Nationales Gedenken: So trauert Schaffhausen um die Opfer aus Crans-Montana
In der Schweigeminute am Freitagmittag steht die Stadt still. Viele Schaffhauserinnen und Schaffhauser zeigen Mitgefühl und tiefe Anteilnahme. Ein Streifzug durch die Stadt.
von Mahara Rösli und Eva Schmid
Kaum Menschen, keine Fahrzeuge, nur Stille. In der Stadt wird es kurz vor 14 Uhr immer ruhiger. Nur vor dem Regierungsgebäude tut sich etwas. Ein Feuerwehrauto nach dem anderen fährt vor. Schwarze Trauerschleifen wehen an den Rückspiegeln der grossen roten Gefährte – ein Zeichen der Solidarität für die Opfer in Crans-Montana. Einige Feuerwehr-Korps aus dem Kanton Schaffhausen versammeln sich an diesem Freitagnachmittag während der nationalen Schweigeminute. Fast 30 Feuerwehrleute sowie der Notfalldienst Schaffhausen kommen zusammen, um gemeinsam zu trauern. Einsatzbereit, mit Helm und Brandweste, stehen sie während mehrerer Minuten unter den Fahnen, die auf halbmast wehen. Vor ihnen auf dem Boden liegt ein Brandschlauch, der zu einem roten Herz geformt ist. Darin brennen 40 Kerzen für die 40 Brandopfer.
«Wichtig ist, dass Einsatzkräfte das Erlebte verarbeiten können und Hilfe erhalten. Aber vergessen wird man ein solches Ereignis nie. Das weiss ich aus eigener Erfahrung», sagt Feuerwehrinspektor Jürg Bänziger. Seit der Katastrophe seien die Feuerwehren des gesamten Kantons in Gedanken bei den Brandopfern und Einsatzkräften gewesen. «Wir haben uns im Team viel ausgetauscht.»
Ein Ort des Austauschs
Die Idee zu dem Gedenken hatte Aram Sahakyan, der seit 18 Jahren als Freiwilliger für die Feuerwehr Neuhausen Oberklettgau im Einsatz steht. Auch er hat schon tödliche Feuerwehreinsätze erlebt. «Als Feuerwehroffizier und Vater geht mir die Katastrophe in Crans-Montana besonders nahe. Deshalb war es mir wichtig, dass alle Feuerwehrleute, die möchten, hier einen Ort zum Trauern und Verarbeiten haben.» Es soll ein Ort des Austauschs sein, wo jeder und jede seine Gedanken platzieren kann. Die Kerzen werden noch bis Samstag um 17 Uhr brennen. Dass man das Gedenken so rasch und unkompliziert organisieren konnte, sei auch dank der Schaffhauser Regierungsräte möglich geworden.
Ein weiterer Ort, an dem an diesem Tag den Opfern, Verletzten und ihren Angehörigen gedacht wird, sind die Kirchen in Schaffhausen, die alle um 14 Uhr offen sind. In manchen von ihnen stehen Kerzen bereit, Geistliche und teilweise auch Seelsorgende sind vor Ort. In die Kirche St. Johann kommen rund 100 Menschen, die Kirchenbänke sind gut gefüllt. Über die grosse Resonanz ist der Pfarrer der Kirchgemeinde St. Johann-Münster, Roland Diethelm, überrascht. Er habe mit weniger gerechnet. «Ich glaube aber, es ist vielen Menschen ein Bedürfnis, dass man zusammensteht und miteinander traurig ist», so Diethelm. Begleitet von Orgelmusik spricht der Pfarrer ein Gebet, das die Waadtländer Kirche den evangelischen Kirchen in der Schweiz zur Verfügung gestellt hat. Einigen Kirchenbesuchern rollen Tränen über die Wangen, Taschentücher werden herausgeholt.
«Ich glaube, es ist vielen Menschen ein Bedürfnis, dass man zusammensteht und miteinander traurig ist.»
Die Menschen in der Kirche können kleine Kerzen anzünden. Am Ende des Gedenkens wird die mit Sand gefüllte Schale voller Lichter sein. «Es war sehr intensiv, aber ich hatte das Bedürfnis, hierherzukommen und mich mit den Trauernden und allen anderen Menschen verbunden zu fühlen», sagt eine Frau aus Schaffhausen. Sie ist zusammen mit zwei Freundinnen gekommen, alle drei betonen, dass die Kirche für sie ein geschützter Raum für Trauer sei und «es wichtig war, ein Zeichen zu setzen».
Auch eine Lehrerin der Sonderschule Sandacker sitzt an diesem Freitagmittag mit sechs Schülerinnen und Schülern in den Kirchenbänken von St. Johann. Sie wollte die Schweigeminute nicht im Klassenzimmer halten, sondern an einem anderen, aus ihrer Sicht passenderen Ort. Die Augen einiger Schülerinnen sind nach dem Gedenken glasig, die Stimmung gedrückt. Dass jungen Menschen in dieser Zeit Gemeinschaft helfe, um die Tragödie zu verarbeiten, davon ist Pfarrer Pius Troxler überzeugt. In der Kirche Santa Maria hat er am Freitag eine kleine Andacht gehalten.
Tiefes Mitgefühl bei Schülern
Gemeinsam zu schweigen und innezuhalten, das erleben am nationalen Trauertag etliche weitere Schaffhauser Schülerinnen und Schüler. Ganz unterschiedlich wird die Schweigeminute wahrgenommen: «Wir haben die Fenster aufgemacht, um die Glocken zu hören», berichtet ein Schüler des Schulhauses Alpenblicks. Die Stimmung sei bedrückend gewesen. Eine Schülerin aus dem Bachschulhaus findet das gemeinsame Schweigen sehr schön, «man denkt an Menschen, die man nicht kennt, das finde ich wichtig». Sie würde sich wünschen, dass man das auch bei anderen Katastrophen, auch solchen, die geografisch weiter weg sind, mache.
Für eine Schülerin der Kanti zählt vor allem, dass die Schweigeminute ein Zeichen sei, sich Zeit zu nehmen und Solidarität zu zeigen. Tiefes Mitgefühl haben auch Schülerinnen und Schüler einer Klasse der HKV. So eine Katastrophe könne überall passieren, sagt eine Schülerin. Etliche der jungen Schaffhauserinnen und Schaffhauser betonen im Gespräch, dass die Katastrophe hätte vermieden werden können; bei manchen herrscht Unverständnis, dass man eher filmt, als zu fliehen oder Menschen zu retten.
«Ich glaube, dass die Angehörigen gespürt haben, dass die ganze Schweiz mit ihnen leidet und sie nicht alleine sind.»
«Wir können dem Leben keine Tage hinzufügen, aber wir können den Tagen Leben hinzufügen», sagt ein Jugendlicher bei der Gedenkzeremonie in Martigny. Es sind vor allem solche Worte, die Angehörige und die vielen Politikern und Staatsgästen bewegen. So auch Cornelia Stamm Hurter, Regierungspräsidentin des Kantons, die zusammen mit ihrem Vize, Dino Tamagni, als Schaffhauser Vertretende ins Wallis gefahren sind. «Das ist sehr ans Herz gegangen, auch weil klar wurde, dass die jungen Menschen aus dem Unbeschwerten herausgerissen wurden.» Die Zeremonie sei ein schwerer Gang gewesen, «aber ich glaube, dass die Angehörigen gespürt haben, dass die ganze Schweiz mit ihnen leidet und sie nicht alleine sind».