Feuer unterm Dach beim GVS: Chef und Verwaltungsratspräsident werfen den Bettel hin

Fabian Babic | 
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Haben den GVS verlassen: Cyril Tappolet (l.) und Markus Angst. Archivbild: Roland Müller

Bei der Schaffhauser Dachorganisation der landwirtschaftlichen Genossenschaften kommt es zu Umwälzungen. Zwei Männer an der Spitze nehmen den Hut. Die Bauern machen sich Sorgen.

Der landwirtschaftliche Genossenschaftsverband (GVS) steht im Sturm. Und ausgerechnet jetzt steigen die Kapitäne von Bord. Interne Schreiben, die den SN vorliegen, zeigen auf, dass Verwaltungsratspräsident Cyril Tappolet und Geschäftsführer Markus Angst das Unternehmen verlassen.

Das Problem: Die geplante Transformation droht zu scheitern. In einem Schreiben des Verwaltungsrats heisst es, «dass die strukturellen Herausforderungen in einzelnen Bereichen massiv grösser sind als ursprünglich angenommen». Auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien zunehmend schwieriger geworden. Das Fazit: Das angedachte Transformationsprojekt kann «nicht mehr sinnvoll umgesetzt werden». Und: «Die Situation hat sich, gestützt auf die ersten Zahlen des Jahresabschlusses 2025, in den letzten Wochen verschärft.» Der GVS werde nicht umhinkommen, «einschneidende Massnahmen» anzuwenden.

In diesem Zusammenhang sollen sich Tappolet und Angst dazu entschieden haben, zurückzutreten. Für Tappolet übernimmt VR-Mitglied Roland Ochsner vorübergehend das Ruder. Ein Nachfolger für GVS-Chef Angst wird derzeit noch gesucht.

Angst beschwichtigt: «Keine Weltuntergangsstimmung»

Als Dachorganisation der landwirtschaftlichen Genossenschaften ist der GVS mit seinen verschiedenen Sparten im Agrar- und Handelsbereich ein wichtiger Partner für die hiesigen Bauern. Gemäss dem Jahresbericht 2024 beschäftigt er über 500 Mitarbeitende an 22 Standorten und machte einen Umsatz von 311 Millionen Franken. Der Unternehmensgewinn lag mit 3 Millionen Franken leicht unter dem Vorjahr. Im selben Jahr hat der GVS drei führende Mitarbeiter entlassen, weil Restrukturierungen notwendig gewesen seien, wie Angst im September 2024 gegenüber den SN erklärte.

Ganz grundsätzlich sieht sich der GVS mit branchenbedingten Schwierigkeiten konfrontiert: Der Weinkonsum geht stetig zurück, die Stimmung am Markt für Landmaschinen ist verhalten und beim Pflanzenschutz gibt es politischen Druck. Doch warum kommt es nun zu so drastischen personellen Massnahmen?

Auf SN-Nachfrage wollte sich der zurückgetretene VR-Präsident Tappolet nicht äussern. Er verwies auf die GVS-Kommunikationsabteilung. Diese erklärt seinen Rücktritt mit einer «Neubewertung der Situation», die dazu geführt habe, dass Tappolet sein Amt per sofort niederlege. Zudem schaffe er mit diesem Schritt «Raum für neue Perspektiven und Impulse» für die nächste Entwicklungsphase.

Derweil beantwortete Geschäftsführer Angst Fragen der SN. Die Gründe seines Rücktritts konkretisiert er nicht, sondern verweist auf die «aktuellen Rahmenbedingungen». Er fügt aber an, «dass deswegen keine Weltuntergangsstimmung herrschen muss». Ein Wechsel an der Spitze sei «ein regelmässiger Prozess, den es braucht».

«Die Suche nach der Ursache für die heutigen Turbulenzen dürfte vielleicht auch in Entscheidungen, welche schon vor Jahren gefällt wurden, enden.»

Markus Angst, scheidender GVS-Geschäftsführer

Angesprochen auf die Schritte, die der GVS nun ergreifen wolle, um seine Zukunft zu sichern, erklärt Angst, dass man sämtliche Geschäftsbereiche sorgfältig analysiert habe. Erste Schritte zur Umsetzung seien eingeleitet worden, doch die Herausforderungen seien grösser als angenommen. Deshalb kam der GVS zum Schluss: «Wir brauchen einen neuen Ansatz für die nächsten Schritte.» Wie dieser aussehen soll, umreisst Angst nicht, betont aber, dass es nun «ein anderes Mindset» brauche.

Inwiefern sich die gescheiterte Transformation zeigt, erklärt Angst nur ausweichend. Bei den Landtechnikfirmen sei man gut unterwegs und habe sich im harten Umfeld behauptet. Vielmehr beschäftigen andere Sparten den GVS: «Die Herausforderungen in den vorwiegend im Kanton Schaffhausen aktiven Unternehmen GVS Landi AG und GVS Weine AG sind vorhanden und müssen angegangen werden.» Wie diese Herausforderungen aussehen, verrät Angst nicht.

Auch ob Fehlentscheidungen getroffen wurden, halte Angst für «schwierig zu beurteilen». Er meint allerdings: «Die Suche nach der Ursache für die heutigen Turbulenzen dürfte vielleicht auch in Entscheidungen, welche schon vor Jahren gefällt wurden, enden.»

Derzeit sei die finanzielle Lage nach wie vor solide, erklärt Angst. Einen deutlicheren Einblick wird der Geschäftsbericht für das Jahr 2025 geben, der regulär im Mai publiziert wird. Denn die Zahlen können nicht allzu rosig aussehen. Ansonsten würde der GVS intern nicht von einer «verschärften» Situation sprechen.

Zu der Frage, welche Szenarien drohen – zum Beispiel Fusion, Verkauf, Geschäftsaufgabe –, möchte Angst keine Stellung beziehen. «Die nächsten Tage und Wochen werden wir nutzen, um die weiteren Schritte abzuwägen.»

Zeichen der Zeit nicht erkannt?

Die Situation bereitet den lokalen Landwirten, die als Genossenschafter indirekt Eigentümer des GVS sind, grosse Sorgen. Anruf bei Christian Müller, Präsident des Schaffhauser Bauernverbands: Generell sei es nicht einfach, als Landwirt in Schaffhausen tätig zu sein, sagt er. Der Markt von Abnehmern und Partnern ist für die Landwirte im Grenzkanton relativ klein. «Wenn wir mit dem GVS einen wichtigen Partner verlieren, besteht die Gefahr, dass wir geografisch isoliert werden», erklärt Müller. «Die Turbulenzen, die der GVS gerade durchlebt, sorgen bei mir für grosse Bedenken.» Ohne GVS fehle ein wichtiger Marktpartner.

Wenn sich die aktuelle Lage verschärfe, sieht Müller zwei Szenarien auf die Landwirte zukommen: «Entweder wird der GVS von einem grossen Player übernommen oder, und das wäre der Worst Case, den GVS gibt es nicht mehr. Das hätte eine gewaltige Tragweite für die Bauern in der Region.» Die Situation stimme ihn nachdenklich: «Diese Turbulenzen könnten für viele Familien, die für den GVS arbeiten oder Anteilsscheine haben, fatal enden.»

«Wer hätte diesen Prozess denn umsetzen können, wenn nicht der Verwaltungsrat und die Geschäftsführung?»

Christian Müller, Präsident Bauernverband Schaffhausen

Die Probleme des GVS hängen laut Müller auch mit den strukturellen Problemen in der Landwirtschaft zusammen. «Wir haben einen gebeutelten Wein- und Rebbau, der Getreidemarkt steht unter Druck. Zudem leiden die Landwirte unter einem Margenschwund.» Das merke man etwa beim Getreide: «Wenn man das Weggli für einen Franken verkaufen möchte, dann bekommt der Bauer kein Geld mehr. Dann fehlt die Kaufkraft, um sich etwa Landmaschinen zu kaufen.» Dies gehe auch nicht am GVS vorbei. «Daher frage ich mich, ob man beim GVS die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat. Oder hat man sie vielleicht erkannt und einfach nicht gehandelt? Wegen dieses Verdachts leidet auch die Moral unter den Landwirten.» Den grossen Strukturwandel in der Landwirtschaft habe der GVS nicht mitgemacht, «und deswegen stecken wir nun in einer schwierigen Situation», fügt Müller an. «Diese müssen die Bauern nun mit der Faust im Sack hinnehmen.»

Für die jüngsten Massnahmen des GVS hat Müller indes wenig Verständnis: «Dass der GVS nun beklagt, dass der Transformationsprozess nicht umgesetzt werden konnte, und deswegen nun der Verwaltungsratspräsident und der Geschäftsführer gehen, löst bei mir einige Fragezeichen aus. Wer hätte diesen Prozess denn umsetzen können, wenn nicht der Verwaltungsrat und die Geschäftsführung?» Zwar gebe es auch Delegierte mit Stimmrecht, aber diese haben laut Müller nur beschränkten Zugang zu den Geschäftszahlen und können auch nur begrenzt Einfluss nehmen. «Daher finde ich es schwierig, wenn die Verantwortlichen den Hut nehmen, wenn eine Schieflage droht.»

Der Blick auf die Zukunft ist für Müller mit Unsicherheiten verbunden: «Ich mache mir Sorgen, ob schon alles auf dem Tisch ist oder ob noch mehr auf uns zukommt. Wir wissen nicht, wie die finanzielle Situation beim GVS im Detail aussieht. Das löst bei den Bauern Unsicherheit aus.»

Mangelnder Mut im Herblingertal

Ähnlich sieht es auch der Beringer Landwirt und SVP-Kantonsrat Roman Schlatter: «Das grösste Problem besteht für mich momentan darin, dass wir gar nicht genau wissen, was beim GVS los ist. Wir wissen zwar, dass es Umwälzungen gibt, aber wir wissen nicht, wie die Geschäftszahlen aussehen.»

Mit Schuldzuweisungen hält sich Schlatter indes zurück: «Ich möchte vorsichtig sein und noch niemandem den schwarzen Peter zuspielen. Ich habe zwar auch das Gefühl, dass man beim GVS gewisse Investitionen vernachlässigt hat und die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat, aber das lässt sich im Nachhinein leicht sagen. Es sind sicher Fehler passiert, aber deswegen hat man nicht alles falsch gemacht.»

«Das Problem liegt auch darin, dass zukunftsweisende Entscheide, die Mut brauchen, nicht angegangen worden sind.»

Roman Schlatter, Landwirt

Dennoch habe es Aufgaben gegeben, die auf der Strecke geblieben seien: «Das Problem liegt auch darin, dass zukunftsweisende Entscheide, die Mut brauchen, nicht angegangen worden sind. Da ist zum Beispiel das GVS-Areal im Herblingertal. Das ist ein Juwel. Es handelt sich um teures Industrieareal, das man schlecht nutzt», sagt Schlatter. «Man hätte vor Jahren sagen müssen, dass man den GVS-Betrieb zum Beispiel auf günstigem Land im Klettgau verlegt und das Areal im Herblingertal gewinnbringender nutzt. Leider hat man sich nicht getraut, diesen Schritt zu gehen.»

Dass der GVS noch weiter in Schieflage gerate, gelte es nun zu verhindern, meint Schlatter. «Auch wir Bauern müssen als Genossenschafter aktiv mitgestalten. Wir stehen vor einer grossen Herausforderung: Wie stellen wir die Genossenschaft auf, damit sie handlungsfähig bleibt?»

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