«Die Wanderschaft hat meine berufliche Haltung komplett verändert»
Thomas Meister, Gründer von Natürlich Meister Holzart GmbH, erzählt, wie ihn seine jahrelange Wanderschaft geprägt hat und weshalb er Ressourcen, Energie und Wirtschaftssysteme heute mit anderen Augen sieht. Ein Gespräch über Werte, Verantwortung und die ungewöhnliche Idee, Holztrocknung mit Bitcoin-Mining zu verbinden.
Sie sind gelernter Zimmermann und haben später mit der Natürlich Meister Holzart GmbH ein Unternehmen aufgebaut, das Buchenholz für die Bauindustrie nutzbar macht. Woher kommt dieser Blick für andere Wege?
Thomas Meister: Zum grossen Teil aus meiner Wanderschaft. Nach der Lehre wollte ich nicht einfach im gewohnten Rhythmus weitermachen, sondern die Welt sehen und mein Handwerk in verschiedenen Kulturen erleben.
Wie sah diese Wanderschaft aus und was hat sie bei Ihnen ausgelöst?
Ich war insgesamt sechs Jahre unterwegs, davon vier auf traditioneller Wanderschaft – zu Fuss, per Autostopp, mit dem Zug. Von Irland bis Griechenland, später von Rostock bis Japan: durch Russland mit der Transsibirischen Eisenbahn, mit dem Velo durch China, weiter mit dem Schiff bis Japan. Unterwegs arbeitete ich in Sägereien, Zimmereien und Schreinereien und habe dort erstmals den ganzen Weg des Holzes verstanden – vom Baum bis zum fertigen Werkstück. Zu sehen, wie viel Wissen, Verantwortung und Präzision in jeder einzelnen Stufe steckt, hat meine berufliche Haltung komplett verändert.
Inwiefern hat diese Reise Ihre Sicht auf die Welt geprägt?
Die Wanderschaft war eine enorme Schule. Man erlebt Armut und Reichtum, Stabilität und Chaos – ohne Filter. Man lebt neben dem System und erkennt, wie fragil vieles ist. Zurückzukommen war viel schwieriger, als ich dachte. Plötzlich steht man wieder in einer Gesellschaft, die sich stark über Konsum und Status definiert. Das war der Moment, in dem ich mich entschieden habe, die Dinge hier zu hinterfragen und neue Wege zu entwickeln, wie ich mein Handwerk nutzen kann.
Sie sprechen oft über Wertschöpfungsketten. Was beschäftigt Sie daran besonders?
Mich stört, wie viele Rohstoffe unterwegs verloren gehen – sei es durch falsche Verarbeitung, zu lange Wege oder ineffiziente Nutzung. Beim Holz ist das nicht anders: Wenn man den Prozess vom Baum bis zum fertigen Bauteil nicht ganzheitlich denkt, landet viel Potenzial einfach im Ofen. Genau deshalb interessiert mich die Wertschöpfungskette so sehr. Nur wenn man jeden Schritt versteht, kann man Materialien wirklich effizient über mehrere Zyklen nutzen.
Sie gehen noch einen Schritt weiter und kritisieren das heutige Wirtschaftssystem, insbesondere den Umgang mit Energie. Warum?
Weil unser schuldenbasiertes Geldsystem keinen Bezug mehr zur realen Welt hat. Banken schaffen Geld aus dem Nichts, indem sie Kredite vergeben. Das heisst: Energie und Ressourcen können konsumiert werden, ohne dass ein echter Aufwand dahintersteckt. Das führt zu Verschwendung. Für mich ist echter Wert immer an reale Energie, Arbeit und Zeit gebunden. Wenn wir das aus den Augen verlieren, entfernen wir uns von nachhaltigem Wirtschaften.
Werden Bitcoins denn nicht auch aus dem Nichts erschaffen?
Nein. Beim Bitcoin steckt reale Energie dahinter: Mining braucht Strom, und dadurch bekommt das digitale Geld wieder eine Verbindung zur physischen Welt. Früher hatte Geld einen Gegenwert wie Gold. Heute ist das nicht mehr so. Bitcoin ist in diesem Sinne wie digitales Gold – nur transparenter. Es fasziniert mich, dass es uns zwingt, Energie und Wert wieder zusammenzudenken.
Und so kamen Sie zur Idee, Bitcoin-Mining mit Holztrocknung zu verbinden?
(lacht) Genau. Es klingt schräg, aber es ist logisch. Bitcoin-Miner brauchen Strom und erzeugen Wärme. Diese Abwärme verpufft noch zu oft ungenutzt. Und ich wiederum brauche Wärme, um mein Holz zu trocknen. Also habe ich eine Anlage gebaut, in der die Abwärme der Miner direkt in meinen Trocknungsturm geleitet wird. Der Strom dafür stammt aus dem Überschuss der Photovoltaik. So entsteht ein geschlossener Kreislauf: Die Sonne liefert Energie, die Miner produzieren Wärme, diese Wärme trocknet das Holz, das Holz gewinnt an Wert und nebenbei entstehen Satoshis (die kleinste Untereinheit der Kryptowährung). Das Projekt heisst «Bitwood».
Und das funktioniert zuverlässig?
Ja. Zwei meiner drei Miner laufen praktisch durchgehend. Die Abwärme reicht aus, um die Luft im Turm stabil auf Temperatur zu halten. Natürlich braucht es gute Steuerungstechnik, aber die Grundidee ist einfach: Energie, die sonst verpufft, nutzen wir weiter. Das Holz steigt im Wert, die Energie bleibt im System – alles geschieht lokal und nützt global.
Das klingt kompliziert …
Im Kern ist das System einfacher, als es klingt: Was an Energie übrig bleibt, geht automatisch in die Miner. Während sie rechnen und Satoshis erzeugen, liefern sie gleichzeitig die Wärme, die ich fürs Trocknen brauche. So entsteht ein effizienter Kreislauf: Die Sonne produziert Strom, die Miner wandeln diesen in Wärme um, die Wärme trocknet das Holz – und nichts geht verloren.
Wie fügt sich dieses System in Ihr Verständnis von Nachhaltigkeit und Wirtschaft ein?
Es ist meine Vorstellung von echter Nachhaltigkeit: Energie, Material und Wertschöpfung bilden einen Kreislauf. Nichts wird verschwendet, alles hat eine Funktion. Ich verbinde autark das Digitale mit dem Physischen, das Lokale mit dem Globalen – und das ergibt in meinen Augen eine ehrliche, ressourcenschonende Art zu wirtschaften.
