PFAS und Pestizide: Der ehemalige Schaffhauser Laborleiter erklärt, was in unserem Trinkwasser steckt
Die beiden Säle im Pavillon im Park füllten sich am Montagnachmittag mit rund 300 interessierten Gästen, Damen und Herren im Alter über 55 Jahren, die mehr von der Qualität unseres Trinkwassers wissen wollten.
Stefan Balduzzi, Präsident der Geschäftsleitung der Seniorenuni, stellte Dr. Kurt Seiler, den ehemaligen Leiter des Interkantonalen Labors Schaffhausen-Thurgau, auf humorvolle Weise vor und fragt ihn unvermittelt: «Wo sind Ihre Stärken und wo ist im Problem mit unserem Trinkwasser noch Luft nach oben?» Der Referent reagierte schlagfertig. Er sei Naturwissenschaftler durch und durch, doch künftig arbeite er an der Quelle der Probleme, nämlich bei der Produktentwicklung einer Textilfirma. «Denn nicht alle Produkte müssen sämtliche Vorteile aufweisen. So macht es keinen Sinn, wenn Regenbekleidung auch ölresistent sein will, ausser, man möchte mit dieser auch noch grillieren.»
Gut, dass der Chemiker, der schon als Kantischüler Bestnoten in diesem Fach erzielte, hie und da mit einem Scherz seine Erläuterungen auflockert, denn sie sind inhaltlich und thematisch schwer verdaulich, auch wenn er immer wieder von «Moleküli» spricht.
Die Formeln von Chemikalien wie PFAS (Per-und Polyfluoralkyl-Substanzen) oder TFA (Trifluoressigsäure) sind nicht mehr allen so geläufig. Bekannt ist aber, dass sie uns auch in Zukunft beschäftigen werden, denn ihre Rückstände sind unter anderem auch krebsfördernd. Bei TFA sieht der Chemiker düster bis schwarz, bei PFAS könnte die Schweiz als Innovationsstandort vielleicht entgegenhalten.
Der Zauberlehrling
Der Referent verglich seine Ausführungen immer wieder mit dem eingangs zitierten bekannten Gedicht «Der Zauberlehrling», 1797 von Johann Wolfgang von Goethe verfasst, und verwies auf den Vers: «Walle! Walle! Manche Strecke, dass, zum Zwecke, Wasser fliesse und mit reichem vollen Schalle, zu dem Bade sich ergiesse.» Oder fast am Schluss des Gedichtes: «Herr, die Not ist gross? Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los.»
Zwar werden die Toxikologen immer strenger, und die Schweiz ist in der Beurteilung beispielhaft vorne mit dabei. Doch es gingen auch wertvolle Jahre verloren. Der Bundesrat könnte schneller reagieren. Die Probleme sollten nicht hinterher mit Regelungen, sondern proaktiv mit besseren Produkten gelöst werden.
Ein anschauliches Beispiel der unliebsamen Geister seien auch die Kühlmittel. 1929 wurde der Kühlschrank als Wundermittel angepriesen. 1985 wurde auf die Gefahren des Ozonloches hingewiesen, auch als Folge der neuen Kühlmittel, und etwas später wurde das kritische FCKW durch HFKW ersetzt. Doch heute weiss man, das sind die Vorläufer des unbeliebten und gefährlichen TFA.
Weitere Geister wie Chlorothalonil oder Chloridazon – Herbizide zur Pilzbekämpfung im Getreidebau – wurden viel zu spät verboten und befinden sich nun in unserer Umwelt.
«Hätte man schon zwölf Jahre vorher reagiert, so wäre das besser gewesen», gab Seiler zu bedenken. Lobt aber den Kantonsrat, der seit 2021 im Kanton Schaffhausen strengere Regeln bei der Bewertung des Trinkwassers als national empfohlen durchgesetzt hat.
Jedes Wasser ist anders
Bedenkenlos trinke Kurt Seiler auch Wasser vom Hahn, heute aber bevorzugt er Mineralwasser. «Denn ich rate immer, Hahnenwasser vor dem Trinken etwas laufen zu lassen, bis es kalt und frisch aus dem Hahn sprudelt.»
Dann wies er auf das Rätsel einer Familie in Stetten hin. Eine Oma und ihre Enkel waren durch erhöhte Rückstände in Eiern von ihren eigenen glücklichen Hühnern belastet worden. Die Vermutung ist, dass Schaum zur Brandbekämpfung eines benachbarten Hauses in den Hühnerhof geflossen war und mit dem Futter aufgenommen wurde. Ebenfalls ein Dämpfer für Liebhaber von regionalen Fischen ist die Feststellung, dass Egli oder Felchen um ein Vielfaches mehr belastet sind als Fleisch.
Wer trägt Verantwortung?
In der abschliessenden regen Fragerunde wurde Seiler gefragt, wer für einwandfreies Wasser verantwortlich sei? Der Referent wies auf die Wasserversorger hin. «Doch der Kanton hat die Oberaufsicht», ergänzt er.
Wohl alle waren sich einig: Da wird noch einiges auf uns zukommen. Denn die Geister oder Gifte, die wir riefen, werden wir wohl kaum mehr los.