Erdrutsche stellen Kantone vor Rätsel

Autor
Mark Gasser

Keuchende Velofahrer, rätselnde Anwohner: Die Hangrutsche am Rheinfallweg bei Flurlingen und zwischen Nohl und Neuhausen sorgten seit Januar für Umleitungen und einen neuen Schleichweg.

Zwischen Schloss Laufen und Flurlingen kam es Mitte Januar zu zwei grösseren und zu weiteren kleineren Hangrutschen. Zunächst hiess es seitens des Kantons, die Wegsanierung müsse wegen des weichen Bodens aufgeschoben werden. Das ist nun fünf Monate her. Die einzig sichtbare Veränderung in letzter Zeit: Die Absperrungen vor den zwei kaum passierbaren Haufen Geröll und Geäst wurden nochmals verstärkt. Signalisation und Wegweisung seien auf Wunsch der beiden Gemeinden ergänzt worden, teilt der Kanton Zürich auf An-frage mit. «Schade, dass sie den Zugang nun verbarrikadiert haben», meinte gestern Abend ein Jogger, der sich durchs Gestrüpp kämpfte. «Aber ich dachte mir: Jetzt will ich es wissen.» Die Umleitung des Wanderwegs erfolgt eigentlich über die Bahnbrücke, jene für Velofahrer über den Radweg den Kirchweg entlang über Laufen-Uhwiesen.

Martin Harzenmoser, ein Anwohner, der täglich viele Velotouristen den steilen Kirchweg – die ausgeschilderte Ausweichroute – hinaufächzen sieht, bedauert diese Situation. Nicht selten kämen vor allem ältere ­Velofahrer an die Grenze ihrer Kräfte. Das Thema ist auch Gesprächsthema in Flurlingen, da viele Fussgänger betroffen sind. Eine Erklärung, warum im Gebiet Buechhalde der Weg nicht frei werde, hätte die Bevölkerung verdient, findet er. «Tag für Tag beobachten wir Velofahrer, die mehr oder weniger ratlos am Kirchweg stehen und sich fragen: Müssen wir wirklich da rauf?»

So lässt die lange Sperrung bislang viele rätseln: Erdrutsche, welche Kantonsstrassen betreffen, werden meist schnell beseitigt. Unverständlich scheint daher, dass die wohl beliebteste Velo- und Fussgängerstrecke vom und zum Schloss Laufen nicht schneller saniert wird. Auf Anfrage erklärt die Baudirektion des Kantons Zürich, der als Eigentümer die Eröffnung des Wegs nicht verantworten will, den Grund: Es seien geologische Abklärungen entlang des Wegs durchgeführt worden, die inzwischen abgeschlossen seien. Diese seien sehr umfangreich gewesen, weil das Gebiet ausserhalb der festgesetzten Naturgefahrenkarte liege und deshalb bislang keine Basisdaten vorgelegen hätten. Eine Risikoanalyse habe nun ergeben, dass es zu weiteren Erdrutschen kommen könnte. «Aufgrund der Ergebnisse werden nun verschiedene bauliche Massnahmen geprüft. Bis diese umgesetzt sind, dauert es noch eine Weile. So lange wird der Weg gesperrt bleiben, und der Kanton Zürich lehnt jede Haftung für die Benutzung des Wegs ab», erklärt Thomas Maag, Sprecher der Baudirektion Kanton Zürich.

«Das Lockergestein ist nur zwischen einem halben und drei Meter dick auf dem Felsen – das ist relativ wenig.»

Thomas Maag, Sprecher Baudirektion Zürich

Dass der Hangrutsch von einer maroden Strassenentwässerung der A4 kommen könnte, wie einige glauben, stimme nicht. «Es ist eine geschlossene Leitung, die nicht defekt ist», sagt Maag. «Zwischen den beiden besteht kein Zusammenhang», zitiert er den zuständigen Geologen. Hangrutsche habe es an diesem Hang immer gegeben. Solche entstünden bei viel Niederschlag. Problematisch sei zudem, dass der Hang auf der ganzen Länge zwischen 40 und 45 Grad steil sei. «Und das Lockergestein ist nur zwischen einem halben und drei Meter dick auf dem Felsen – das ist relativ wenig», sagt Maag. Je weniger Lockergestein, desto höher die Gefahr, dass es sich durch viel Wasser löse. Durch die starken Regenfälle im Januar sei das Ausmass nun eben grösser: «Das ist natürliche Erosion.»

«Permanente Rutschung»

Die Ergebnisse lassen erahnen, dass mehr als Flickwerk zur Befestigung notwendig sein wird: Die geologischen Untersuchungen hätten ergeben, dass nicht nur die Gefahr von Hangmuren bestehe, sondern dass sich der gesamte Hang entlang des 1,2 km langen Wegabschnitts in einer permanenten Rutschung befinde. Der Kanton bleibt aber vage, was die Sicherung des Wegs betrifft. Nun müsse anhand der Risikoanalyse geprüft werden, ob und wie der Hang gesichert werden könne oder ob lokale Reparaturarbeiten finanzierbar und wirkungsvoll wären. Maag spricht von umfassenden baulichen und finanziell sehr aufwendigen Massnahmen. Dabei gehe es dem Kanton nicht ums Sparen: «Vielmehr sind hier die werkeigentümerrechtlichen Aspekte ausschlaggebend, die es zurzeit nicht zulassen, den Weg für den Fuss- und Radverkehr freizugeben.» Mit anderen Worten: «Wenn dort eine Familie mit drei Kindern verschüttet werden würde, wären nicht jene haftbar, die nun Massnahmen fordern, sondern der Kanton Zürich.»

Auch Läufer müssen ausweichen

Auch aus sportlicher Sicht hätte eine längerfristige Sperrung des Rheinuferwegs Konsequenzen: Der Rundweg zum Rheinfall ist eine der beliebtesten Laufstrecken der Region. Wahrscheinlich ist auch, dass der Rheinfalllauf in diesem Jahr den Kirchweg hoch über die Ausweichstrecke, den Veloweg über Uhwiesen zum Schloss Laufen, entlanggeführt werden muss.

Etliche Radfahrer wählen nun den Weg des geringsten Widerstands, statt den Kirchweg hochzustrampeln: Sie weichen auf die Neuhauser Seite aus und kürzen teilweise via direkten Fussgängerweg die Strecke ab. Gerade auf der engen Rheinfallbrücke oder beim schmalen Weg entlang der SIG kommt es so zu brenzligen Situationen.

Auf die Frage, ob die beiden Kantone und die Gemeinden wegen alternativer Routen auf Neuhauser Seite im Gespräch sind, kündigt die Baudirektion des Kantons Zürich demnächst eine Besprechung mit der Gemeinde Neuhausen an. Dabei sollen allfällige Alternativrouten auf der Schaffhauser Seite des Rheins geprüft werden, so Maag. Aus Sicht von Martin Harzenmoser wäre das für viele Radfahrer zumindest mittelfristig eine Entlastung. Allerdings müsste dann für jene eine Lösung gefunden werden, die zum Schloss Laufen gelangen wollen.

Auf Schaffhauser Seite soll eine Palisadenwand Wanderer schützen

Nicht nur auf Zürcher, sondern auch auf Schaffhauser Seite hat es nahe dem Rheinfall Anfang des Jahres einen lokalen Erdrutsch infolge starker Regenfälle gegeben. Unterhalb des Rheinfallparkplatzes 4 nahe der Ortschaft Nohl haben sich Erdmassen gelöst und den darunterliegenden Wanderweg auf einer Breite von etwa 20 Metern verschüttet. Das Baudepartement des Kantons Schaffhausen hat in der Folge ein geologisches Gutachten in Auftrag gegeben (SN vom 16. März). Die Ergebnisse liegen nun vor.

Keine komplette Hangsanierung

Demnach wäre eine grossflächige Hangsanierung sehr aufwendig, teuer und schwierig umzusetzen. «Der Hang ist aufgrund des bestehenden Böschungswinkels und der Geologie nicht stabil», sagt Kantonsingenieur Dino Giuliani. Bei intensiven Regenfällen könne es auch in Zukunft lokal immer wieder zu Bewegungen kommen. Auch in der Vergangenheit sei es schon zu Hangrutschen gekommen. Giuliani berichtet, dass ihm eine Anwohnerin aufgrund der ersten Berichterstattung in den «Schaffhauser Nachrichten» über den Hangrutsch das Foto eines Gemäldes aus dem Jahr 1937 zugesandt habe. Auf diesem ist ein Erdrutsch an ebenjener Stelle zu sehen, an der es nun wieder Bewegungen gegeben hat.

Derzeit prüft der Kanton Schaffhausen, ob entlang des Rheinuferwegs auf einer Länge von ungefähr 250 Metern eine möglichst unauffällige Palisadenwand erstellt werden kann, um den Rheinuferweg wieder zu öffnen. Die Wand müsse genügend Sicherheit für die Fussgänger bieten. Das sei das oberste Ziel, so Kantonsingenieur Giuliani. Sobald das Projekt samt Kostenschätzung vorliege, werde der Regierungsrat über die Umsetzung entscheiden. Natürlich sollten die Kosten verhältnismässig sein, so Giuliani. Auch wenn der Rheinuferweg schön sei, handle es sich nur um ein 250 Meter langes Teilstück, das derzeit nicht begehbar sei.

Frage der Bewilligung

Die Finanzierung ist dabei nicht der einzige entscheidende Faktor. «Die Frage ist auch, ob die Palisadenwand bewilligungsfähig wäre», so Giuliani. Seit dem Hangrutsch wird der Wanderweg aus Sicherheitsgründen über den Parkplatz 4 umgeleitet. Tiefbau Schaffhausen rechnet damit, dass die Umleitung mindestens bis Herbst bestehen bleibt. (sba)

 

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