Alltägliches und Skurriles aus der Möbelwerkstatt: Zu Besuch bei Raumausstatter Philipp Berger

Louise Østergaard | 
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Polsterei + Satlerei Philipp Berger, fotografiert am Mittwoch, 01. Oktober 2025, in Schaffhausen. (Roberta Fele / Schaffhauser Nachrichten)
Philipp Berger arbeitet seit über 40 Jahren als Raumausstatter. Der Beruf verbindet Handwerk, Design und Beratung, um Wohn- und Arbeitsräume individuell und harmonisch zu gestalten. Bilder: Roberta Fele

Manche Möbelstücke sind stumme Zeugen ganzer Familiengeschichten – sie begleiten Generationen, stehen Jahrzehnte im Wohnzimmer und tragen Spuren des Alltags. Raumausstatter Philipp Berger schenkt solchen Sofas, Sesseln und gepolsterten Stühlen neues Leben.

«Die Wochenplanung muss ich oft nach wenigen Tagen über den Haufen werfen, weil eine dringende Anfrage hereinkommt», sagt Philipp Berger, Inhaber der gleichnamigen Polsterei und Sattlerei an der Bachstrasse in Schaffhausen. Etwa, wenn das Polster eines Restaurantstuhls zerschnitten wurde oder ein teures Fitnessgerät aus dem Gym einen Neubezug braucht. Solche Möbel müssen rasch wieder einsatzbereit sein, damit der Betrieb nicht aufgehalten wird.

«Kein Auftrag ist wie der andere, kein Möbelstück ganz gleich und wir arbeiten mit einer riesigen Palette an Stoffen und Materialien.»

Philipp Berger, Inhaber Philipp Berger Polsterei + Sattlerei

«Kein Auftrag ist wie der andere, kein Möbelstück ganz gleich und wir arbeiten mit einer riesigen Palette an Stoffen und Materialien.» Gerade wegen dieser Vielseitigkeit und Unvorhersehbarkeit hat Berger seit 40 Jahren Spass an seinem Beruf als Raumausstatter.

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Dieser umfasst weit mehr als die Reparatur privater Möbel: Dazu gehören die Gestaltung kompletter Innenräume von Wohnhäusern, Hotels, Restaurants oder öffentlicher Gebäude ebenso wie das Nähen und Montieren von Vorhängen, das Restaurieren industrieller Möbel sowie Tapezier- und Teppicharbeiten. Routine kennt Berger nicht – und genau das gefällt ihm.

Vom Pferdegeschirr zum Autositz

Ob Armsessel oder Zahnarztstuhl: Ein neuer Bezug frischt das Aussehen auf, sorgt für neuen Komfort und verlängert die Nutzungsdauer um viele Jahre. «Das Polstern ist einer der Hauptbereiche meines Berufs», so Berger. Mit der klassischen Sattlerei habe er dagegen wenig zu tun. Ursprünglich war das Handwerk eng mit dem Reitsport verbunden: Sättel, Zaumzeug und anderes Pferdegeschirr wurden gefertigt, repariert und angepasst.

Polsterei + Satlerei Philipp Berger, fotografiert am Mittwoch, 01. Oktober 2025, in Schaffhausen. (Roberta Fele / Schaffhauser Nachrichten)
Emma Ziro befindet sich im letzten Jahr ihrer vierjährigen Ausbildung zur Raumausstatterin. Ein Teilbereich ihres Berufsfeldes besteht darin, mit viel Geschick und Präzision alten Möbeln neues Leben einzuhauchen. Hier arbeitet sie gerade an einer geliebten Sitzbank.

Reine Sattlereien, die es früher in fast jedem Ort gab, sind heute selten. «Die Nachfrage danach besteht auch bei uns kaum, doch das mögliche Tätigkeitsfeld ist gross.» Sein Team arbeitet mit Leder, Kunstleder und natürlichen Textilien, fertigt Taschen, Gurte und Spezialaufträge an. In Fahrzeugen beziehen und reparieren sie Autositze, Motorradbänke oder Innenverkleidungen. Stets als Einzelanfertigungen, denn serielle Aufträge sind die Ausnahme. «Der grösste Auftrag war das Beziehen aller 300 Sessel in der Abdankungshalle des Waldfriedhofs», sagt Berger.

Auch die Sitzreihen im McDonald’s hat er schon mehrfach neu bezogen: «Das überlegt man sich vielleicht nicht, doch eine Fastfood-Kette braucht besonders robuste Möbel, da sich täglich Hunderte von Menschen darauf setzen und damit das Material nach und nach abreiben.» In solchen Fällen sei ein widerstandsfähiges Kunststoffleder ideal, auch wenn Berger persönlich Naturprodukte bevorzugt.

Möbel für ein ganzes Leben

In den 1970er-Jahren befand sich an der Bachstrasse tatsächlich eine Sattlerei. «Mein Vater hat das Geschäft 1976 gegründet, deshalb rannte ich schon als kleiner Junge in der Werkstatt herum», erzählt Berger. Auch seine Mutter arbeitete im Betrieb – als Näherin.

«Ich bin hier quasi gross geworden und habe mir mein erstes Taschengeld mit Aushilfsarbeiten verdient.»

Philipp Berger, Inhaber Philipp Berger Polsterei + Sattlerei

«Ich bin hier quasi gross geworden und habe mir mein erstes Taschengeld mit Aushilfsarbeiten verdient.» Die vielseitige Arbeit, das handwerkliche Schaffen und der sorgfältige Umgang mit den feinen Stoffen gefielen ihm von Beginn an. So war die Ausbildung zum Raumausstatter, die damals noch «Innendekorateur» hiess, für Berger naheliegend. Die Liebe zum Handwerk und die Fähigkeit, Altes zu erhalten oder Neues mit viel Geschick und Kreativität entstehen zu lassen, macht Bergers Beruf aus.

Polsterei + Satlerei Philipp Berger, fotografiert am Mittwoch, 01. Oktober 2025, in Schaffhausen. (Roberta Fele / Schaffhauser Nachrichten)
Eindrücke aus der Polsterei + Satlerei Philipp Berger – Für das Beziehen von Möbeln braucht es viel Geschick, Präzision und Knowhow.

Die Sitzbank, die gerade in seiner Werkstatt neu gepolstert wird, gehört einer Frau, die ihr Leben in Schaffhausen verbracht hat und nun in einer Altersresidenz in Zürich lebt. Möbelstücke, die über Jahrzehnte in einem Zuhause stehen, werden zu Zeugen des Lebens. Im Alter erinnern sie an das Vergangene, vermitteln Komfort und ein Gefühl von Heimat, auch dann, wenn ein Umzug aus gesundheitlichen Gründen nötig wird. «Deshalb soll zumindest ein Teil ihrer Möbelgarnitur – dieses Lieblingsstück – die Dame bis zum Lebensende begleiten», sagt Berger. Wenn die Bank an die Besitzerin zurückgeht, soll sie wieder aussehen «wie früher» – ganz so, als wäre die Zeit stehen geblieben.

«Der schönste Moment ist die Übergabe der Möbel an die Kunden – fast immer strahlen sie dann übers ganze Gesicht.»

Philipp Berger, Inhaber Philipp Berger Polsterei + Sattlerei

Um eine Sitzbank – oder auch einen Sessel oder Stuhl – neu zu beziehen, entfernt man zunächst den alten Stoff und die Polsterung. Das Gestell wird geprüft und, falls nötig, verstärkt oder repariert. Neue Polster werden von Hand modelliert, angebracht und glatt fixiert. Erst zum Schluss kommt der neue Bezug: Leder, Leinen oder, wie in diesem Fall, bedruckte Seide. «Man spannt ihn über Sitz, Rücken- oder Armlehne, tackert oder nagelt ihn fest und achtet darauf, dass alles faltenfrei und gleichmässig sitzt», erklärt Berger. Besonders gefallen ihm die hochwertigen Naturstoffe und die präzise Handarbeit. «Der schönste Moment ist aber die Übergabe der Möbel an die Kunden – fast immer strahlen sie dann übers ganze Gesicht.»

Bis in den Tod hinein …

Jedes Möbelstück, jeder persönliche Gegenstand und jeder Auftrag bringt eine Geschichte mit sich, über die sich das Handwerk ebenfalls beschreibt. Manche dieser Geschichten bleiben Berger unvergesslich. «Eines Tages kam eine Frau in den Laden. Unter dem Arm trug sie eine hölzerne Urne und dazu eine Rolle Kunststoffleder», erinnert er sich. Ihr Auftrag war nicht gerade alltäglich: Eine enge Freundin war verstorben und ihr letzter Wunsch sei gewesen, in einer ganz besonderen Urne beigesetzt zu werden.

Das Kunststoffleder, bedruckt mit dem Louis-Vuitton-Monogramm, hatte sie zu Lebzeiten selbst ausgesucht. Genau damit sollte das Gefäss nun eingefasst werden. «Wir mussten erst einmal leer schlucken und baten die Frau, uns zu zeigen, dass sich in der Urne noch keine Asche befand, sonst wäre uns die Arbeit schlicht zu makaber gewesen», erzählt Berger lachend.

Polsterei + Satlerei Philipp Berger, fotografiert am Mittwoch, 01. Oktober 2025, in Schaffhausen. (Roberta Fele / Schaffhauser Nachrichten)
Ob Leine, Seide oder Leder – geblümt, gepunktet oder gestreift. Die Auswahl an Stoffen auf dem Markt ist so gross, dass sie manche überfordert.

Die Bedingung war erfüllt, und die Kundin bestand auf ihrem Wunsch. Also bezog er die Urne mit dem edlen Stoff – und machte damit eine Kundin überglücklich, die wiederum den letzten Willen ihrer Freundin erfüllen konnte. Kurz darauf hörte Berger durch Zufall von einer Bekannten, die an einer Beerdigung teilgenommen hatte. «Sie erzählte mir, dass sie nicht schlecht gestaunt habe, als vorne in der Kirche, zwischen all den Blumen, tatsächlich eine Louis-Vuitton-Urne stand.»

Krisenzeiten und Katzenkratzer

Geschichten wie diese gehören für Berger ebenso zum Berufsleben wie die tägliche Arbeit in der Werkstatt. Begonnen hat all das schon in jungen Jahren, als er Seite an Seite mit seinem Vater Paul Berger arbeitete. Drei Jahrzehnte führten sie das Geschäft gemeinsam, bis Berger Senior in die Pension ging. Seit 2008 trägt der Sohn die Verantwortung allein und führt den Familienbetrieb unter seinem Namen Philipp Berger Polsterei + Sattlerei weiter. «Es lief weiterhin gut bis sehr gut für uns», fasst er die letzten 17 Jahre zusammen.

Schon im Jahr der Übernahme, mitten in der Finanzkrise, sei er zuversichtlich gewesen. «Ich wusste, dass ich mit meinem Handwerk ein Feld bediene, das es immer brauchen wird.» Seine Einschätzung hat sich bestätigt: Während in den Pandemiezeiten viele Geschäfte ums Überleben kämpften, blühte seines auf. «Die Leute, die zu Hause bleiben mussten, wollten es sich wohnlich machen oder hatten schlicht Zeit, sich endlich um die liegen gebliebenen Kleinigkeiten zu kümmern; um Reparaturen, neue Vorhänge oder frische Bezüge.»

Auch die tierischen Mitbewohner seiner Kundschaft tragen dazu bei, dass es nie an Arbeit mangelt. Vor allem Katzen sorgen zuverlässig für Aufträge: Sie zerkratzen Sofas, ignorieren Kratzbäume und klettern lieber die Vorhänge hoch. «Uns gehen die Aufträge nie aus», sagt Berger schmunzelnd. Ob Kratzspuren oder jahrzehntealte Lieblingsstücke – Nachschub an Projekten gibt es genug.

Dieser Artikel erscheint heute ebenfalls im Schaffhauser Magazin unter der Rubrik «Manufaktur».

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