Neue Musik aus Schaffhausen: David Cesare offenbart sein Innerstes
Die Schaffhauser Musikszene hat ein neues Album hervorgebracht: «2005» von Diordaviddd, aka David Mattia Cesare, ist ein bewegendes Erstlingswerk über Liebe, Verlust und Familie, das sich teilweise zu sehr auf Vertrautes verlässt.
Es ist ein regnerischer, grauer Montag, als wir David Mattia Cesare, auch bekannt unter seinem Künstlernamen Diordaviddd, in der Stadt Schaffhausen treffen. Das graue Novemberwetter ist allerdings schnell vergessen, als er uns in das gemütlich eingerichtete Studio von Touch Productions führt, in dem er sein erstes Album «2005» aufgenommen und produziert hat. Der mit Sofas, Bildern und Schaumstoff ausgekleidete Luftschutzbunker unter dem Swica-, Baloise- und Migros-Bank-Gebäude ist seit mehreren Jahren das Reich von Anthony Gorsich, auch bekannt als Tony Dean, in Florida geborener Wahlschaffhauser, Musiker und Produzent.
Gorsich stand bereits auf der Bühne des «Openair Frauenfeld» und hat Cesare unter seine Fittiche genommen. Er stand ihm auch bei der Produktion von «2005» zur Seite. «Es ist ein sehr persönliches Album», sagt Cesare, der sich insbesondere im R&B-Genre zu Hause fühlt, nun auf einer der drei Couchs sitzend. «Ich spreche selten so ehrlich über mich selbst. Ich glaube, es gibt viele Leute da draussen, die gewisse Themen nachvollziehen können.» Das Album ist ausserdem gespickt mit Symbolik: 2005 ist das Jahr, in dem er geboren wurde, die 20 Songs auf dem Album stehen für seine 20 Lebensjahre, und die fünf Songs, die er zusammen mit anderen Künstlern aufgenommen hat, stehen für den fünften Monat des Jahres, Mai, in dem er geboren wurde.
«Ich spreche selten so ehrlich über mich selbst.»
Tod des Zwillingsbruders und Grossvaters verarbeitet
Besonders am Anfang des Albums widmet er sich sehr persönlichen Themen wie dem Tod seines Zwillingsbruders oder seinem Grossvater, den er nie kennenlernte. Im weiteren Verlauf des auf Englisch, Italienisch und Spanisch verfassten Albums werden überwiegend Themen wie Liebe, Sex und Trennungsschmerz behandelt, die Cesare insbesondere in den letzten Jahren beschäftigten. Doch der Reihe nach.
Der heute 20-jährige Cesare wurde in Bülach, Zürich, geboren und wuchs in Küsnacht auf. Seit zwei Jahren ist er Vollzeit als Musiker und Produzent tätig. Seit ebenfalls zwei Jahren wohnt er in der Stadt Schaffhausen, und seine offizielle Diskografie auf Spotify und Apple Music geht ebenfalls zwei Jahre zurück und beginnt mit seiner bisher erfolgreichsten Single «LOVE YA», die bereits über 700’000 Aufrufe auf Spotify verzeichnet.
«Angefangen hat eigentlich alles mit der EP ‹Memories of 2005›», sagt Cesare. «Ich habe mir letztes Jahr viele Gedanken gemacht, insbesondere um meine Familie und Leute, die ich vermisse oder verloren habe.» Er spricht dabei insbesondere von seinem Zwillingsbruder, der bei der Geburt verstarb. «Ich merke bis heute, dass da eine zweite Person fehlt.» Als Kind habe er stundenlang mit seinem Vater über seinen Bruder gesprochen und seine Mutter um einen weiteren Bruder angefleht. Auch dass er seinen Grossvater nie kennenlernte, da dieser noch vor seiner Geburt verstarb und er seine Grossmutter, die «wie eine Mutter» für ihn gewesen sei, ebenfalls bereits verloren hat, beschäftigte ihn stark. «Ich habe stark gemerkt, dass mir diese Menschen fehlen, und dann habe ich mir Gedanken gemacht; wo sind die eigentlich?»
«Ich habe stark gemerkt, dass mir diese Menschen fehlen, und dann habe ich mir Gedanken gemacht; wo sind die eigentlich?»
Zu seinem Grossvater trägt Cesare eine Verbindung im Namen und um den Hals: Mattia, der Vorname des Grossvaters, ist sein Mittelname, und die goldene Halskette mit Kruzifix und Chilischote – Cornicello – erinnert Cesare täglich an ihn und seine italienischen Wurzeln.
Starker Anfang, repetitiver Rest
Um seine Beziehung zu Bruder und Grossvater weiter zu erforschen, machte er sich daran, sein erstes Album zu produzieren, quasi als Ergänzung zur 2024 erschienenen EP «Memories of 2005», in der er sich zum ersten Mal mit seinen Kindheitserinnerungen auseinandersetzt. «So habe ich das in der Schweiz noch nie gesehen», sagt Cesare, durchaus stolz auf sein Werk. In der Umsetzung verlässt er sich dann aber stark auf Bewährtes: Nur in wenigen Songs widmet er sich tatsächlich seinem verstorbenen Bruder und den Grosseltern, was insofern schade ist, da diese Lieder mit zu den besten des Albums gehören.
Nichtsdestotrotz sind die Songs «easy to listen», also angenehm zu hören, und die instrumentale Begleitung abwechslungsreich. Sein meist zurückhaltender Einsatz von Autotune hilft, seine Emotionen deutlicher zu vermitteln, auch wenn er sich meist auf derselben, etwas zurückhaltenden stimmlichen Ebene bewegt. Das Potenzial für mehr ist aber da. Das Album ist ein sehr solides Erstlingswerk und vermittelt einen brutal ehrlichen Blick auf das erst 20 Jahre dauernde Leben Cesares.
Es vermittelt aber auch den Eindruck, dass die wichtigsten Ereignisse in seinem Leben bisher der Tod seines Bruders, der Verlust seiner Grosseltern und zwei Beziehungen, die in die Brüche gegangen sind, waren. «Das stimmt genau», sagt Cesare dazu bloss. «Wenn ich Musik mache und Texte schreibe, dann schreibe ich meistens über das, was ich gerade fühle.» Er vermeide absichtlich eine zu durchdachte Albumstruktur, wolle insbesondere seine Gefühle sprechen lassen. Ausserdem sollte das Album nicht zu traurig werden, trotz der schweren Themen, die er anspricht. «Das Leben hat immer eine negative und eine positive Seite. Das ist auch in diesem Album die Message.»