«Für mich heisst Museumsarbeit, Räume zu schaffen, in denen viele Stimmen Platz haben»
Seit ihrem Amtsantritt setzt Gesa Schneider im Museum zu Allerheiligen auf einen Führungsstil, der Offenheit, Dialog und gemeinsame Verantwortung ins Zentrum stellt. Die Direktorin eines der vielfältigsten Museen der Schweiz leitet ein Haus mit 60 Mitarbeitenden und vier Sammlungen – und versteht es, diese Komplexität zu nutzen, um neue Perspektiven sichtbar zu machen und das Museum als Ort lebendiger Auseinandersetzung zu stärken. Drei Fragen an die Museumsdirektorin:
1. Sie sind seit Juli 2024 Direktorin des Museums zu Allerheiligen. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?
Das Museum ist ein einzigartiger Ort, da es vier Museen unter einem Dach vereint: Archäologie, Kunst, Kultur- und Naturgeschichte. Mich fasziniert diese Vielfalt und die Möglichkeit, Themen über die Grenzen einzelner Disziplinen hinweg zu verbinden. Es geht mir darum, viele Stimmen hörbar und Menschen sichtbar zu machen, die vielleicht bisher keinen Platz in den Erzählungen hatten. Das Museum ist ein öffentlicher Raum, in dem wir als Gesellschaft über unsere Geschichte und unsere Zukunft nachdenken können.
2. Sie leiten ein grosses Haus mit rund 60 Mitarbeitenden. Wie verstehen Sie Führung?
Ich komme ursprünglich aus der Projektarbeit und kleinen Teams; da war vieles spontan und sehr direkt. In Schaffhausen habe ich gelernt, was «Linien», Organigramme und Jour fixe bedeuten. (lacht) Führung heisst für mich, Strukturen zu schaffen, die Orientierung geben, aber trotzdem Raum für Eigeninitiative lassen. Ich bin überzeugt, dass man mit einem Team mehr erreicht, wenn man gemeinsam an einer Vision arbeitet, statt alles von oben zu steuern. Entscheidend ist für mich, dass sich jede und jeder als Teil des Ganzen versteht.
3. Das Museum beschäftigt sich auch mit Fragen von Gleichberechtigung und Herkunft. Welche Themen sind Ihnen dabei besonders wichtig?
Ich finde, Gleichberechtigung ist nichts Aktivistisches, sondern selbstverständlich. Es geht darum, dass alle Menschen gleichberechtigt auf dieser Erde leben können – und das sollte sich auch in der Kultur widerspiegeln. Im Museum betrifft das viele Ebenen: Wir forschen zur Herkunft unserer Sammlungen und fragen, welche Geschichten und welche Formen von Gewalt in den Objekten eingeschrieben sind. Und wir achten darauf, wer in unseren Ausstellungen vorkommt und wer spricht. Für mich heisst Museumsarbeit, Räume zu schaffen, in denen viele Stimmen Platz haben. Wir wollen zeigen, dass Geschichte nie eindimensional ist, sondern aus vielen Blickwinkeln besteht.
