Mit dem Schlafsack in der Kirche
Der reformierte Pfarrer Werner Näf ist erst seit dem 1. Juni in seinem neuen Amt in Gächlingen. Nun sorgt der 56-Jährige mit einer aussergewöhnlichen Aktion bereits für Gesprächsstoff im Dorf.
Selbst der reformierte Pfarrer schläft in der Kirche ein – das aber ganz bewusst. Seit Pfingstmontag hat Pfarrer Werner Näf sein Domizil in die Kirchenräume verlegt. Noch bis Sonntag schläft, arbeitet, kocht und isst der 56-Jährige in der Kirche. Nur zum Duschen sucht er sein Zuhause auf – seit Jahren lebt er mit seiner Familie in Gächlingen.
Zwischen den Kirchenbänken hat er seine Matratze und seinen Schlafsack deponiert. «Kalt ist es in der Kirche nicht», sagt der Mann mit der Brille, der erst seit 1. Juni als reformierter Pfarrer von Gächlingen amtet. Am Abend sorgt nur eine kleine Leselampe in seinem neuen und gigantischen Schlafzimmer für Licht. «Das ist eine spezielle Atmosphäre. Besonders schön ist es am Morgen, wenn die Sonnenstrahlen die farbigen Kirchenfenster beleuchten», schwärmt Näf.
«Ich habe nur eine 25-Prozent-Stelle als Pfarrer. Um ein Netzwerk zu stricken und zu Beginn gleich präsent zu sein, habe ich mich zu dieser Aktion entschlossen», sagt Näf. Im Nebenberuf betreibt der umtriebige Pfarrer auch ein IT-Geschäft, das sich unter anderem auf Software für Kirchgemeinden spezialisiert hat. In einer Ecke der Kirche hat er deshalb aktuell auch einen Bürotisch mit Computer aufgestellt. «Die Leute passen sich meiner neuen Wohnsituation an. Kürzlich habe ich das Traugespräch statt im Büro direkt hier in den Kirchenbänken abgehalten. Das kam gut an.»
Es gehe ihm aber nicht darum, eine spezielle Einmannshow abzuziehen, sagt Näf. «Ich will viel mehr eine Botschaft vermitteln. Der Kirchenraum soll ein lebendiger Begegnungsort sein. Hier soll man essen, trinken und sich treffen.» Aber natürlich müsse sich auch die Kirche vermehrt um ihre Gläubigen bemühen, «auch mit solchem Aktionen, die für Aufmerksamkeit sorgen». Auch in seiner Gemeinde würden die Gläubigen nicht immer zahlreich in den Gottesdienst strömen.
Während seiner Ausführungen klimpern Löffel in Suppentellern. An einem Esstisch im Kirchraum hat sich spontan eine Gruppe von Leuten zum Mittagessen getroffen – ganz zur Freude des Pfarrers. «Es gibt bereits ganz neue Begegnungen. Neuzuzüger treffen auf Alteingesessene bei einer einfachen Suppe. Einfach herrlich», schwärmt der 56-jährige Familienvater von vier erwachsenen Kindern.
«Christ sein heisst, auch im Alltag präsent zu sein», sinniert der Kirchenmann weiter, «diese Einstellung zu Jesus soll nicht einfach nach dem Gottesdienstbesuch vom Wochenende abgelegt werden.» Von 1989 bis 2002 war Näf bereits als reformierter Pfarrer in Löhningen tätig, wo er ebenfalls für aussergewöhnliche Farbtupfer gesorgt hatte. «Ich bin dort ab und zu mit meiner roten Elektrogitarre im Gottesdienst aufgetreten», verrät er mit einem Schmunzeln.
Die Leute bringen Essen vorbei
Und gab es auch kritische Stimmen zu seiner aussergewöhnlichen Kirchenaktion? «Mir gegenüber haben sich die Menschen nur positiv geäussert», sagt Näf. «Aber es gibt sicher Kritiker, die denken, was ich hier für einen unnötigen Firlefanz veranstalte und das noch in einer Kirche.»
Die reformierte Kirche in Gächlingen ist nie abgeschlossen. «Bisher gab es aber keine bösen Überraschungen», erzählt der Pfarrer erfreut. «Im Gegenteil: Die Leute bringen mir Essen vorbei, und am Abend sitzt man noch in der Kirche zusammen in meinem neuen grossen Wohnzimmer.»