Das Trauma: Vor 80 Jahren wurden fast alle Bewohner des Jestetter Zipfels vertrieben

Ralph Denzel | 
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Schweizer Bauern holen die Ernte im Grenzgebiet ein. Bild: Staatsarchiv Schaffhausen

Fast jeder in der Grenzregion kennt die Geschichten der Grosseltern und Eltern, wie das damals war, als sie vor 80 Jahren von einem Tag auf den anderen alles zurücklassen mussten. Die Evakuierung des Zipfels war ein Einschnitt für die Region und Grund für Feindseligkeiten, die noch lange anhielten.

Es muss ein himmeltrauriger Anblick gewesen sein, damals, am 15. Mai 1945, als sich die Prozession der «Vertriebenen» in Bewegung setzte. 3500 Menschen, aus den Grenzgemeinden Jestetten, Lottstetten und Altenburg. Männer sah man kaum darunter, die meisten waren noch nicht aus dem Krieg heimgekehrt – und würden das vielleicht auch niemals.

Französische Besatzungstruppen trieben die Leute auf Motorrädern und Lastwagen an. «Allez!», dröhnte es immer wieder über die Köpfe der verängstigten Menschen.

Unter den Menschen befanden sich hauptsächlich Frauen, Kinder und ältere Menschen, so etwa Erna Höfler, eine damals 33-jährige Frau, die mit einem kleinen Kind von sechs Jahren an der Hand und einer gehbehinderten Mutter, der sie auf einem Handkarren eine Liege gebastelt hatte, auf dem Weg ins Ungewisse war. Darunter war auch Erich Danner, ein damals 10-jähriger Junge, der mit seiner Familie ebenso vertrieben wurde und bisheriges Leben zurücklassen musste.

Das Schweizerkreuz hinter einem Stacheldraht markiert die Schweizergrenze bei Bargen im Kanton Schaffhausen, aufgenommen im April 1945 während dem Zweiten Weltkrieg. Bild: Keystone

Sie waren Opfer der «Evakuierung des Jestetter Zipfels». Während die Besatzungsmächte diesen Vorgang «Evakuierung» nannten, sprachen die «Schaffhauser Nachrichten» bereits 1945 von «Deportation» oder «Vertreibung». Die Gründe waren viele Jahre unklar, die Folgen sorgten jahrelang für Hass, auch unter den Vertriebenen selbst – aber auch für Freundschaften, die bis heute bestehen.

Der Krieg war beendet – die Sorgen noch lange nicht

In der Grenzregion endete der Zweite Weltkrieg einige Wochen vor dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen. Bereits am 27. April erreichten die ersten französischen Truppen Jestetten und Lottstetten. Der Bürgermeister empfing diese am Ortseingang, etwa dort, wo heute ein Supermarkt steht. Die Truppen durchsuchten ein paar Häuser und zogen dann wieder ab. In Altenburg kehrten sie in das Gasthaus Adler ein und tranken Wein, ehe sie auch dort wieder abzogen.

Altenburg war damals ein Bauerndorf: Die meisten Bewohner lebten von der Landwirtschaft, die Strassen waren weitgehend ungeteert und staubig. Für Kinder sollte es noch auf Jahre hinaus ganz natürlich sein, dass sie nach der Schule in den Wald gingen, um dort Feuerholz für die Kochstellen zu Hause zu holen. Einige hundert Meter vom «Adler» entfernt befand sich das Haus von Erna Höfler. Ihr Mann Siegfried hatte im Afrikakorps gedient und galt zu diesem Zeitpunkt seit einigen Jahren als «vermisst» – was zu dieser Zeit meistens bedeutete, dass ihr Mann wohl nie heimkehren würde.

Seinen Sohn Winfried hatte Höflers Mann nie gesehen. Die Ankunft der Franzosen beobachtete die Frau mit Sorge, aber nach den harten Kriegsjahren auch einer gewissen Erleichterung, dass das Schlimmste wohl jetzt vorbei war.

Für Bewohnerinnen und Bewohner des Zipfels kam das aber erst noch.

Plötzlich müssen alle weg

Die französischen Truppen verhängten als erste Amtshandlung eine rigorose Ausgangssperre, die jeweils von 19 bis 7 Uhr galt, niemand durfte den Ort verlassen. Wer deutsche Soldaten versteckte, hatte mit Erschiessung zu rechnen. «Wir hatten Angst», erinnerte sich Erich Danner in einem früheren Gespräch mit den SN. Waffen im Haus, Fotoapparate – alles konnte zu drakonischen Strafen der Siegermächte führen.

Die Bekanntmachung der französischen Besatzungsmacht. Bild: Archiv Gemeinde Jestetten

Am 14. Mai dann aber kam der Schock: Um 19 Uhr gingen von den Franzosen eingesetzte Dorfpolizisten durch die Strassen und verkündeten, dass am nächsten Tag um 8 Uhr alle Personen «evakuiert» werden mussten. Insgesamt 6000 Menschen, viele davon noch Kinder.

«Wir haben in der Nacht alles gepackt, was irgendwie von Wert war, und in zwei Handkarren verstaut.»

Erich Danner, Zeitzeuge

«Wir haben in der Nacht alles gepackt, was irgendwie von Wert war, und in zwei Handkarren verstaut. Pferde hatten wir damals ja keine mehr, die waren ja alle an die Front gebracht worden», so Danner. Ähnlich verhält es sich bei Erna Höfler, die das Nötigste zusammenraffte.

Lange war unklar, was die Gründe für diese «Evakuierung» waren. Gab es versprengte SS-Truppen in dem Gebiet? Hatte eventuell sogar die Schweiz ihre Finger im Spiel und wollte den Jestetter Zipfel einverleiben? War es Willkür der Siegermächte? Zig Gerüchte machten damals die Runde, wenngleich die Erklärung simpler war: Es war einfacher für die Franzosen, die so einen viel kleineren Grenzstreifen zu überwachen hatten.

Evakuierung ist für die Grenzregion eine Hiobsbotschaft

Für den Kanton Schaffhausen war die Evakuierungsanordnung hingegen alles andere als wünschenswert: Die geräumten Gebiete waren wirtschaftlich von der Schweiz abhängig und die Räumung daher auch ein wirtschaftlicher Nachteil für die Schweiz. Man machte sich Sorgen um die Felder und Tiere, die so nicht mehr bestellt und versorgt werden konnten und die eventuelle Gefahr von Seuchen, wenn diese verenden sollten.

Laut Befehl des französischen Stabschefs durfte daher pro 500 Personen eine Person bleiben, weiter wurde ein Gendarm für jede Gemeinde eingesetzt. Angestellte und Arbeiter der Industrie, welche zugunsten der Armee arbeiten, mussten auch nicht weg sowie Angestellte und Arbeiter der öffentlichen Betriebe wie Wasser, Gas und Elektrizität.

Schweizer Staatsangehörige waren von vorneherein von der Evakuierung ausgeschlossen, mussten sich aber als solche ausweisen können.

«Strassen wie heute gab es damals noch nicht. Teilweise mussten wir uns durch kniehohes Gras durchschlagen.»

Erich Danner, Zeitzeuge

Für die, die nicht so viel Glück hatten, ging es in Richtung Schwarzwald, wo sie auf verschiedene Orte verteilt wurden. Eine Tortur für die meisten, wie Danner sich erinnert. «Strassen wie heute gab es damals noch nicht. Teilweise mussten wir uns durch kniehohes Gras durchschlagen. Es war ja auch niemand da, der die Wiesen mähte. Die Männer waren ja alle im Krieg.»

Schläge und Prügel – aber Obdach

Für Höfler kam es dabei besonders dick: Die Schuhe ihres kleinen Sohnes waren irgendwann weg. Vielleicht waren sie geklaut worden, vielleicht hatte das Kind sie verloren. So oder so: Sie musste ihn nun auch tragen.

Erich Danner kam nach Aichen, ein kleines Schwarzwalddorf, fast 40 Kilometer entfernt vom Zipfel. «Wir wussten schlicht nicht, wo wir hinkommen», erinnerte er sich. Obwohl er erst zehn Jahre alt war, musste er direkt voll anpacken. «Ich musste mich um Tiere kümmern, das Feld pflügen – alles, was nötig war.»

Viele Vertriebene wurden freundlich aufgenommen, woraus bis heute enge Verbindungen zwischen den Schwarzwaldgemeinden und den Zipfel-Orten herrscht. Andere hatten nicht so viel Glück, etwa Erna Höfler. Der Bauer, der sie aufnehmen musste, hatte wenig Freude daran, dass er eine Frau mit Kind und einer gebrechlichen Mutter einquartieren sollte. Das liess er vor allem Höflers Sohn regelmässig spüren. Er sperrte ihn in die Scheune ein, schlug ihn – aber seine Mutter konnte sich nicht wehren, war sie doch auf die Unterkunft dort angewiesen.

Die Zurückgebliebenen versuchten teils verzweifelt, die Ernte einzufahren und die Tiere zu versorgen, was aber mehr schlecht als recht gelang. Was aber die Vertriebenen in der Ferne nicht wussten: Einige der Zurückgebliebenen nutzten die Situation schamlos aus. Da die Franzosen explizit befahlen, dass die Haustüren nicht verschlossen werden durften, gingen viele derer, die nicht vertrieben worden waren, auf Diebestour durch die leerstehenden Häuser. An Dreistigkeit kaum zu überbieten: Einige trugen die geklauten Dinge später offen zur Schau.

Späte, brutale, Rache an Dieben

Erich Danner erinnerte sich an einen Jungen, der offensichtlich seine Turnschuhe geklaut hatte. «Dafür habe ich ihm ein paar auf die Nase gegeben und mir die Schuhe wiedergeholt.» Auch Erna Höfler fand bei ihrer Rückkehr ihr Haus geplündert und die Sachen später im Besitz ihrer Nachbarn.

Da es sich dabei oft um Schweizerinnen oder Schweizer handelte, sorgte das auf viele Jahre für böses Blut in den Gemeinden gegenüber den Nachbarn von ennet der Grenze. Teils schlug diese auch in Gewalt um. Danner erinnerte sich an einen Fall, als ein «Zurückgelassener» eines Abends aus einem Gasthaus in Jestetten kam. Es war bekannt, dass der Mann während der Evakuierung gestohlen hatte. Mehrere Personen lauerten ihm auf und prügelten ihn spitalreif. Ein anderer, der wegen eines anderen Deliktes ins Zuchthaus kam, wurde wegen seinen Beteiligungen bei den Plünderungen im Knast sogar totgeschlagen.

Es dauerte bis zum 17. Juli, dann durften die ersten Familien wieder nach Hause. Manche mussten noch länger warten, bis im September, etwa Erich Danner und Erna Höfler.

Dort wartete wenigstens auf Höfler eine schöne Überraschung: Ein Kriegsheimkehrer erzählte ihr, dass ihr Mann noch am Leben und in französischer Kriegsgefangenschaft sei. Drei Jahre später kam er dann wieder nach Hause.

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