«Inspiriert von klösterlicher Einfachheit»
Wie baut man in einer der wertvollsten Landschaften der Schweiz ein modernes Hotel, das zu einem jahrhundertealten Kloster und einem traditionsreichen Restaurant passt? Eine der Antworten fand Architekt Florian Stegemann im Mühlebach.
«Ein solches Projekt darf man in einem Architektenleben nur einmal machen», schwärmt Architekt Florian Stegemann. Er denkt dabei an die Herausforderungen, denen er sich im Rahmen des Hotel- und Restaurantprojektes «1802» seit Dezember 2020 mit seinem Team zu stellen hatte.
Da ist zum einen der Umstand, dass das neue Hotel in einem Gebiet gebaut werden sollte, das im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler (BLN) aufgeführt ist und somit zu den wertvollsten Landschaften der Schweiz zählt. Zudem ist der Standort eine der wenigen noch öffentlich zugänglichen Stellen am Rheinufer zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein.
Und dann ist da noch die Lage zwischen dem Kloster- und dem Mühlenbezirk: «Anders als der Klosterbezirk hat sich dieser Ort am Rhein im Laufe der Zeit immer wieder stark gewandelt», so Stegemann.
Einer der Hauptgründe dafür sei der Mühlebach, der durchs Klostergeviert fliesst und von dort in den Rhein: «Bei der Entwicklung des Mühlenbezirks kommt dem Bach eine zentrale Rolle zu.» Im Zuge der Industrialisierung siedelten sich dort Betriebe an, welche die Wasserkraft nutzten, etwa Mühlen, eine Sägerei oder eine Ziegelei. Später wurde der Mühlebach nach seinem Austritt aus dem Klosterbereich eingedolt und ab dort unterirdisch in den Rhein geleitet.
Mühlebach der Natur zurückgegeben
«Wir haben den Bach wieder an die Oberfläche geholt, ihn umgeleitet und seinen Lauf renaturiert», erläutert der Architekt. Dadurch könnten, so Stegemann, die Fische jetzt wieder bachaufwärts schwimmen. Zudem würden die frisch gepflanzten Bäume entlang des Bachbetts dieses beschatten, was den Fischen zusätzlich zugutekomme: «Mit dieser Massnahme schreiben wir den Wandel von der gewerblichen Produktion am Mühlebach hin zu seiner naturnahen und nachhaltigen Nutzung fest. Ausserdem bietet der renaturierte Lauf allen einen Mehrwert.» Erst diese Umleitung machte den vorgesehenen Bauplatz frei (über Fliessgewässern darf nämlich nicht gebaut werden)
Konzeptionelle Fragen …
Nun stellten sich weitere konzeptionelle Fragen: In welcher architektonischen Beziehung soll das neue Hotel mit dem bestehenden Restaurant stehen? Wie eng sollen beide funktional verzahnt werden? Und vor allem: Wie integriert sich der Neubau ins Ensemble der bestehenden Bauten des Mühlenbezirks? Stegemann: «Diese und weitere Themen haben wir intensiv mit der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) diskutiert, die wir von Beginn weg proaktiv in unsere Arbeit miteinbezogen hatten.» Kam hinzu, dass die architektonische Lösung solide, beständig und werthaltig sein und gleichzeitig ein gewisses Understatement ausstrahlen sollte: «Diese Architektur passt zu den nachhaltigen Werten von GF.»
… und architektonische Antworten
Der Hotelneubau nimmt die Proportionen der bestehenden Bauten im Mühlenbezirk auf und schreibt das Ensemble bis ans Rheinufer fort. Dabei müsse die freie Sicht vom Rheinufer zum Klosterbezirk durchgängig gewährleistet sein, stellte die ENHK fest und sprach sich gegen einen ursprünglich geplanten Verbindungsbau zwischen Hotel und Restaurant aus.
«Damit das Gebäudevolumen des Neubaus sich optisch ins Gesamtbild einfügt, mussten sich die Proportionen des Giebels an denen des Restaurants orientieren», sagt Stegemann. «Um diesen Eindruck zu verstärken, wurde die Dachfläche und somit der Verlauf des Firsts optisch in zwei Flächen gebrochen.» Und weil – architektonisch gesehen – das Restaurant klar das «Herrenhaus» sei, hätten sich die übrigen Gebäude dem unterzuordnen. Stegemann: «Darum nimmt der Hotelneubau ganz bewusst die Merkmale eines Ökonomiegebäudes auf, wie es für unsere Region typisch ist. Auch darum ist das Hotel weitestgehend ein Holzbau.»
Entsprechend wirkt auch die Innenarchitektur mit ihrer hochwertigen Ausstattung schon beinahe minimalistisch, bietet jedoch alle Annehmlichkeiten. Sie sei inspiriert von klösterlicher Einfachheit, sagt der Architekt: «Sie macht den Blick frei für die reiche und einzigartige Umgebung.»