«Der Druck wird immer grösser»: Landwirtin aus Neunkirch warnt vor Folgen der Agrarpolitik
Die geplante Agrarpolitik 2030+ sorgt bei kleinen Landwirtschaftsbetrieben für Unruhe. Während der Bundesrat strukturelle Reformen ankündigt, befürchten Vertreter der Kleinbauern-Vereinigung eine weitere Konzentration der Landwirtschaft. Auch in der Region wächst die Sorge. Die Neunkircher Landwirtin Gabi Uehlinger gibt einen Einblick in die Problematik.
Auf ihrem Hof in Neunkirch bewirtschaftet Gabi Uehlinger einen reinen Ackerbaubetrieb. Tiere hat sie, abgesehen von der Hobby-Pferdehaltung, keine. Die Arbeit ist dennoch intensiv: «Es gibt Wochen, da arbeitet man sieben Tage am Stück.» Zehn Stunden pro Tag seien dabei eher die Regel als die Ausnahme, sagt Uehlinger.
Finanziell ist die Situation angespannt. Die Preise für landwirtschaftliche Produkte stehen laut Uehlinger unter Druck, gleichzeitig sind staatliche Direktzahlungen an zahlreiche Programme gebunden. «Es gibt wahnsinnig viele Programme», sagt sie. «Aber bei vielen merkt man schnell, für den eigenen Betrieb passt es einfach nicht.»
Uehlinger produziert nach dem Label IP-Suisse und verzichtet dabei auf Insektizide und Fungizide. Dafür erhält die ehemalige Präsidentin von Pro Natura und Biologin zwar eine Prämie, doch die Erträge fallen tiefer aus als bei intensiver Produktion. «Am Ende gleicht sich das teilweise wieder aus.»
Viel Arbeit und wenig Lohn
Der wirtschaftliche Spielraum bleibt klein. Rechnet sie ihre Arbeitsstunden zusammen, kommt Uehlinger auf einen bescheidenen Lohn. «Wenn ich auf 20 Franken pro Stunde komme, ist das wahrscheinlich schon viel.» Für sie ist das gelebte Realität in der Landwirtschaft. Doch der Blick in die Zukunft bereitet Sorge. Der Bundesrat hat Ende Februar die Grundzüge der Agrarpolitik 2030 skizziert. Die künftige Agrarpolitik fördere gezielt grosse Betriebe und strafe kleine ab. «Was wir bereits heute spüren, dürfte sich noch verschärfen», so Uehlinger. Besonders kritisch sieht sie geplante Änderungen bei den Ausbildungsanforderungen. Wer Direktzahlungen erhalten will, soll künftig eine vollständige landwirtschaftliche Ausbildung absolvieren müssen.
«Wenn diese Tür geschlossen wird, wird es schwieriger, neue Leute zu finden.»
Bisher genügte oft ein Nebenerwerbskurs – ein wichtiger Zugang für Quereinsteiger. «Das ist eine Möglichkeit für Leute, einzusteigen, die später zur Landwirtschaft kommen», sagt Uehlinger. «Wenn diese Tür geschlossen wird, wird es schwieriger, neue Leute zu finden.» Gerade für Betriebe ohne innerfamiliäre Nachfolge könne das problematisch werden. Wobei diese Quereinsteiger oft schon etwas älter seien, für die Landwirtschaft brennen würden und auch finanzielle Mittel mitbrächten.
Auch die Kleinbauern-Vereinigung warnt vor dieser Entwicklung. Der Nebenerwerbskurs ermögliche Menschen mit anderer beruflicher Laufbahn den Einstieg in die Landwirtschaft. Ohne diesen Zugang könnten viele Höfe keine Nachfolger mehr finden, heisst es seitens der Vereinigung.
Sorge vor stärkerem Strukturwandel
Zusätzlich sorgt eine mögliche Anpassung der sogenannten Standardarbeitskraft-Grenzen für Kritik. Sie entscheidet darüber, ob ein Betrieb Anspruch auf Direktzahlungen hat.
Die Kleinbauern-Vereinigung befürchtet, dass eine Erhöhung dieser Grenze kleinere Betriebe vom Fördersystem ausschliesst. Präsident und Berner Nationalrat Kilian Baumann (Grüne) warnt davor, dass künftig «immer weniger Betriebe immer grössere Beträge an Direktzahlungen erhalten». Der Verband spricht von einer «Wachse oder weiche»-Strategie, bei der kleine Höfe zugunsten grösserer Betriebe verschwinden könnten.
Auch Uehlinger beobachtet diesen Trend bereits heute. «Der Strukturwandel ist enorm stark», sagt sie. Gerade im Ackerbau würden Betriebe immer grösser. Dabei sieht sie auch Vorteile in kleineren Strukturen. «Ein kleiner Betrieb ist flexibler. Man kann schneller reagieren, wenn sich etwas verändert – zum Beispiel bei Krankheiten, Schädlingen oder am Markt.»
Neben der wirtschaftlichen Situation beschäftigt sie auch die ökologische Entwicklung der Landwirtschaft. «Mir sind naturnahe Flächen extrem wichtig», sagt Uehlinger. Biodiversitätsflächen seien zentral für ein funktionierendes Ökosystem. Eine zu starke Intensivierung der Landwirtschaft könne langfristig Probleme verursachen. Für sie steht fest: Die Landwirtschaft müsse nicht nur effizient sein, sondern auch nachhaltig. «Die Frage ist, ob unsere Produkte am Markt überhaupt noch einen Preis erzielen, von dem wir leben können.»

