«Die Landwirtschaft muss sich weiterentwickeln»: Bauernpräsident fordert fundierte Ausbildung für Quereinsteiger

Till Burgherr (tbu) | 
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Der Schaffhauser Bauernpräsident Christian Müller äussert sich zur Ausrichtung, die der Bundesrat für die künftige Agrarpolitik festgelegt hat. Bild: Till Burgherr

Der Schaffhauser Bauernpräsident Christian Müller sieht die «Agrarpolitik 2030+» grundsätzlich auf Kurs. Der Kritik der Kleinbauern, die ein Hofsterben befürchten, widerspricht er. Im Interview spricht Müller über Ausbildung, Versorgungssicherheit und die Zukunft kleiner Betriebe.

Seit knapp einem Jahr steht Christian Müller an der Spitze des Schaffhauser Bauernverbands. In dieser Zeit hat die Diskussion um die künftige Agrarpolitik an Fahrt aufgenommen. Die Kleinbauernvereinigung schlug Alarm, die kleinen Betriebe kämen unter die Räder. Die Kritik: Der Bundesrat verschärft unter anderem die Ausbildungsanforderungen, was Quereinsteigern den Weg erschwere. Die Neunkircher Landwirtin Gabi Uehlinger warnte im Gespräch mit den SN vor zunehmendem Druck, strengeren Auflagen und schlechteren Perspektiven für kleine Höfe. Der Schaffhauser Bauernpräsident Christian Müller hält nun dagegen. Er setzt auf eine strengere Ausbildung, Effizienz und klare Rahmenbedingungen.

Der Präsident des Schaffhauser Bauernverbands

Christian Müller ist seit April letzten Jahres Präsident des Schaffhauser Bauernverbands. Der Landwirt ist mit Andrea Müller, Präsidentin der Schaffhauser SVP, verheiratet und Vater von drei Kindern, die sich im Jugend- bis Erwachsenenalter befinden.

Gemeinsam mit seiner Familie führt Müller in Thayngen einen Landwirtschaftsbetrieb mit Ackerbau und Tierhaltung.

Auf dem Hof produziert die Familie Müller unter anderem Getreide, Kartoffeln und Zwiebeln. Ein Teil der Ernte dient als Futter für die eigene Rindviehhaltung. Zudem wird Rindfleisch produziert.

Herr Müller, in unsicheren Zeiten wird die Versorgungssicherheit immer wichtiger. Wer trägt mehr dazu bei – kleine oder grosse Betriebe?

Christian Müller: Es braucht beides. Grössere Betriebe sorgen für stabile Mengen, kleinere bringen oft zusätzliche Vielfalt ins System. Für die Versorgungssicherheit ist entscheidend, dass die Landwirtschaft insgesamt funktioniert.

Die Landwirtschaft im Kanton ist unterschiedlich aufgestellt, von kleinen Betrieben bis zu grösseren Höfen, etwa im Klettgau. Aber wie vielfältig ist sie wirklich?

Wir haben eine grosse Bandbreite, vom kleineren Familienbetrieb bis zu grösseren, spezialisierten Ackerbaubetrieben. Dazu kommen unterschiedliche Produktionsrichtungen. Diese Vielfalt ist wichtig, auch für die Stabilität des Systems.

Gleichzeitig sagte Landwirtin Gabi Uehlinger aus Neunkirch gegenüber den SN, kleine Betriebe hätten es zunehmend schwer. Wie ist Ihre Einschätzung?

Der Druck ist sicher gestiegen, etwa durch Preise oder Auflagen. Aber ich wäre vorsichtig, das nur an der Betriebsgrösse festzumachen. Es gibt kleine Betriebe, die gut aufgestellt sind, und grössere, die ebenfalls kämpfen.

Die «Agrarpolitik 2030+» bringt neue Anforderungen. Kritiker sagen, die Politik fördere gezielt grosse Betriebe und strafe kleine ab. Wie beurteilen Sie die Weichenstellung, die der Bundesrat Ende Februar gelegt hat?

Grundsätzlich geht es bei der «Agrarpolitik 2030+» darum, die Direktzahlungen stärker an konkrete Leistungen zu knüpfen – insbesondere im ökologischen Bereich. Das ist aus meiner Sicht richtig und auch nachvollziehbar. Wer Direktzahlungen erhält, soll auch klar definierte Leistungen erbringen. Gleichzeitig steigen damit die Anforderungen an die Betriebe. Das ist anspruchsvoll, aber es ist ein Weg, den die Landwirtschaft mitgehen muss.

Was ist die «Agrarpolitik 2030+»?

Die «Agrarpolitik 2030+» ist die vom Bundesrat und Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) erarbeitete Weiterentwicklung der Schweizer Agrarpolitik nach 2030. Sie soll die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft neu setzen.

Unter anderem sollen bürokratische Hürden abgebaut und die Betriebe unternehmerisch gestärkt werden. Gleichzeitig soll die Ernährungssicherheit verbessert werden, damit die Schweiz sich besser selbst versorgen kann. Die Direktzahlungen werden künftig stärker an konkrete Leistungen, etwa im ökologischen Bereich oder beim Tierwohl, geknüpft, statt nur an Fläche oder Betriebsgrösse.

Kilian Baumann, Nationalrat (Grüne) und Präsident der Kleinbauern-Vereinigung sagt, gerade kleinere Betriebe geraten dadurch unter Druck.

Das kann im Einzelfall so sein. Aber die Direktzahlungen richten sich nicht einfach nach der Grösse, sondern nach den erbrachten Leistungen. Wer diese erfüllt, kann auch profitieren, unabhängig von der Betriebsstruktur. Und auch grosse Betriebe können ökologisch produzieren.

«Die Landwirtschaft ist ein komplexes Berufsfeld geworden.»

Christian Müller, Präsident Schaffhauser Bauernverband

Gerade bei Krankheiten oder Marktschwankungen seien kleine Betriebe im Vorteil – ein Vorurteil?

Kleinere Strukturen können in gewissen Situationen flexibler sein. Auf der anderen Seite verfügen grössere Betriebe oft über mehr Ressourcen, um auf solche Herausforderungen zu reagieren. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile.

Ein Streitpunkt sind strengere Ausbildungsanforderungen für Direktzahlungen. Die Hürden für Quereinsteiger werden heraufgesetzt, obwohl viele Betriebe mit Nachwuchsproblemen kämpfen.

Die Landwirtschaft ist ein komplexes Berufsfeld geworden. Es braucht dafür eine fundierte Ausbildung. Die Anforderungen an die Landwirtschaft sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, sei es beim Pflanzenschutz, beim Tierwohl oder beim Gewässerschutz. Deshalb ist eine solide Ausbildung wichtig. Es geht letztlich um Professionalität. Die Möglichkeit, quer einzusteigen, bleibt bestehen, etwa über die Erwachsenenbildung. Aber es braucht künftig eine gewisse Qualifikation. Eine Schnellbleiche, wie sie heute teilweise gemacht wird, reicht nicht. Der Bundesrat hat recht, wenn er da die Schraube anzieht.

«Die Landwirtschaft wird vielfältig bleiben – aber sie wird sich weiter verändern.»

Christian Müller, Präsident Schaffhauser Bauernverband

Und die kleinen Betriebe – haben sie eine Zukunft?

Ja, aber sie müssen wie alle anderen ihren Weg finden und sich weiterentwickeln. Die Landwirtschaft wird vielfältig bleiben – aber sie wird sich auch weiter verändern.

Sie sind seit April 2025 Präsident des Schaffhauser Bauernverbands. Wie haben Sie sich eingelebt?

Gut. Es ist ein intensives Amt, aber auch ein sehr spannendes. Man ist nahe bei den Betrieben und gleichzeitig stark in agrarpolitische Themen eingebunden.

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