Drei Event-Profis wollen den Schaffhauser Partytempel retten: So soll das Orient-Revival gelingen
Eine Institution des Schaffhauser Nachtlebens ist nun Geschichte: Das Orient gibts nicht mehr. Dennoch soll ein neues Kapitel im Partytempel aufgeschlagen werden. Drei Männer wollen an der Stadthausgasse mit neuem Konzept und neuem Namen durchstarten. Mit diesem Abenteuer sind aber auch Risiken verbunden.
In den Hallen an der Stadthausgasse 13 hat so manch Schaffhauser Seele das Tanzbein geschwungen, sich verliebt und vielleicht auch die eine oder andere Peinlichkeit begangen. Für das lokale Partyvolk gibt es nun eine gute und eine schlechte Nachricht.
Die schlechte Nachricht: Das Orient ist nach knapp 30 Jahren Geschichte. Die gute Nachricht: Das Ende bedeutet keinen Filmriss für das Nachtleben, vielmehr markiert es einen Neuanfang. Denn Orient-Besitzer Metin Demiral ist es gelungen, eine Nachfolge für die Leitung des Traditionsklubs zu finden.
Im Mai machten die SN publik, dass das Team um Betreiberin Karin Stoll, die in der Unterstadt auch die Bar «No13» führt, den Mietvertrag per Ende Juli gekündigt hatte. Was mit dem Klub passieren sollte, war zunächst unklar. Nun aber übernehmen drei Männer das Ruder, von denen Demiral sagt: «Sie waren meine absoluten Wunschkandidaten – und zwar schon seit fünf Jahren.»
Das Comeback eines erfolgreichen Pop-up-Klubs
Dabei handelt es sich um bekannte Namen in der Schaffhauser Event-Szene: Tobias Hunziker, Sebastian Waldmeier und Livio Filomeno. Hunziker und Waldmeier sind mit ihrer Eventmodus GmbH schon seit rund zehn Jahren eine feste Grösse im Schaffhauser Veranstaltungskalender – sei es mit dem Lindli Fäscht, dem Street Food Festival oder jüngst mit der Übernahme der neben dem Orient gelegenen Beiz Bermuda.
«Wir müssen vom Schema, freitags und samstags die immer gleichen Partys zu schmeissen, wegkommen. Das läuft sich schnell tot.»
Der gebürtige Aargauer Hunziker ist durch seine Tätigkeit als Rapper und Produzent in die Eventbranche gerutscht. «Ich habe viele Konzerte gespielt und irgendwann hat es mich auch interessiert, wie man Konzerte veranstaltet.» Mit Waldmeier verbindet ihn nicht nur das Geschäft, die beiden sind seit über 30 Jahren befreundet.
Der in Schaffhausen aufgewachsene Waldmeier hat schon früh seine Liebe zu Events entdeckt: «Mit 16 habe ich meine erste Party organisiert, damals im Jugendkeller.» Seither ist er als Party- und Konzertveranstalter tätig. Zudem konnte man ihn schon bei vielen Events hinter dem DJ-Pult unter seinem Alias Mack Stax erspähen.
Der Dritte im Bunde, der 29-jährige Filomeno, hat seine Laufbahn als Eventveranstalter im Jahr 2016 angefangen. Mit seinem Hip-Hop-Label «Unique Schaffhausen» startete er zunächst in der BBC-Arena, später folgten Stationen in der Kammgarn, im Taptab und im Güterhof. «Events sind meine Leidenschaft», sagt Filomeno. «Man tut etwas für die Kultur, für die Mitmenschen. Es geht einfach darum, tolle Erlebnisse zu erschaffen.»
Dass er nun im Orient seine Duftmarken setzen kann, erfülle ihn mit Stolz. «Das Orient war einer meiner ersten Berührungspunkte mit dem Ausgang. Es ist eine Schaffhauser Institution.»
In dieser Institution stehen die Zeichen nun auf Umbruch, was sich schon bald an der Fassade des Gebäudes zeigen wird. Denn der Name «Orient» wird nun zu Grabe getragen. Im Gespräch mit den SN enthüllt das neue Betreiber-Trio, dass der Klub fortan «Quartier» heissen werde.
Der Name ist nicht zufällig gewählt. Von 2018 bis 2022 betrieben Hunziker und Waldmeier unter dem Namen «Quartier» einen Pop-up-Klub in den Hallen am Rhein. Hunziker: «Als wir damals aufgehört haben, sagten wir bereits: Es ist kein ‹Goodbye›, sondern ein ‹Auf Wiedersehen›. Wir haben schon lange den Wunsch gehegt, dass das ‹Quartier› wieder irgendwo aufpoppen kann.»
Das neue «Quartier» an der Stadthausgasse sei «ein Pop-up-Klub auf unbestimmte Zeit», erklärt Waldmeier. «Wir können uns auch vorstellen, länger zu bleiben, da wir viele spannende Ideen haben, die wir gerne umsetzen möchten.»
Droht Schaffhausen die Partydeflation?
Die Frage, wie man das Ausgangspublikum in Schaffhausen begeistern kann, treibt nicht nur das «Quartier»-Team um. In den Altstadtgassen ist es in den letzten Jahren ruhiger geworden. Das Domino an der Repfergasse machte 2020 dicht. Der «Esel» (ehemals Tabacco) vis-à-vis ging im Frühling Konkurs. Derweil steckte das Taptab im Sommer 2024 dermassen in Geldnöten, dass eine Spendenaktion gestartet wurde, um sich aus der finanziellen Schieflage zu befreien.
Auch das Orient hat schwere Jahre hinter sich. Mit Hunziker, Waldmeier und Filomeno folgt nun der dritte Betreiberwechsel innert fünf Jahren. Dass sie vor einer Herausforderung stehen, ist ihnen klar: «Wir sind uns bewusst, dass es keine einfache Zeit ist, um eine solche Location zu übernehmen», sagt Hunziker. «Jedoch freuen wir uns riesig auf die neue Herausforderung und sind sehr zuversichtlich.»
Warum aber kränkelt das Nachtleben in der Munotstadt? «Das Ausgangsverhalten, vor allem bei der Ü30-Generation, hat sich verändert», sagt Waldmeier schulterzuckend. «Fitnesstrends in den sozialen Medien oder auch die Corona-Pandemie haben da sicher zuletzt eine Rolle gespielt.»
Trotz der Partydeflation gibt sich das Betreiberteam gelassen. Filomeno meint: «Es gibt nach wie vor Events in Schaffhausen, welche die Leute begeistern. Auch deshalb haben wir Lust, unsere Ideen im ‹Quartier›-Klub auszuprobieren. Kultur lebt von Mut: Ohne das Risiko, Neues auszuprobieren und dranzubleiben, verliert die Stadt Schritt für Schritt an Vielfalt. Als langjährig Engagierte in der Eventbranche sehen wir uns deshalb auch in der Verantwortung, uns für die Kultur einzusetzen.»
Traditionsklub bekommt «Facelifting»
Über das Konzept des neuen «Quartiers» wollen die Betreiber noch nicht zu viel preisgeben. Ihr Fokus ist aber klar: Vielfalt. «Wir müssen vom Schema, freitags und samstags die immer gleichen Partys zu schmeissen, wegkommen. Das läuft sich schnell tot», sagt Hunziker. «Natürlich wird es weiterhin Partys geben, aber wir wollen auf ganz unterschiedliche Formate setzen: Firmenevents, Vernissagen, Konzerte, Podiumsdiskussionen, Salsa-Abende – all das wird bei uns stattfinden.» Zudem bestehen Pläne, die Synergien mit dem benachbarten «Bermuda» zu nutzen. Allerdings sollen beide Betriebe nach wie vor eigenständig bleiben.
Auch was das Publikum anbelangt, wolle man sich nicht spezialisieren. «Bei uns soll es einen Platz für alle geben, egal ob jung oder alt», sagt Hunziker. «Solange man respektvoll miteinander umgeht.» Waldmeier fügt an: «Wir wollen den Zusammenhalt aufleben lassen. Das haben wir manchmal in den letzten Jahren in Schaffhausen vermisst.»
Bis es aber so weit ist, gibt es noch viel zu tun. Als die SN die drei Unternehmer im Klub antreffen, ist vom frischen Wind noch nicht viel zu spüren. Das Interieur ist noch grösstenteils unverändert, aber so bleiben soll das nicht. «Es wird ein visuell interessantes Facelifting geben», sagt Filomeno. «Ein grosser Umbau ist zwar nicht geplant, aber die Leute, die das Orient gut kannten, werden den Raum nun neu erleben können.»
Ob die Pläne des «Quartier»-Trios aufgehen, wird sich schon bald zeigen. Der neue Klub feiert seine Eröffnung am 3. Oktober. Was genau auf dem Programm steht, verraten die neuen Chefs an der Stadthausgasse noch nicht im Detail.
Was sie aber versprechen: Es werde gute Musik geben und die Gäste können eine gute Zeit haben. Ob man dort tanzen, sich verlieben oder eine Peinlichkeit erleben kann – das muss man wohl selbst herausfinden.