viel später damit weiter.»

Feilen so dünn wie ein Zahnstocher, gutes Licht und eine Lupe: Ohne das richtige Werkzeug geht nichts

Als der Goldpreis so stark gestiegen ist, musste der Goldschmied seine Arbeiten anpassen. Vor zehn Jahren bekam man ein 20er-Goldvreneli für knapp 200 Franken. Heute, Anfang 2026, bezahlt man dafür 650 Franken. «Der hohe Materialwert zwingt mich, erfinderisch zu werden. Deshalb experimentiere ich jetzt mit anderen hochwertigen Metallen.» Er geht zum Schaufenster und nimmt als Beispiel ein Armband hervor, das eine Eisenkette mit Gold kombiniert. Viele seiner Eigenkreationen werden von seinen Töchtern und seiner Frau getragen. «Das ist immer die beste Werbung.»

Selber trägt Guglielmo Fior lediglich einen selbst gemachten Ehering. «Den habe ich schon mindestens viermal ausgetauscht. Aber nur den Ring, die Frau ist zum Glück immer die gleiche, seit 30 Jahren», sagt er und lacht.

Ist dieser Artikel lesenswert?

Ja
Nein

Kommentare (0)

Neuen Kommentar schreiben

Diese Funktion steht nur Abonnenten und registrierten Benutzern zur Verfügung.

Registrieren