Das passiert, wenn die Afrikanische Schweinepest nach Schaffhausen kommt
Für Schweine ist sie ein Todesurteil: Die Afrikanische Schweinepest kommt der Schweiz und vor allem dem Kanton Schaffhausen immer näher. Dieser bereitet sich so gut es geht vor.
Wenn irgendwo eine Tierkrankheit aufkommt, reagieren Menschen normalerweise nach einem bekannten Schema: Die erste Frage, die gestellt wird, ist: «Ist diese Krankheit für Menschen gefährlich?» Wenn die Antwort Nein ist, lässt das Interesse meistens recht schnell nach.
So auch bei der Afrikanischen Schweinepest. Diese hochansteckende Viruserkrankung, die nur Schweine betrifft, besorgt Fachleute schon seit Langem. Da aber für Menschen keine Gefahr besteht, läuft sie bei vielen Unbeteiligten unter dem Radar. «Immer wieder kommen Leute auf mich zu und fragen: ‹Ist sie denn jetzt schon da?› Da antworte ich dann immer: ‹Wenn sie es wäre, würden Sie es deutlich merken!›», sagt Peter Uehlinger, Kantonstierarzt von Schaffhausen. Denn auch wenn es aktuell keine Fälle im Kanton Schaffhausen gibt, ist es laut ihm nur eine Frage der Zeit, bis es so weit sein könnte – und die Folgen würde jeder Kantonsbewohner vielleicht auf Jahre hinaus spüren.
«Die Einschläge kommen immer näher»
Die Afrikanische Schweinepest (ASP), wie der Name schon sagt, erstmals in Afrika aufgetreten, ist ein hartnäckiges Virus. Für Schweine ist eine Infektion praktisch immer ein Todesurteil. Binnen weniger Tage verenden die Tiere.
In der Schweiz gibt es noch keine Ansteckungsfälle. Wenige Kilometer vom Tessin entfernt gibt es aber immer wieder Fälle der tückischen Krankheit, und auch im benachbarten Baden-Württemberg wurde die Seuche erst im März bei einem toten Wildschwein nachgewiesen. «Die Einschläge kommen näher», sagt Uehlinger mit Blick auf die Monitoringkarten, die regelmässig die neusten Infektionsfälle aufzählen.
Das Virus ist hochgradig ansteckend für Schweine – muss man sich dann überhaupt sorgen? Wenn es die Tiere schnell genug tötet, könnten doch alle infizierten sterben, ehe sie die Seuche verbreiten. Das Problem hier sei allerdings die Widerstandskraft des Virus: «Das ASP-Virus ist extrem widerstandsfähig und kann problemlos mehrere Monate überleben», so Uehlinger. Daher sind Kadaver von verstorbenen Wildtieren ebenso ein grosses Problem wie der Mensch – denn, so scheint es, am Ende wird er derjenige sein, der das Virus in die Schweiz tragen wird.

Unachtsamkeit kann Folgen haben
In der Landwirtschaft kommen, auch in der Schweiz, oft Menschen aus Osteuropa zum Einsatz. Das Problem: Genau dort ist die ASP aktuell teils akut. «Jetzt geht ein Hofarbeiter über die Weihnachtsfeiertage zu seiner Familie, bringt vielleicht etwas zu essen mit, und das landet dann im Schweinestall – schon könnten wir das Virus im Kanton haben», so Uehlinger. Damit sei er nicht alarmistisch, sondern realistisch.
Eine andere Möglichkeit könnte ein Jäger sein, der in Osteuropa auf die Jagd geht, aber seine Ausrüstung aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit nicht wäscht. Dabei könnte man das, zumindest dort, leicht verhindern: «Eine Fahrt durch eine Waschanlage, die Kleider direkt nach der Rückkehr bei 60 Grad waschen, und schon wäre das Problem gelöst», so Uehlinger.
Ebenso besteht die Gefahr durch Reisende oder Lkw-Fahrer. Das Sandwich, das nicht mehr schmeckt, aber etwa in Rumänien gekauft wurde, kann ohne Probleme Krankheitserreger beinhalten. Landet das im Graben, kann es ebenso so schnell ein leckeres Futter für Wildschweine werden – und das Virus ist hier.
«Es hängt viel davon ab, wie wir mit dem Virus umgehen und wie sensibilisiert wir sind, welche Gefahr von solchen Unachtsamkeiten ausgeht», sagt der Kantonstierarzt.
Ein Auftreten hätte gravierende Folgen
Die gesamte Welt hat Erfahrungen gemacht, was ein unkontrolliertes Virus anrichten kann, denkt man nur an die Jahre zwischen 2020 und 2022, als Covid-19 die Welt fast zum Stillstand gebracht hat. Kontaktverbote, geschlossene Geschäfte, Abstandsgebote – manches davon würde ein Revival feiern.
«Bei einem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest wären nicht nur das Veterinäramt und vielleicht der Zivilschutz betroffen, sondern auch die Forstverwaltung, Jäger, Landwirtschaft und jeder einzelne Bürger», warnt Peter Uehlinger.
Spielen wir das Szenario durch: Im Reiat wird ein totes Wildschwein gefunden, ein Labornachweis ergibt: Das Tier starb an der Afrikanischen Schweinepest. «Initial müssten wir ein Sperrgebiet einrichten, das praktisch den gesamten Kanton betrifft», so Uehlinger. Die Seuchenbekämpfung wird laut dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) nämlich grob in drei Phasen eingeteilt: In der ersten Phase wird das Initialsperrgebiet bestimmt, abgeschirmt und nach Kadavern abgesucht, die im Anschluss auf das Virus untersucht werden. So soll bestimmt werden, wie weit das Virus schon fortgeschritten ist.
Dieses müsste eine Grösse von ungefähr 15 Kilometern im Radius haben und mit Zäunen abgesperrt werden, sodass Wildschweine nicht mehr fliehen könnten. Diese Phase würde sicher mindestens 30 Tage in Anspruch nehmen.
Laut BLV gehe es dabei nicht mal darum, alle toten Tiere zu entdecken, sondern erst mal die Kontrolle über das Geschehen zu bekommen. Der Fokus der Suche nach infizierten Tieren würde sich laut Peter Uehlinger dann erst mal auf die «Zonengrenze» beziehen, denn dorthin könnten die infizierten Tiere noch wandern und neue Tiere anstecken. «Die eigentliche Bekämpfung wird sich dann über mehrere Jahre ziehen», sagt Uehlinger. «Schauen wir etwa nach Hessen – dort gab es vor eineinhalb Jahren den ersten Ausbruch, und man ist immer noch am Anfang der Bekämpfung.»
Ein einfacher Ausflug in den Wald wäre nicht mehr möglich
Danach folgt die zweite Phase. In dieser werden Gebiete nach Kontrollgebiet, also Kerngebiet, wo das Virus initial auftrat, Puffergebiet und Beobachtungsgebiet eingeteilt. Auch wird man dort versuchen, die Zahl der Wildschweine zu reduzieren.
«Das sind dann eine Art von Ruhezonen, also spezielle Orte, an die die Wildschweine sich zurückziehen können. Das bedingt natürlich auch Vorschriften für den Waldzugang.» Ein einfacher Ausflug in den Wald wäre dann nicht mehr möglich, für Hunde würde Leinenpflicht bestehen. Dies würde aber auch schon in der ersten Phase gelten. «Wir müssten ein Wegegebot erlassen, also dass man, wenn überhaupt, sich nur auf ausgeschilderten Wald- und Wanderwegen bewegen dürfte.» Das Beispiel Ostdeutschland lässt aber ungefähr einen Zeithorizont erahnen: «Dort ist man seit fünf Jahren daran, die Seuche einzudämmen», bisher allerdings erfolglos, so Uehlinger.
Für Landwirte würde das ebenfalls Probleme bedeuten: Steht ein Feld zwischen zwei Wäldern, müsste dieses erst nach den Tieren abgesucht werden, im Zweifel könnte es sogar sein, dass vorzeitig geerntet werden muss. «Ausserdem ist möglich, dass die Ernte erst gelagert werden muss, ehe sie für Schweine benutzt werden darf, um auszuschliessen, dass das Virus noch vorhanden ist», erklärt Uehlinger.
Schweinezüchter müssten ihre Höfe praktisch in «Quarantänezonen» verwandeln, das bedeutet doppelte Schutzzäune, Hygieneschleusen, strikte Zutrittskontrollen und eine unzugängliche Lagerung des Futters. Und unzugänglich bedeutet in diesem Sinne im Idealfall unzugänglich: Eine streunende Katze, die gerne im Futtersilo ihren Mittagsschlaf macht, kann ebenso das Virus einschleppen.
Für den Kanton würden die Schutzmassnahmen enorme Kosten bedeuten, sei es für den Bau und die Wartung von Zäunen, Einsätze von Suchhunden und Drohnen. Aber auch Menschen, die mit Wäldern nichts am Hut haben, könnten es am Ende spüren: In angrenzenden Ländern konnte man zwar sehen, dass der Fleischpreis im ersten Moment sogar fiel, aber das auch nur, weil die Exporte einbrachen – kein Land will potenziell kontaminiertes Fleisch importieren. Später jedoch kam es regelmässig zu Engpässen im Fleischmarkt.
Die dritte Phase dann kann sich über Jahre hinweg ziehen: In dieser versucht man, die Seuche auszurotten. Dabei wird flächendeckend nach Kadavern gesucht, und diese werden entsorgt.
Mit Augenmass kann man Erfolg haben
Dass diese strikten Massnahmen Erfolg haben können, sieht man etwa an Tschechien: Dieses Land ist nach einer akuten Phase mittlerweile wieder «virusfrei». Im Kanton bereitet man sich derweil fieberhaft auf den Tag X vor. Der Zivilschutz war mehrmals bereits unterwegs, um den Ernstfall zu üben. «Wir bereiten uns so gut es geht vor, aber es hängt auch an jedem Einzelnen, dass wir uns schützen», erklärt der Experte.
Denn letztlich dürfte eine Einschleppung nicht durch Wildschweine geschehen: «Wenn es hochkommt, wandern diese höchstens 50 Kilometer pro Jahr. Da sind die Virus-Cluster noch zu weit weg», so Uehlinger. Oft würden die Tiere sterben, lange bevor sie hier sind. Mit Augenmass, etwa, dass man Produkte aus potenziell gefährdeten Gebieten in der schwarzen Tonne versorgt, die Verhaltensregeln des BLV beachtet, tote Tiere sofort meldet, könnte man eine Weile ohne die oben beschriebenen Einschränkungen leben.
Denn vermeiden wird man eine Einschleppung allerdings auf lange Sicht wohl nicht können.